Kino

»Sie ist eine Kämpferin«

Rachel Weisz über ihren neuen Film »Verleugnung« und die Rolle als Historikerin Deborah Lipstadt

21.04.2017 – von Patrick HeidmannPatrick Heidmann

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Frau Weisz, Sie sind zurzeit in den Kinos mit Ihrem neuen Film »Verleugnung« zu sehen, in dem Sie die Hauptrolle spielen. Worum genau geht es darin?
»Verleugnung« erzählt die Geschichte der amerikanischen Professorin Deborah Lipstadt, die 1996 von dem britischen Autor und Schoa-Leugner David Irving wegen Verleumdung verklagt wurde. Lipstadt hatte Irving vorgeworfen, Hitler zu bewundern und den Holocaust zu leugnen. Weil nach britischem Recht nicht der Kläger die Richtigkeit seiner Klage beweisen muss, sondern der Angeklagte die Richtigkeit seiner Aussagen, lag die Beweislast bei Lipstadt. Der Prozess war sehr komplex und langwierig. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit war enorm. Doch Lipstadt ließ sich von nichts einschüchtern, auch nicht von Irving, und kämpfte unerbittlich für ihr Recht, einen Schoa-Leugner weiterhin einen Schoa-Leugner nennen zu dürfen.

Im Film gibt es eine Szene, die in Auschwitz spielt. Tatsächlich besuchten Deborah Lipstadt und ihre Anwälte damals zur Prozessvorbereitung die KZ-Gedenkstätte. Haben Sie am Originalschauplatz gedreht?
Das haben wir, und für mich war das eine eindrucksvolle Erfahrung. Ich war vorher noch nie in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz gewesen, obwohl ich es schon lange vorgehabt hatte. Dort dann allerdings auch arbeiten zu müssen, war sehr befremdlich. Deborah ging es damals ähnlich: Eigentlich wollte sie sich an diesem Ort nicht mit Beruflichem beschäftigen. Insofern konnte ich dann meine Gefühle doch noch ganz gut für die Szene einsetzen.

Sie sind wie Deborah Lipstadt Jüdin. Waren dieser Film und seine Thematik deswegen für Sie von besonderer Bedeutung?
Als Schauspielerin will ich natürlich jede Geschichte mit Leidenschaft auf die Leinwand bringen. In dieser Hinsicht empfinde ich immer eine große Verantwortung für meine Rollen. Von daher würde ich sagen, dass ich genauso an »Verleugnung« herangegangen wäre, wenn ich nicht jüdisch wäre. Aber ...

Aber?
Es wäre dann doch gelogen, wenn ich behaupten würde, dass der Film nicht doch noch eine andere Dimension für mich hatte, die ihn zu etwas Besonderem machte. Wegen der ungewöhnlichen Geschichte. Doch tatsächlich auch, weil ich – so erstaunlich es ist – in all den Jahren in keinem meiner Filme je eine Jüdin gespielt hatte.

Sind Sie jüdisch aufgewachsen?
Nicht, was die Religion angeht, die spielte bei uns zu Hause keine große Rolle. Aber in kultureller Hinsicht hat das Judentum mich sehr geprägt.

Inwiefern?
Meine Eltern stammen beide aus Mitteleuropa: mein Vater aus Ungarn und meine Mutter aus Wien. Sie konnte zwei Wochen vor Kriegsausbruch fliehen und wurde von einem gewissen Geistlichen namens James Parkes nach England eingeladen. Mein Großvater war mit diesem Priester befreundet. Er rettete meine Mutter vor den Nazis und dem Holocaust. Sie erzählte mir viele Geschichten über ihn. Aber so wirklich begriffen, wer dieser Mann war, habe ich tatsächlich erst durch Deborah.

