Schabbat

Bogen in der Wolke

Das Himmelszeichen erinnert an den Bund mit Gott – und an die Pflicht zur Umkehr

03.11.2016 – von Yizhak AhrenYizhak Ahren

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Eine jede Katastrophe, von der wir erfahren, führt uns eine Wirklichkeit vor Augen, die sich in ähnlicher Weise wiederholen könnte. Nur die Familie von Noach hatte die Sintflut in der Arche überlebt, und es ist anzunehmen, dass alle Menschen damals sehr besorgt waren.

Um die Überlebenden zu beruhigen, sprach der Ewige sie an: »Ich nun, siehe, ich errichte meinen Bund mit euch und mit eurem Samen nach euch. Und mit allem Leben-Atmenden, das mit euch ist an Vögeln, Vieh und allem Getier der Erde mit euch, von allen aus der Arche Kommenden, für alles Getier der Erde. Und ich werde errichten meinen Bund mit euch, und nicht soll fortan alles Fleisch vertilgt werden von den Gewässern der Flut, und nicht soll fortan eine Flut sein, die Erde zu verderben« (1. Buch Mose 9, 9–11).

Brit Um diesen Bund (hebräisch: Brit) immer wieder sichtbar werden zu lassen, legt Gott ein Zeichen fest: »Das sei das Zeichen des Bundes, das ich setze zwischen mir und euch und allen Leben-Atmenden, die bei euch, für ewige Zeiten. Meinen Bogen setze ich in die Wolke, und er sei zum Zeichen des Bundes zwischen mir und der Erde« (1. Buch Mose 9, 12–13).

Mit Recht hat Rabbiner Benno Jacob (1862–1945) festgestellt, dass der Regenbogen als Bundeszeichen keine Parallele hat. Andere Zeichen wie die Schaufäden und die Tefillin werden auf Gottes Geheiß von Menschen hergestellt. Rabbiner Jacob schreibt: »Den Regenbogen machen nicht die Menschen, und nicht sie sollen ihn ansehen, um an eine Pflicht erinnert zu werden.« Die erste Hälfte des Satzes ist gewiss richtig, die zweite Hälfte des Satzes jedoch ist meiner Ansicht nach fragwürdig.

Wie ist der viel gerühmte Exeget auf die Idee gekommen, dass nicht die Menschen den Regenbogen ansehen sollen, um an eine Pflicht erinnert zu werden? Rabbiner Benno Jacob würde sicher auf Vers 16 hinweisen, der in seiner Übersetzung wie folgt lautet: »Und der Bogen wird in den Wolken sein, und ich werde ihn ansehen, um des ewigen Bundes zu gedenken zwischen Gott und allen lebenden Wesen in allem Fleische, das auf der Erde ist.«

Diese Übersetzung ist jedoch nicht unproblematisch. Schon im Torakommentar von Jizchak Abarbanel (1437–1509) wird der Einwand erhoben: Braucht der Ewige ein Zeichen, um sich an den Bund zu erinnern, den Er geschlossen hat? Natürlich nicht! Nach Ansicht von Rabbiner Jakob Zwi Mecklenburg (1785–1865) lautet die richtige Übersetzung des Verses: »Und der Bogen wird in den Wolken sein, und ich habe ihn ausersehen, damit man gedenke des ewigen Bundes.« Es sind also die Menschen, die durch den Regenbogen an den Bund erinnert werden sollen!

Pflichten Ist ein Bund als Vertrag mit gegenseitigen Pflichten aufzufassen, stellt sich die Frage: Was hat der Mensch durch den Bund zu tun? Rabbiner Salman Sorotzkin (1881–1966) führt in seinem Werk Osnajim Latora aus, der Regenbogen erinnere die Menschen daran, dass der Ewige Sünden bestraft (wie in der Generation der Sintflut geschehen). Deshalb solle der Mensch umgehend Teschuwa (Umkehr) tun. Das Bundeszeichen bringt die Pflicht zur Umkehr in Erinnerung. Da der Bund nach der Sintflut mit der gesamten Menschheit geschlossen wurde, können wir den Schluss ziehen, dass Teschuwa auch von Nichtjuden verlangt wird. Die Richtigkeit dieser These beweist der Auftrag an den Propheten Jona, der die nichtjüdischen Einwohner von Ninive zur Umkehr bewegen sollte.

