Porträt der Woche

Spätes Bekenntnis

Michael Amram Rinast war Psychoanalytiker und entdeckt als Rentner seinen Glauben

Aktualisiert am 22.02.2016, 12:24 – von Gerhard Haase-HindenbergGerhard Haase-Hindenberg

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Mein Alltag besteht mittlerweile hauptsächlich aus Tätigkeiten im Haushalt. Meine Frau ist noch als Lehrerin tätig. Früher war mein Leben durch extremen Stress geprägt. Zunächst hatte ich eine Praxis für Psychotherapie, und das bedeutete: Patientengespräche, Analysesitzungen und die entsprechende Erschöpfung am Abend.

In den letzten 25 Jahren meiner beruflichen Tätigkeit habe ich Managementberatung gemacht, was mit sehr viel Herumfahrerei verbunden war. Heute habe ich die Freiheit, den Alltag so zu gestalten, wie ich will. Ich freue mich darauf, eine Holzplatte mit Wachs einzustreichen, oder ich genieße es, im Garten zu arbeiten. Davon habe ich immer geträumt, als ich noch berufstätig war.

Was das Jüdische in meinem Alltag angeht, so spielt etwa der Schabbes naturgemäß nicht mehr eine so große Rolle. Schließlich laufe ich nicht mehr Gefahr, in der Alltagsarbeit unterzugehen. Aber ich nehme am Gemeindeleben in Ahrensburg teil, das ist etwa 30 Kilometer von meinem Wohnort Bad Segeberg entfernt.
Im Jahr 2003 habe ich diese liberal-konservative Gemeinde mitgegründet.

familie Mein Vater war ein britischer Besatzungssoldat mit polnischen Wurzeln, der bei einem Besuch im Nachkriegspolen unter ungeklärten Umständen ums Leben kam. Er war Jude, aber auch Anarchist, der erst im Spanischen Bürgerkrieg und dann gegen die Nazis gekämpft hatte. Mehr weiß ich nicht über ihn.

Und auch über die Familie meiner Mutter weiß ich nicht viel. Nur, dass sie vor Generationen nach Flandern eingewandert ist und dann nach Polen weiterzog. Wundersamerweise haben meine Mutter und meine Großmutter die Schoa als »Volksdeutsche« überlebt. Es gab in meiner Kindheit keine weiteren Verwandten, und meine Mutter hat es immer abgelehnt, über unser Jüdischsein zu sprechen. Sie war eine überzeugte Atheistin und reduzierte das Judentum auf die Religion.

Im Wesentlichen aber wurde ich von meiner Großmutter erzogen, und diese Erziehung könnte man als »krypto-jüdisch« bezeichnen. Das war so eine Mischung aus jüdischen Ritualen und Bräuchen, die jedoch heimlich praktiziert wurden: Die Schabbeskerzen wurden hinter geschlossenen Gardinen gezündet, die Speisegebote wurden eingehalten – aber nur im Haus, außerhalb nicht. Mir wurde von der Großmutter gesagt: »Vergiss nie, dass du Jude bist, aber sage es niemandem!«

Von ihr stammt der vielleicht prägendste Satz meines Lebens: »Du wirst dich nie vor jemandem verbeugen, außer vor Gott!« Also das Mordechai-Prinzip. Ich habe mich in meinem späteren Leben leider zu oft daran gehalten und dadurch viele Aufträge und viele gute Kunden verloren. In einem Gewerbe wie dem eines Managementberaters, in dem man sich mitunter prostituieren muss, ist das nicht unbedingt günstig.

Giur Als junger Mann, so mit 20, wollte ich mich offen zum Judentum bekennen, weil ich mich dem jüdischen Volk zugehörig fühlte. Ich schrieb einem Charedim-Rabbiner und habe ihm meine Geschichte geschildert, und er antwortete knapp: »Ich konvertiere keine Juden!« Tja, das war’s dann erst mal.

Aber als ich 40 wurde, gab es eine Zäsur in meinem Leben: Ich heiratete zum zweiten Mal. Meine Frau bekam ein Kind, und wir mussten uns Gedanken über die Erziehung unserer Tochter machen. Ich wollte ihr jüdische Werte vermitteln, aber meiner Frau war der Gedanke unerträglich, dass dies in solch einer Heimlichtuerei stattfinden könnte, wie das bei mir der Fall war.

Über einen Zeitraum von zwölf Jahren habe ich mich durch die Erziehungsaufgaben mehr und mehr dem praktischen Judentum angenähert. So hat auch meine Tochter die jüdischen Feiertage und Bräuche kennengelernt. Und dann haben wir beide einen Giur gemacht. Schließlich gingen wir zum »European Bet-Din«, der von Alfred Friedländer aus London geleitet wurde. Und Alfred Friedländer sagte schmunzelnd zu mir: »Wir nehmen dich zurück!«

heimat Meine heutige Familie, also meine Frau und meine Tochter, bedeutet für mich alles, was mir im Leben wichtig ist. Zum ersten Mal habe ich überhaupt eine Familie. Als Kind hatte ich ja keine, denn da gab es nur noch Rudimente einer Familie, deren Rest ich nicht kennenlernen durfte.

