Filmprojekt

Noch einmal im Gefängnis

Jugendliche aus Bremen und Wroclaw treffen Schoa-Überlebende: Eine Dokumentation zum Kulturhauptstadtjahr

Aktualisiert am 17.12.2015, 15:30 – von Gabriele LesserGabriele Lesser

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»Wir hatten uns Zyankali besorgt. So wie die meisten Juden in Breslau«, erzählt die heute 90-jährige Anita Lasker-Wallfisch. »Und als die Gestapo uns 1942 verhaftete, gab ich meiner Schwester die Hälfte des Giftes. Dann zählten wir bis drei und schluckten das Zeug.« Eindringlich sieht sie den jungen Zuhörern aus Polen und Deutschland in die Augen – bis ein schlaksiger Abiturient es nicht mehr aushält: »Und dann?«

Nach 1945 wurde Breslau zu Wroclaw. »Pociag ekspresowy do Szczecina odjezdza z peronu …«, hallt eine der Durchsagen über den Bahnsteig. Die Musikerin, die die Nazi-Todeslager Auschwitz und Bergen-Belsen überlebte, wartet bis zum Ende der Durchsage: »Statt tot umzufallen, marschierten wir weiter hinter der Gestapo her. Ein Freund hatte das Gift gegen Zucker ausgetauscht.«

Nach dem Holocaust traf sie den Freund in Lüneburg auf dem ersten großen Kriegsverbrecherprozess wieder. »Ich habe ihm für den Zucker gedankt«, sagt sie. »Denn natürlich wollten wir leben.« Die Jugendlichen aus Bremen und Wroclaw nicken. Einige von ihnen haben ihr Buch Ihr sollt die Wahrheit erben. Die Cellistin von Auschwitz gelesen. Da weder in Deutschland noch in Polen Wissen über die deutschen Juden in Niederschlesien vermittelt wird, haben alle einen intensiven Workshop im Berliner Museum des Holocaust-Mahnmals und in der Breslauer Synagoge zum Weißen Storch durchlaufen.

Klappe Karin Kaper, eine ausgewiesene Dokumentarfilmerin, klatscht laut in die Hände und ruft: »Bahnhof, Klappe 2«, und Dirk Szuszies, ebenfalls Filmregisseur, klappt das Stativ zusammen und informiert: »Wir machen noch ein paar Aufnahmen vor dem Bahnhof, dann fahren wir zum Gefängnis.« Für das Filmprojekt mit dem Arbeitstitel »Die letzten Juden aus Breslau« sind ein halbes Dutzend Zeitzeugen – ehemalige Breslauer Juden – aus Deutschland, den USA, Israel und Großbritannien nach Wroclaw gekommen. An Originalschauplätzen erzählen sie ihre Geschichte und antworten auf die Fragen der Jugendlichen. Die Filmpremiere ist für das Jahr 2016 geplant, wenn Wroclaw Kulturhauptstadt Europas sein wird.

»Wir haben Ende 2014 mit der Suche nach Sponsoren begonnen«, erzählt die Slawistin und Buchautorin Maria Luft. »Begonnen hat alles mit einer Idee von Barbara Pendzich, die vor Jahren ein Filmprojekt mit polnisch-jüdischen Breslauern durchführte und danach von einem ähnlichen Film mit deutsch-jüdischen Breslauern träumte.«

Doktorarbeit Die Idee nahm konkrete Form an, als Maria Luft neben den Filmemachern Kaper und Szuszies auch die Wissenschaftlerin Katharina Friedla von der Schoa-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem kennenlernte. Friedla hatte gerade ihre Doktorarbeit zum Thema »Juden in Breslau/Wroclaw 1933–1949« publiziert und erklärte sich bereit, die Leitung des Workshops für die Jugendlichen und die wissenschaftliche Beratung des Filmteams zu übernehmen. Barbara Pendzich von der Bente-Kahan-Stiftung, die den Stein ins Rollen gebracht hatte, organisierte dann den polnischen Part des Projekts in Wroclaw.

»Es hat sich nicht viel verändert seit 1943«, stellt Anita Lasker-Wallfisch fest, als die schweren Eisentüren des Gefängnisses hinter ihr krachend ins Schloss fallen. Sie zieht die Nase kraus: »Der Essensgeruch hängt heute wie damals in den Korridoren. Und auch die Schlüssel knirschen wie damals in den Schlössern. Ich hoffe, dass ich das letzte Mal in diesen Mauern bin.« Sie schaut hoch zum Turm des Gefängnisses: »Durch eine Spalte meines Zellenfensters konnte ich die Turmuhr sehen und habe jeden Tag 1000-mal draufgeschaut.«

Mädchenorchester Ein Strafverfahren wegen Dokumentenfälschung bewahrte sie vor dem Vernichtungslager Auschwitz. Doch am Ende rief eine Wärterin: »Anita Sarah Lasker mit allen Sachen!« Sie musste ihre Habseligkeiten zusammenpacken und wurde als Kriminelle nach Auschwitz gebracht. »Das hat mir die Selektion an der Rampe erspart«, sagt sie trocken, »denn ich kam ja nicht mit einem ›Judentransport‹ an.« Im Mädchenorchester von Auschwitz spielte sie dann als Cellistin jeden Tag um ihr Leben.

»Nach der Befreiung in Bergen-Belsen«, erzählt sie den Jugendlichen, »war die Rückkehr nach Breslau unmöglich geworden. Alle waren tot, die Heimat verloren.« So ging Lasker-Wallfisch 1945 nach London, wo sie auch heute noch lebt.

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