Türkei

Erdogan und die Juden

Antisemitismus war und ist ein Problem im Land. Welche Rolle spielen dabei der Staatspräsident und die AKP?

02.06.2016 – von Simon A. WaldmanSimon A. Waldman

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Vor zwei Monaten versetzte eine Nachricht die Juden in der Türkei in erhöhte Alarmbereitschaft: Sky News hatte berichtet, der Islamische Staat (IS) plane gezielt Angriffe auf die türkischen Juden. Sicherheitsmaßnahmen wurden verschärft, Schulen geschlossen, Veranstaltungen abgesagt.

Glücklicherweise kam es nicht zu den Angriffen. Dennoch warfen die Spekulationen ein Licht auf die prekäre Lage der schrumpfenden jüdischen Bevölkerung in der Türkei. Und man darf nicht vergessen, dass die Lage der Juden seit Gründung der Türkischen Republik im Jahre 1923 im besten Falle als unsicher bezeichnet werden muss.

Umso dringlicher stellt sich die Frage, welche Position der herrschsüchtige Präsident des Landes, Recep Tayyip Erdogan, einnimmt und welche Rolle die regierende Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) spielt, die Erdogan mitbegründete und anführte und deren Einfluss unangefochten ist.

Milli-Görüs Um die Haltung von Erdogan und der AKP zu verstehen, müssen die islamischen Wurzeln der Partei hervorgehoben werden. Viele Gründer der AKP kamen von der Wohlfahrtspartei, die wiederum aus der Milli-Görüs-Bewegung der 70er-Jahre hervorging. Ein wichtiger Aspekt von Milli Görüs ist eine spezifisch türkische Version antisemitischer Verschwörungstheorien.

Sie gibt die Schuld am Niedergang des islamischen Kalifats des Osmanischen Reiches den Dönme (Anhänger des »falschen« Messias Schabbtai Zvi im 17. Jahrhundert), die – so die Theorie – die säkulare Türkische Republik auf Kosten des Islams gründeten. Seither übe der internationale Zionismus weiterhin seine Macht im Dunkeln aus und manipuliere die türkische Politik und das Geldwesen.

Die Bewegung kam an die Macht, als Necmettin Erbakan von der islamischen Wohlfahrtspartei 1996 Ministerpräsident wurde, und blieb an der Macht, bis er durch eine Intervention des Militärs gestürzt wurde. Berichten zufolge sagte Erbakan, dass ein Jude geboren werde, um Unheil zu stiften, während seine Partei Lesestoff verteilte, worin alle möglichen Verschwörungen im Zusammenhang mit dem internationalen Zionismus beleuchtet wurden.

Mein Kampf
Auch heute noch gibt es viele Beispiele dieser Art des antisemitischen Diskurses. Dazu gehören Verlage, die eine türkische Übersetzung von Mein Kampf und Die Protokolle der Weisen von Zion veröffentlichen; während der ersten Amtszeit der AKP ab 2005 waren diese Bücher Bestseller.

AKP-Abgeordnete gefallen sich heute darin, antisemitische Sprüche von der »jüdischen Weltverschwörung« zu verbreiten. Der damalige stellvertretende Ministerpräsident Besir Atalay behauptete zum Beispiel, die »jüdische Diaspora« sei für die Gezi-Park-Proteste im Jahr 2013 mitverantwortlich. Erdogan selbst sagte, jüdisches Kapital stecke hinter der New York Times, nachdem die angesehene Tageszeitung seine Regierungsarbeit kritisiert hatte.

Und Erdogans Feindseligkeit gegenüber Israel ist hinreichend bekannt. So verließ er den Raum, als Schimon Peres 2009 in Davos eine Rede hielt, und witzelte, der damalige israelische Präsident »versteht es zu morden«.

Auf die unseligen Ereignisse im Zusammenhang mit der »Mavi Marmara«, als israelische Kommandos an Bord eines türkischen Schiffes, das Gaza anzusteuern versuchte, neun türkische Staatsbürger töteten, reagierte Erdogan mit einer Verschärfung seiner hetzerischen Rhetorik. Mit unheilvollen Brandreden wandte er sich an die großen antiisraelischen Demonstrationen in vielen türkischen Städten. Das türkische Fernsehen strahlte Im Tal der Wölfe aus, einen Film mit starken antisemitischen Motiven, in dem der Held sich daran macht, die türkischen Todesfälle zu rächen.

Grenzlinie Der Einwand, Antipathie gegenüber Israel sei nicht das Gleiche wie Antisemitismus, ist berechtigt, doch Erdogan überschreitet regelmäßig die Grenzlinie. Der Ministerpräsident hatte öffentlich erklärt, er werde feindselige Haltungen gegenüber den türkischen Juden, die er als Bürger des Landes betrachte, nicht billigen. Doch das steht im Widerspruch zu seiner Aufforderung an die Juden, Israel in der Folge der Operationen gegen die Hamas 2014 zu verurteilen. Anders gesagt: Erdogan brachte die Juden der Türkei in Verbindung mit Israel und markierte sie damit als potenzielle Terrorziele.

Antisemitismus war und ist ein immenses Problem in der Türkei. Einst Heimat von über 100.000 Juden, ist die Gemeinde auf 15.000 bis 20.000 Mitglieder geschrumpft. Und immer mehr Juden verlassen das Land. Erdogan und die AKP haben wenig dafür getan, dem Aderlass Einhalt zu gebieten. Im Gegenteil: Ihre Kommentare, ihre Weltsicht und ihre Rhetorik trugen dazu bei, ihn zu verstärken.

Der Autor ist Dozent für Nahoststudien am King’s College in London.

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