Meine Mutter sagte immer: »Wo es mir gut geht, da ist mein Vaterland!« Das ist eine Definition, die mir gefällt. Ich habe ein Heimatgefühl gegenüber Landschaften, weshalb ich auch Schleswig-Holstein mag, wo ich wohne. Heimatgefühl ist natürlich auch Sprache. Aber ich fahre in die Toskana und habe auch dort ein Heimatgefühl. Lange Zeit habe ich sehr viel in Holland gearbeitet, und auch zu diesem Land habe ich ein Heimatgefühl. In Amsterdam fühle ich mich wohl.

Im vergangenen Sommer war ich zum ersten Mal in Israel, wohin ich eigentlich nie wollte. Israel hatte mich sehr lange nicht interessiert. Judentum war für mich die mit uns herumgeschleppte Tora gewesen. Heinrich Heine hat einmal geschrieben, dass die Tora und der Talmud sein »portatives Vaterland« seien. Ein bisschen empfand ich das auch immer so.

Dann aber war meine Tochter Rachel zur Makkabiade in Israel (Rachel Rinast ist Profifußballerin beim 1. FC Köln und in der Schweizerischen Nationalmannschaft /Anm. d. Red.), und sie berichtete mir ganz begeistert von dem Land. Letztlich hat sie mich überredet, hinzufahren.

Ich reiste mit einer nichtjüdischen Reisegesellschaft, und schon am Flughafen in Tel Aviv hatte ich den Eindruck, in die Heimat zu kommen. Das war ein überwältigendes Gefühl, das die ganze Reise über anhielt. Am wohlsten habe ich mich übrigens in Mea Schearim gefühlt. Darüber wundern sich viele, wenn ich das sage. Aber die mit Abstand freundlichsten Menschen habe ich in Mea Schearim getroffen. Das hat mich wirklich sehr überrascht.

bücher Und es gibt noch eine Heimat für mich. Das ist vielleicht sogar die wesentlichste Heimat: meine Bücher. Das Judentum ist ja seit der Zeit des Zweiten Tempels eine Religion des Diskurses. Da ging es nicht immer sehr fein zu, aber es wurde diskutiert. Und dahinter steht seit jeher die Suche nach der Wahrheit. Das aber setzt natürlich eine gewisse Bildung voraus.

Jemand, der von sich sagt, dass er nicht weiß, ob es Gott gibt, wird üblicherweise als Agnostiker bezeichnet, und in diesem Sinne bin ich ein jüdischer Agnostiker. Aber ich weiß andererseits, dass es die Tora gibt und die Mizwot, und ich weiß, dass durch sie das jüdische Volk mehr als 2500 Jahre zusammengehalten wurde und seine Identität behalten hat. Und ich hoffe, dass es noch mindestens weitere 2500 Jahre seine Identität behalten wird.

Um etwas dazu beizutragen, bete ich zu den Zeiten und am Schabbatmorgen Schacharit in meiner Synagoge. Aber selbst wenn ich mich als »Kulturjude« verstehen würde, müsste ich unsere Religion akzeptieren, da sie nun einmal Bestandteil unserer Identität ist. Insofern stellt sie für mich noch nicht einmal so sehr eine Verbindung zum Göttlichen dar, als vielmehr eine Verbindung zu meinem Volk.

humor Ich liebe den jüdischen Witz – einer, der zu diesem Thema passt, geht so: Ein jüdischer Atheist in New York schickt seinen Sohn auf das beste College der Stadt. Und weil das sehr teuer ist, fragt er eines Tages seinen Sohn, was er denn schon gelernt hat. Da sagt der Sohn, dass er vor allem gelernt hat, warum sein College ›Trinity College‹ heißt. Trinity sei ein christliches Konzept, und es stehe für Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Da packt der Vater den Sohn am Kragen, zieht ihn nah an sich heran und zitiert das Schma Israel. Und dann erklärt er: »Wir Juden haben nur einen Gott, und das ist der Gott, an den ich nicht glaube!«

Natürlich hoffe ich, dass das Leben der Menschen auf diesem Planeten weitergeht. Das klingt vielleicht etwas pathetisch, aber es bedeutet damit ja auch die Zukunft meiner Nachkommen. Für mich selbst verbinde ich mit der Zukunft die Hoffnung, dass ich möglichst lange mein Alter genießen darf. Ich möchte zumindest in Europa noch einige Orte besuchen.

Demnächst fahre ich nach Prag. Und ich will auch noch nach Krakau – und vielleicht auch noch einmal nach Israel.

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