Schabbat

Sei ein Esel!

Die Tora zeigt, dass Bileams Lasttier seinem Herrn durchaus überlegen ist

21.07.2016 – von Rabbiner Salomon Almekias-SieglRabbiner Salomon Almekias-Siegl

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Weil die Israeliten im Jordantal lagern, bekommen es die Moabiter mit der Angst zu tun. Balak, ihr König, lässt daraufhin den Seher Bileam rufen, der sich mit Segnungen und Verfluchungen einen Namen gemacht hat. Er nimmt Balaks Auftrag an, das Volk Israel zu verfluchen. Bevor er sich aber auf den Weg machen kann, spricht Gott zu ihm: »Geh nicht mit ihnen, verfluche das Volk auch nicht; denn es ist gesegnet« (4. Buch Mose 22,12).

Daraufhin stellt Bileam klar, dass er sich an Gottes Verbot halten möchte, und sendet die Boten des Moabiterkönigs zurück. Doch Balak legt nach. Er schickt eine zweite, diesmal mit Gold und Silber ausgestattete Gesandtschaft zu Bileam. Aber auch dem Bestechungsangebot widersteht Bileam und antwortet: »Selbst wenn mir Balak sein Haus voll Silber und Gold gäbe, so könnte ich doch nicht übertreten das Wort des Herrn, meines Gottes, weder im Kleinen noch im Großen« (22,18).

Es ist erstaunlich, dass Gott nun Bileam entgegenzukommen scheint und ihm erlaubt, sich der Gesandtschaft Balaks anzuschließen, jedoch unter der Bedingung: »Nur was ich dir sagen werde, sollst du tun« (22,20).

Midrasch Wenig später hören wir allerdings von Gottes Unmut über Bileams Reiseantritt. Der Ewige hat offenbar nur dem starken inneren Willen und Trieb Bileams, Israel verfluchen zu wollen, nachgegeben. Er kennt dessen heimliche Übereinstimmung mit den Feinden Israels, die Bileam hinter Gottes Verbot, mit Balak gemeinsame Sache zu machen, verbirgt. Der Midrasch kommentiert Bileams kaschierten Trotz und seine verblendete Eigensinnigkeit: »Auf dem Weg, den der Mensch unbedingt zu gehen versucht, wird man ihn gehen lassen« (Bemidbar Rabba 20,11).

Dazu lässt uns der Erzähler im Falle Bileams an einer Burleske mit drei Szenenbildern teilhaben. Zunächst lässt er uns einen Engel sehen, der ein Schwert in der Hand hält und Bileam den Weg versperrt. Doch der Seher sieht nicht. Seine hellsichtige und dem drohenden Engel ausweichende Eselin treibt er mit Gewalt auf den Weg zurück.

Beim zweiten Versuch, Bileam aufzuhalten, stellt sich ihm der Engel so in den Weg, dass es für die Eselin kein Ausweichen mehr gibt: Da »ging sie in die Knie unter Bileam« (22,27). Doch er erkennt nur, dass er es offensichtlich mit einem höchst ungehorsamen Tier zu tun hat, das gegen seinen Herrn rebelliert. Und das ausgerechnet in der Situation, die durch seine eigene Rebellion gegen Gottes Willen gekennzeichnet ist. Bileam, der auszog, seine Gewalt über Israel auszuüben, ist nicht einmal in der Lage, seine Eselin im Zaum zu halten.

In der dritten Szene tut »der Herr der Eselin den Mund auf, und sie sprach zu Bileam: Was hab’ ich dir getan, dass du mich nun dreimal geschlagen hast?« (22,28). Das erniedrigte Tier versucht, seinem Herrn zu erklären, dass dessen Verhalten ihm gegenüber nicht in Ordnung ist. Bileam wird darüber zusehends hellhörig und nachdenklich. Der, der bisher andere erniedrigte, wird nun selbst durch sein Lasttier erniedrigt, das offenbar mehr mit Geist und Weitsicht begabt ist als sein Herr. Und: Die Eselin spricht eine menschliche Sprache, während Bileam auf seine physische Durchsetzungskraft setzt, wie es eigentlich im Reich der Tiere üblich ist.

