Musik

»Ich bin ein Geschichtenerzähler«

Der israelische Sänger Oren Lavie über sein neues Album »Bedroom Crimes«, Schlafzimmer und Berlin

Aktualisiert am 15.06.2017, 10:58 – von Katrin RichterKatrin Richter

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Herr Lavie, Ihr neues Album heißt »Bedroom Crimes«. Was muss man sich darunter vorstellen?
Ich meine damit keine Verbrechen im kriminellen Sinne, sondern eher Verbrechen am Herzen. Diese kleinen Notlügen, der kleine Betrug. Es ist schlicht nicht möglich, immer zu 100 Prozent ehrlich zueinander zu sein. Und manchmal müssen wir, wenn wir mit anderen Menschen kommunizieren, schwindeln – besonders aber geschieht das in Beziehungen. Man ist zugleich Partner und Beschützer – das ist sehr komplex und in einigen Situationen muss man um die Wahrheit einen Bogen machen. Ich dachte: Wenn das kleine Verbrechen sind, dann wäre der passendste Tatort dafür das Schlafzimmer.

Was verbinden Sie mit diesem Raum?
Dort schlafen wir miteinander, dort träumen wir, dort geben wir uns dem Unterbewussten hin. Für mich bekommen Dinge, die tagsüber geschehen sind, im Schlafzimmer eine andere Gestalt.

Was war denn das interessanteste Schlafzimmer, in dem Sie sich je aufgehalten haben?
Ich war natürlich viel in meinem eigenen Schlafzimmer, habe aber schon oft in anderen Städten gelebt, und es gibt diesen besonderen Moment morgens beim Aufwachen. Das, was du siehst, wenn du aus dem Fenster schaust oder wie das Zimmer eingerichtet ist. Vielleicht lässt es sich so zusammenfassen: Die Größe deiner Persönlichkeit geht in der Größe des Zimmers auf. In New York zum Beispiel hatte ich ein winzig kleines Schlafzimmer. Als ich dann nach Berlin zog, hatte ich einen großen wunderschönen Raum mit Fenster zum Garten. Es war eigentlich ein bisschen verwirrend. Und ich habe einige Wochen gebraucht, um mich daran zu gewöhnen. Ich wusste nicht, was ich mit dem ganzen Platz und der Schönheit anfangen sollte.

Was haben Sie dagegen getan?
Ich habe die Fenster verschlossen gehalten, blieb im Dunkeln. Ich musste mich an dieses Schlafzimmer erst einmal gewöhnen. Während dieser Zeit habe ich bestimmt auch einige unbewusste Entscheidungen darüber gefällt, wer ich bin und was genau ich in dieser Stadt mache. Rückblickend kann ich sagen, dass alle meine Schlafzimmer auch einen kleinen Teil davon zeigen, wer ich zu einem bestimmten Zeitpunkt in meinem Leben war.

Mal abgesehen vom Schlafzimmer, wie war es, aus New York nach Berlin zu kommen?
Es war fantastisch. Ich kam 2003, und die Stadt war natürlich ganz anders als heute. Sie war auf dem Weg, sich zu definieren. Alles war günstig, es gab viele Möglichkeiten. Berlin war frei. In New York war alles schon eingefahren, aber in Berlin war alles möglich. Als Künstler hat mich das sehr inspiriert. Ich fing an, Kinderbücher zu schreiben, und nahm mein erstes Album auf.

Wie beschreiben Sie Ihr neues Album?
Es ist ein Konzeptalbum, an das ich aus der Sicht des Regisseurs herangegangen bin. Es sind Songs und damit elf Episoden eines langen Films. Die Kamera schwebt über den Straßen einer imaginären Stadt. Sie schaut in ein Schlafzimmer herein, bleibt dort eine Weile, sieht die Menschen, hört ihnen zu, um danach zum nächsten Ort zu schwenken. Ich wollte ein Universum mit der richtigen Atmosphäre erschaffen.

Einen Song haben Sie gemeinsam mit der französischen Sängerin Vanessa Paradis aufgenommen. Wie haben Sie sich kennengelernt?
Ich suchte nach einer Sängerin und ich wusste, dass sie Französin sein sollte. Und da ich auch Filmregisseur bin, wollte ich zwei Charaktere haben, die gemeinsam singen, aber auch schauspielern. Vanessa ist eine Ikone der französischen Popkultur. Ich mochte sie schon als Kind, kannte ihr Lied »Joe Le Taxi«. Und von daher war es für mich fast selbstverständlich, zu dem Gefühl zurückzugehen, das ich in meiner Kindheit hatte.

Ist es seltsam, mit jemandem zusammenzuarbeiten, von dem man selbst ein Fan ist?
In der ersten Minute fühlt es sich unbeschreiblich an. Aber dann ist es Arbeit. Als sie zusagte, war das ein besonderer Moment. Und auch, als wir uns zum ersten Mal trafen und einen Kaffee miteinander tranken. Wir haben dann schnell mit den Aufnahmen angefangen. Ich kann sehr zügig umschalten: Zum Teil bin ich sehr bodenständig, zum Teil verträumt.

Vor ein paar Jahren haben Sie das Kinderbuch »Der Bär, der nicht da war« geschrieben, das von Harry Rowohlt ins Deutsche übersetzt wurde. Was reizt Sie an Kinderliteratur?

Ich bin ein Geschichtenerzähler – im Film, in meiner Musik. Und Kinderliteratur ist eine sehr wahrhaftige Art, Geschichten zu erzählen. Sie ist frei von Zynismus. Es ist die echteste Art, zur Wahrheit zu gelangen. Zu meinen Lieblingsbüchern zählen auch Kinderbücher: Peter Pan, Winnie-the-Pooh, Der kleine Prinz, Die unendliche Geschichte. Sie haben mich als Kind geprägt, und als Erwachsener habe ich sie wieder entdeckt.

Mit dem Sänger sprach Katrin Richter.

www.orenlavie.com

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