Der als Bundeszeichen gewählte Regenbogen hat verschiedene Deutungen erfahren. Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888) stützt sich auf die Ansicht von Nachmanides (1194–1270): »Das Zeichen ist ein umgekehrtes Geschoss, ein mit der Sehne zur Erde gekehrter Bogen, somit ein Zeichen des Friedens: kein Pfeil mehr vom Himmel. Es erscheint als ein den Himmel und die Erde verbindender Bogen, somit als Band zwischen Himmel und Erde.« In der Tat ein passendes Bild für den nach der Sintflut verkündeten Bund.

Im Torakommentar von Rabbi Chiskija Ben Manoach (1250–1310), auch Chiskuni genannt, wird der Regenbogen aus einer anderen Perspektive betrachtet. Er sieht im farbenfrohen Regenbogen einen Hinweis auf die Herrlichkeit Gottes. So sagt der Prophet Jecheskel: »Gleich dem Regenbogen, der sich am Regentag im Gewölk zu zeigen pflegt, so war der Glanz ringsum anzusehen. So war die Erscheinung der Herrlichkeit des Herren anzusehen« (1,28). Im Regenbogen erblicken wir sozusagen einen Abglanz der Herrlichkeit Gottes, der mit den Menschen einen Brit geschlossen hat.

Zwar wurde der Brit mit Noach und seinen Nachkommen in der vorisraelitischen Zeit geschlossen, aber bemerkenswerterweise spielt dieser Bund noch heute eine Rolle im jüdisch-religiösen Leben. In jedem Siddur steht ein Segensspruch (Bracha), der beim Anblick eines Regenbogens zu rezitieren ist: »Gelobt seiest Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der des Bundes gedenkt und treu ist in seinen Bund und fest bleibt in seiner Zusage.« Durch das Aufsagen dieser Bracha machen wir uns von Zeit zu Zeit deutlich, welche Bedeutung die Tora dem Regenbogen im Gewölk zuschreibt.

Für unsere tägliche Praxis ist eine Frage von Belang, die Rabbiner Israel Meir Hakohen Kagan (1839–1933), der Autor des halachischen Werkes Mischna Berura, in seinem Kommentar zu Orach Chajim, Kapitel 229, aufgeworfen hat: Soll man die erwähnte Bracha nur dann aufsagen, wenn jemand den ganzen Regenbogen gesehen hat, oder ebenfalls in dem Fall, wenn man nur einen Teil davon erblicken konnte? Was sollen wir machen, wenn die Hälfte des Regenbogens zum Beispiel durch ein Gebäude verdeckt ist?

Rabbi Kagan lässt diese Frage offen. Rabbiner Mosche Sternbuch (Jahrgang 1926) entschied, dass man, wie in jedem Zweifelsfall, die Bracha unter solchen Umständen nicht sagen soll.

Anstarren Im populären Kodex Kizzur Schulchan Aruch (Kapitel 60,4) steht eine merkwürdige Vorschrift: »Man darf den Regenbogen nicht lange betrachten.« Im Sündenbekenntnis von Raw Amram Gaon, der im 9. Jahrhundert lebte, ist unter anderem auch diese Sünde aufgelistet. Die Frage drängt sich auf: Warum dürfen wir einen schönen Regenbogen nicht längere Zeit anschauen?

Eine Erklärung für das Verbot des Anstarrens findet sich im Talmud Chagiga (16a). In der Mischna heißt es an dieser Stelle: »Wer die Ehre seines Schöpfers nicht schont, für den wäre es besser, er wäre nicht zur Welt gekommen.« Laut Rabbi Abba meint diese Mischna den Fall, in dem jemand lange auf den Regenbogen schaut. Denn es heißt beim Propheten Jecheskel: »Gleich dem Regenbogen, der sich am Regentage im Gewölk zu zeigen pflegt, so war der Glanz ringsum anzusehen. So war die Erscheinung der Herrlichkeit des Herren anzusehen.« Diese Talmudstelle dürfte wohl die Quelle für Chiskunis oben angeführte Deutung des Regenbogens sein.

Der Autor ist Psychologe und hat an der Universität Köln gelehrt. Zuletzt erschien von ihm das Buch »Verknüpfungspunkte« (2010).


Inhalt
Der Wochenabschnitt Noach erzählt vom Beschluss des Ewigen, die Erde zu überfluten. Das Wasser soll alles Leben vernichten und nur Noach verschonen. Der soll eine Arche bauen, auf die er sich mit seiner Familie und einem Paar von jeder Tierart zurückziehen kann. So erwacht nach der Flut neues Leben. Der Ewige setzt einen Regenbogen in die Wolken als Symbol seines ersten Bundes mit den Menschen. Die beginnen, die Stadt Babel zu erbauen, und errichten einen Turm, der in den Himmel reicht. Doch der Ewige vereitelt ihren Plan.
1. Buch Mose 6,9 – 11,32

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