Musik

»Ich fühle mich verpflichtet«

Der Sänger Björn Casapietra über seine Liebe zu Israel, Heimat und die Gefahren des Rechtspopulismus

Aktualisiert am 20.03.2017, 18:44 – von Philipp Peyman EngelPhilipp Peyman Engel

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Herr Casapietra, Sie touren als Sänger von italienischen Schlagern durch Ostdeutschland und treten mit Liedern wie »Azzurro« und »Caruso« auf. Gleichzeitig singen Sie aber auch die »Hatikvah« oder »Yerushalayim Shel Zahav«. Wie passt das zusammen?
Also, zuerst einmal singe ich keine Schlager! Ich singe italienische Volkslieder, schottische Volksweisen, Stücke von Schubert und Brahms, Leonard Cohens »Hallelujah« und eben auch israelische Songs. Das wichtigste Kriterium ist, dass ich die Lieder mögen muss. Wenn ich in die Melodie nicht verliebt bin, kann ich sie auch nicht glaubhaft singen. »Yerushalayim Shel Zahav« hat eine zauberhafte Melodie, genauso wie »Shlof shoyn mayn Yankele« von Mordechai Gebirtig, der 1942 im Krakauer Ghetto ermordet wurde.

Was bedeuten Ihnen diese Stücke?
Sehr viel. Mir ist es eine Freude, Lieder zu finden, von deren Schönheit ich überzeugt bin, die aber bei einem breiten Publikum in Deutschland noch nicht bekannt sind. Es sind Stücke, die es verdienen, gesungen und gehört zu werden. Aber natürlich steckt für mich bei jüdischen Liedern noch weit mehr dahinter.

Inwiefern?
Roberto Benigni, der Regisseur des Films Das Leben ist schön, hat gesagt: »Wenn man sich einmal ausgiebig mit dem Holocaust beschäftigt hat, ist man nicht mehr der Mensch, der man vorher war.« Ich fühle mich von diesem Zitat angesprochen – und verpflichtet, besonders jüdische Melodien in Deutschland einem breiten Publikum vorzustellen.

Wie sind die Reaktionen der Zuhörer, wenn Sie zum Beispiel im brandenburgischen Finsterwalde »Yerushalayim Shel Zahav« singen und zur Einführung über die Bedeutung Israels sprechen?
Ehrlich gesagt, ist mir primär nicht wichtig, wie jemand auf das reagiert, was ich sage oder singe. Mir ist viel wichtiger, dass ich zu meinen Überzeugungen stehe. Und meine Überzeugung ist, dass ich das jüdische Volk und Israel unterstützen will, so oft und so gut ich kann. Dessen ungeachtet sind die Reaktionen erfreulicherweise immer sehr positiv. Bei »Yerushalayim Shel Zahav« ist der Applaus im ersten Teil des Konzertes meistens am stärksten.

Der Großteil Ihrer Fans ist ostdeutsch, schon etwas älter und politisch gesehen der AfD womöglich nicht ganz abgeneigt. Überraschen Sie diese Reaktionen?
Vielleicht ein bisschen. Die DDR stand dem Staat Israel nicht gerade freundlich gegenüber. Man identifizierte sich eher mit den Palästinensern. Dies und die Propaganda der Nazis, die 1945 ja nicht einfach mit Hitler gestorben ist, hat dazu geführt, dass sich in den Köpfen mancher Menschen bis heute unfassbare Vorurteile verfestigt haben. Abgesehen davon: Wenn ich hin und wieder mal in meinen Konzerten meine Abneigung gegenüber dieser grauenhaften und gefährlichen AfD kundtue, gibt es immer, wirklich immer, großen Applaus. Dasselbe ist beim Thema Israel der Fall.

Woher kommt Ihr Interesse für den jüdischen Staat?
Das Interesse kommt aus all den Jahrzehnten, die mich das unfassbare Verbrechen, die Schoa, nun schon beschäftigt. Das fing an, als ich etwa 25 Jahre alt war. Ich habe versucht, alles darüber zu lesen, alles zu sehen, alles zu erfahren. Immer auf der Suche nach der Antwort auf die Frage: Wie konnte dies geschehen? Saul Friedländer, Victor Klemperer, Primo Levi, Hannah Arendts Eichmann in Jerusalem – all diese Bücher waren sehr prägend.