Zwiespalt Die Geschichte mit der Eselin zeigt Bileams innere Verfassung. Die Eselin steht zwischen den sich widerstreitenden Ansprüchen zweier Herren: Gottes Engel und Bileam. Auch Bileam steht zwischen zwei sich widerstreitenden Ansprüchen: Balaks und Gottes Willen.

Die Eselin entscheidet sich für den Boten Gottes, sie hört auf ihn und geht im wahrsten Sinne des Wortes vor ihm auf die Knie. Bileam hingegen legt erst einen langen Weg zurück, bis er versteht, dass er am Ende vor Gott kapitulieren muss und nicht mit Balak gemeinsame Sache machen kann. Ironischerweise wird hier das Tier – zudem noch eine Eselin – als die für Gottes Willen empfänglichere Kreatur dargestellt als der Mensch, der sich doch oft als Krönung der Schöpfung sieht.

Die Geschichte Bileams weist Ähnlichkeiten mit der Geschichte der Bindung Jizchaks auf, der Akeda. In beiden Erzählungen geht es um eine Reise mit einem Esel. Awraham bricht auf Gottes Befehl hin auf, Bileam geht gegen Gottes Willen. Awrahams Ziel ist es, Gottes Befehl zu erfüllen. Doch Bileam folgt seinem eigenen Willen: Er möchte Balaks Wunsch erfüllen.

In der Geschichte der Akeda steht die Eselin für die physische und Awraham für die spirituelle Welt. In unserem Abschnitt verhält es sich hingegen umgekehrt. Dem jeweils zur Rahmenerzählung gehörenden Begleiter kommt ebenfalls eine unterschiedliche Funktion zu: Awraham lässt die beiden Knechte, die mit ihm ziehen, an einem bestimmten Punkt des Geschehens zurück (1. Buch Mose 22,3), weil sie nicht zu der ihm zugänglichen spirituellen Welt gehören. Bileams Knechte jedoch begleiten ihn fortwährend in seiner physisch bestimmten Welt (4. Buch Mose 22,22).

In der Akeda-Erzählung ist es Awraham, der die von Gott bestimmte Stätte ortet und den Widder als Opfertier entdeckt. Dagegen tappt Bileam lange blind umher, während seine Eselin schon längst erkannt hat, was um ihn herum durch Gott geschieht.

Engel In beiden Geschichten tritt ein Engel Gottes auf und verhindert die vom Ewigen nicht gewünschte Tat des Menschen: Awraham hält er von der Opferung seines Sohnes ab, Bileam stellt er sich in den Weg, um ihn neu auszurichten, ihn für Gott brauchbar zu machen.

Awraham meint, seinen Sohn nach Gottes Willen zu opfern. Bileam legt es gezielt darauf an, ein ganzes Volk zu vernichten. Jedoch erkennt er seine Sünde und will umkehren. Überheblichkeit, Betrug und das Streben nach Geld und Ehre sind hier im Spiel. Bileam gibt zwar vor, Gottes Willen folgen zu wollen, aber de facto will er Balak dienen, in der Erwartung, zu guter Letzt selbst geehrt zu werden.

Die Erzählung konfrontiert uns mit der Einsicht, dass man nicht Diener zweier Herren sein kann. Der Mensch hat die Möglichkeit, frei zu wählen, und dann auch die Pflicht, die Verantwortung für seine Wahl zu tragen.

Am Ende erfahren wir, dass der Engel erschien, nicht um zu verhindern, dass Bileam nach Moaw geht, sondern um ihn zunächst nach seinem eigenen Willen ziehen zu lassen, ihm dann die Augen über seine wahren Absichten zu öffnen – und ihn zu läutern: »Zieh hin mit den Männern, aber nichts anderes, als was ich dir sagen werde, sollst du reden. So zog Bileam mit den Fürsten Balaks« (22,35) – und so wird dieser Gang Bileams nach Moaw Israel gezielt Segen bringen.

Der Autor war bis 2011 Landesrabbiner von Sachsen.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Balak hat seinen Namen von einem moabitischen König. Dieser fürchtet die Israeliten und beauftragt den Propheten Bileam, das Volk Israel zu verfluchen. Doch Bileam segnet es und prophezeit, dass dessen Feinde fallen werden.
4. Buch Mose 22,2 – 25,9

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