Redezeit

»Fremder als gedacht«

Filipp Piatov über sein Buch »Russland meschugge«, eine Reise in die alte Heimat und Putins Verhältnis zu Juden

Aktualisiert am 17.02.2016, 17:25 – von Philipp Peyman EngelPhilipp Peyman Engel

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Herr Piatov, Sie sind 1992 von Sankt Petersburg nach Deutschland ausgewandert. Nun sind Sie für Ihr Buch »Russland meschugge« zurück in die alte Heimat gereist. Was ist Ihr Eindruck vom heutigen Russland?
Es ist ein komplett anderes Land, als ich es mir in der Kindheit ausgemalt hatte. Früher war Russland für mich nur die russische Sprache, russisches Essen, Zeichentrickfilme und Literatur. Später kam natürlich auch die Politik hinzu. Aber ganz egal, wie gut man ein Land nun kennt – plötzlich da zu sein, schafft ein starkes Gefühl von Realität. Dann muss man seine kindlichen Vorstellungen einordnen und auch ein bisschen davor schützen, was einem in Russland selbst begegnet.

Was hat Sie dort am meisten überrascht?
Nichts, absolut nichts. Ich bin nicht mit festgefahrenen Erwartungen hingefahren. Ich wusste, dass mir in den anderthalb Monaten dort gute und schlechte Dinge passieren würden, daher hielten sich die Überraschungen in Grenzen. Stattdessen versuchte ich, so viel wie möglich mit unterschiedlichen Menschen zu sprechen, um mehr über Russland zu erfahren und mein Wissen zu überprüfen. Die Freundlichkeit unserer Gastgeber überraschte mich ebenso wenig wie die Homophobie und der Rassismus vieler Menschen.

Viele Migranten neigen dazu, ihre alte Heimat zu idealisieren und zu verklären. Wie ist das bei Ihnen gewesen?
Russland ist mir fremder gewesen als gedacht, als ich es wirklich kennenlernte. Vor der Reise durch das Land hatte ich gehofft, neben Deutschland und Israel ein drittes Land zu haben, in dem ich mich wohl fühle. Aber das geht nicht. In Sankt Petersburg würde ich es vielleicht eine Weile aushalten, aber in Russland ist die Unfreiheit überall zu spüren. Nicht den Kreml, sondern die Mentalität und Einstellung der Menschen. So kann ich nicht leben.

Trotzdem gibt es zurzeit nicht wenige Deutsche – in der AfD, aber auch in anderen Strömungen – , die in der politischen Kultur Russlands eine Alternative zur Demokratie sehen. Wie bewerten Sie das?
Deutschland und Russland verbindet eine lange Geschichte. Die Deutschen wissen mehr über Russland, als man denkt. Es gibt aber eine große Fraktion in Deutschland, die Russland nicht verstanden hat und deshalb als Alternative zum Westen sieht. Diese trifft sich gerade regelmäßig, um gegen Angela Merkel und Flüchtlinge zu demonstrieren.

Immer mehr russische Juden machen Alija, meldete die Jewish Agency kürzlich. Was ist der Grund: der Antisemitismus im Land, die wirtschaftliche Krise – oder beides?
Russland befindet sich seit Jahren in einer ökonomisch sehr angespannten Lage, man spricht oft von einem kompletten Zusammenbruch. Da retten sich eben diejenigen, die sich retten können. Aber auch davor bot Russland kaum Perspektiven. Das Land ist von zwei Faktoren abhängig: dem Ölpreis und Putin. Nicht jeder möchte darauf seine Zukunft aufbauen. Außerdem wissen die Juden: Wenn es in Russland wieder steil bergab geht, wird der Antisemitismus nicht lange auf sich warten lassen.

Putin wird oft als großer Unterstützer der jüdischen Gemeinschaft beschrieben. Andererseits flirtet er in den Medien zuweilen auch mit den in Russland weit verbreiteten antisemitischen Ressentiments ...
... er hat sich die jüdischen Interessenvertreter zu Freunden gemacht. Die Gemeinde ist mittlerweile so klein und unbedeutend, dass sie wohl keine andere Wahl hat, als mitzumachen. Aber immer noch wandern wie erwähnt jedes Jahr Tausende von Juden aus. Aus wirtschaftlichen, aber auch aus politischen Gründen. Gerade, wenn man in Russland Freidenker und Jude ist, wird oft die antisemitische Karte gespielt.

Unter anderem deshalb zogen Ihre Eltern mit Ihnen vor über 20 Jahren nach Deutschland. Was waren Ihre ersten Eindrücke von der Bundesrepublik?
Deutschland war wohl mein erster Eindruck vom Leben, ich war ja sehr jung, als ich hierherkam. Meine Eltern erinnern sich vor allem an übervolle Supermarktregale, freundlich grüßende Menschen und daran, dass Dinge einfach funktionierten.

Marcel Reich-Ranicki wurde einmal gefragt, was er denn nun eigentlich sei: Pole, Deutscher oder Jude. Seine Antwort lautete: ein halber Pole, ein halber Deutscher – und ein ganzer Jude!
Gute Antwort. All das widerspricht sich ja nicht. Man muss nicht eine Identität auswählen und die anderen vergraben. Die russischen Juden in Deutschland müssen sich nicht entscheiden. Jude sein kann man überall. Und die russischen Wurzeln gehören ebenso dazu wie die deutsche Gegenwart.

Vor rund 25 Jahren begann die Zuwanderung der sogenannten Kontingentflüchtlinge. Eine Erfolgsgeschichte?
Ja, in vielerlei Hinsicht. Die Generation der Schoa-Überlebenden und Kriegsteilnehmer konnten ein neues Deutschland kennenlernen. Es ist hart, von Versöhnung zu sprechen, aber mein Opa – Überlebender der Blockade – war in seinen letzten Jahren großer Fan des SC Freiburg. Ansonsten haben die Juden sich großartig integriert. Sie nehmen am gesellschaftlichen Leben teil, sie arbeiten, studieren und bald werden sie das Land auch wieder prägen können. Ich denke, dass sowohl Deutschland als auch die Kontingentflüchtlinge sich bei dieser Geschichte auf die Schulter klopfen können.

Das Gespräch führte Philipp Peyman Engel

Filipp Piatov: »Russland meschugge«. dtv, München 2015, 200 S., 14,90 €

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Filipp Piatov wurde in Leningrad geboren und kam 1992 mit seiner Familie nach Deutschland. Nach dem Abitur lebte er ein Jahr in Tel Aviv, dann studierte er in Frankfurt Wirtschaft. Er schreibt Essays und Kolumnen für »Die Welt« und andere Zeitungen und Magazine. Momentan lebt Filipp Piatov in Berlin und arbeitet als Storyteller bei einem Start-up-Unternehmen.

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