Ihr Vater Herbert Kegel gehörte zu den wichtigsten Dirigenten und Komponisten der DDR. Als Chefdirigent und Generalmusikdirektor setzte er sich in der DDR für die Werke Schönbergs, Hindemiths und Bartóks ein. Von ihm stammt die Uraufführung der »Jüdischen Chronik«. Spielt das bei Ihrem Engagement auch eine Rolle?
Definitiv. Mein Vater war ein politischer Mensch. Und nachdem er 1945 aus der Wehrmacht kam, hatte sich sein Denken komplett geändert. Er wurde zum Pazifisten. Er verpflichtete sich einem gewissen Gerechtigkeitssinn. Daher haben mich auch Deniz Yücels Worte komplett erreicht, als er über »Israelkritiker« und ihre Obsession schrieb: »Es gibt kein Menschenrecht auf Israelkritik. Und schon gar nicht für dich. Nicht als Nachkomme jener Leute, die die Vernichtung der Juden von Europa geplant und durchgeführt haben. Nicht als Nachkomme jener, die sich am Holocaust bereichert haben.« Mein Vater hat das nach 1945 ähnlich gesehen.

Haben Sie jemals mit Ihrem Vater über sein ungewöhnliches Verhältnis zu Boris Blacher gesprochen, der sein Lehrer am Dresdner Konservatorium war und wegen seiner jüdischen Wurzeln während der NS-Zeit kaltgestellt wurde? Als Ihr Vater als Soldat im Krieg war, schrieb er Blacher Kompositionen, die dieser dann korrigiert zurücksandte …
Leider nein. Ich habe mit meinem Vater über so vieles nicht geredet, was schlicht daran lag, dass er den Freitod wählte. Ich war damals mit 20 viel zu jung für solche Fragen und hatte nur Mädchen im Kopf. Das ist die Tragik. Jetzt, wo ich an einem Punkt bin, an dem ich so viele Fragen hätte, ist er nicht mehr da. Aber Sie liegen womöglich richtig: Vielleicht mache ich das alles auch ein Stück weit für ihn.

Ihre Mutter ist die italienische Opernsängerin Celestina Casapietra, die früher als »Callas der DDR« galt. Sie sagten einmal, dass der italienische Teil Ihrer Familie anders als Ihr Vater alles andere als positiv über Juden dachte.
Ja, die antisemitische Seite war bei uns eher die italienische. Ich erinnere mich daran, mit meiner Tante, damals schon eine ältere Frau, durch die Inforäume unter dem Berliner Stelenfeld gegangen zu sein. Als sie herauskam, war sie geradezu konsterniert und sagte den für mich bis heute unfassbaren Satz: »Und mir soll zu Hause noch mal jemand erzählen, dass das alles nicht passiert ist.«

War dieses Denken weit verbreitet in Italien?
Mein italienischer Onkel, der einmal zu Besuch in Deutschland war, ein recht unangenehmer Mensch, saß auf der Terrasse und hatte am zweiten Tag nichts Besseres zu tun, als unfassbare antisemitische Ressentiments von sich zu geben. Über die Juden, die durch die Medien heimlich die Welt beherrschen würden, und so weiter. Ich war damals noch jünger, erinnere mich aber heute noch gut an meine Wut über diesen einfältigen Menschen.

Sie haben Anfang des Jahres in der Berliner Zeitung BZ eine doppelseitige Reportage über eine jüdische Familie während der NS-Zeit geschrieben. Wie kam es dazu – und warum ist es Ihnen so wichtig, diese Geschichte zu erzählen?
Ich glaube inzwischen, dass diese Geschichten mich finden. Sie begegnen mir einfach. Es gab noch eine zweite Doppelseite: über eine Suche, gemeinsam mit meiner Tochter, nach einem steinernen Davidstern im ehemaligen jüdischen Scheunenviertel – den wir am Ende nicht gefunden haben. Weil Deutschland, die DDR und sogar die Nachwende-Bundesrepublik engagiert daran gearbeitet haben, sämtliche Erinnerungen an diesen vielleicht jüdischsten aller Berliner Stadtteile zu tilgen.

Wollen Sie Ihr Publikum mit den Reportagen und Konzerten auch ein bisschen erziehen?
Das ist eigentlich nicht meine Aufgabe. Vor allem möchte ich es unterhalten und berühren. Aber nach all dem Unrecht, das dem jüdischen Volk widerfahren ist, empfinde ich es als das Mindeste, dass ich meinem Publikum, das sonst wahrscheinlich eher nicht mit diesen Themen in Berührung kommt, jüdische Themen und Israel vorstelle. Je mehr ich über diese Zeit erfahre, desto mehr erstaunen und erschrecken mich die Selbstgerechtigkeit und Ignoranz, mit der teilweise bis heute über dieses singuläre Verbrechen gesprochen wird und wie teilnahmslos neuer Antisemitismus hingenommen wird. Nach dem Motto: Mach aus »Juden« einfach »Zionisten«, schon kannst du deinem Hass freien Lauf lassen. Die Hatikva singe ich übrigens erst jetzt, auf meiner neuen Tournee »Lieder der Sehnsucht«. Erstens, weil sie unfassbar schön ist, und zweitens, weil die Sehnsucht nach einer Heimat, nach einem Ort, an den du gehörst, vielleicht eine der tiefsten Formen von Sehnsucht darstellt.

Das Gespräch führte Philipp Peyman Engel.

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