Tatsächlich?
Ja. Als ich ihr die Geschichte meiner Mutter erzählte, berichtete sie mir, dass James Parkes einer der wichtigsten Theologen und christlichen Autoren auf dem Gebiet der Antisemitismusforschung ist. Er ist sogar immer wieder Bestandteil ihrer Vorlesungen. Ich habe ihn als Kind selbst auch einmal getroffen, doch weil er starb, als ich zwölf Jahre alt war, war er für mich eher eine Art mythische Figur meiner Familiengeschichte. Wie wichtig er darüber hinaus war, war mir bis dahin gar nicht klar.

Ließen Sie Ihre Familiengeschichte in »Verleugnung« mit einfließen?
Nicht direkt, aber unbewusst sicherlich. Und Deborah sorgte dafür, dass sie in einem kleinen Moment auch auf der Leinwand zu sehen ist: Sie schickte unserem Ausstattungsteam eine Kiste mit Büchern, mit denen mein Film-Büro dekoriert wurde. Als ich ans Set kam, lag auf dem Schreibtisch, an dem ich Platz nahm, ein Buch von James Parkes. Mir kommen heute noch die Tränen, wenn ich daran denke. Und ein paar Monate später entdeckte ich das gleiche Buch bei meiner Mutter im Regal.

Lipstadts gerichtliche Auseinandersetzung mit dem Holocaust-Leugner David Irving, haben Sie die damals eigentlich verfolgt?
Nicht so sehr, wie ich es hätte tun sollen, leider. Ich lebte damals, Ende der 90er-Jahre, zwar noch in London. Und natürlich hörte ich immer wieder in den Nachrichten von dem Fall. Aber worum es wirklich ging und all die Details – das habe ich, ehrlich gesagt, jetzt erst nachgeholt.

Wie haben Sie Deborah Lipstadt, mit der Sie für die Rolle eng zusammengearbeitet haben, erlebt?
Ich liebe diese Frau. Sie ist ein wundervoller Mensch und war mir eine großartige Lehrerin. Sei es im Hinblick auf ihre wissenschaftliche Arbeit oder auf ihren New Yorker Akzent. Ich kann ihr stundenlang zuhören. Und habe zur Vorbereitung auf die Rolle auch erst einmal nichts anderes getan. Sie kam zu mir nach New York, wir saßen in der Küche, und sie hat mir aus ihrem Leben erzählt. Innerhalb von wenigen Tagen lernte ich sie in all ihrer Komplexität kennen, was für mich als Schauspielerin ein riesiges Geschenk war.

Im Film hat man bisweilen allerdings auch das Gefühl, dass sie nicht immer die unkomplizierteste Zeitgenossin ist.
Ist sie auch nicht. Zum Glück. Ich bezeichne sie manchmal, sehr liebevoll, als Nervensäge. Aber das meine ich als Kompliment. Denn nichts ist doch langweiliger – im Leben wie im Kino – als Menschen, die immer nur gefallen wollen und sich nie trauen, auch mal anzuecken. Nichts nötigt mir mehr Respekt ab als Menschen, die für ihre Überzeugungen eintreten und dafür auch bereit sind, sich unbeliebt zu machen. Deborah ist eine Kämpferin.

Im Prozess damals war es ein großes Thema, dass Lipstadt nicht selbst in den Zeugenstand trat, wie nun auch »Verleugnung« noch einmal zeigt. Wie sehen Sie rückblickend diese Entscheidung?
Ich verstehe, dass ihre Anwälte verhindern wollten, das Ganze zu einer zu persönlichen Angelegenheit zu machen. Denn darauf legte Irving es ja an. Von all den Wissenschaftlern, die über ihn geschrieben haben, war sie die einzige, gegen die er vorgegangen ist. Und Deborah ist sich verständlicherweise sicher, dass das damit zu tun hatte, dass sie a) eine Frau und b) jüdisch war. Es wäre für ihn der größte Triumph gewesen, sie im Zeugenstand attackieren und auseinandernehmen zu können. Was nicht heißt, dass ich nicht davon überzeugt bin, dass sie sich dort bestens geschlagen hätte, so intelligent und belesen wie sie ist.

Mit der Schauspielerin sprach Patrick Heidmann.

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