1989

Vordenker der Wende

Der Kollaps des Realsozialismus in Europa vor 25 Jahren war auch das Werk jüdischer Intellektueller

11.12.2014 – von Marko MartinMarko Martin

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Die linksliberalen Meinungsführer der alten Bundesrepublik wurden vom Herbst 1989 kalt erwischt: Die Revolutionen in Ost- und Mitteleuropa hatten sie nicht vorhergesehen. Nicht wenige Intellektuelle erlebten den Kollaps des realen Sozialismus als Verlust einer vermeintlichen Bastion des »Antifaschismus«.

Dass Jassir Arafat Dauergast auf SED-Parteitagen gewesen war, während Abu Nidals Terrorgruppe von Stasi-Leuten in der Abschlachtung von Juden trainiert wurde, hatte man ebenso wenig zur Kenntnis genommen – oder nehmen wollen – wie die größtenteils jüdischen Opfer der stalinistischen Schauprozesse in Prag und Budapest Anfang der 50er-Jahre oder die Warschauer Kampagne gegen den »Zionismus« 1968, die zur Zwangsexilierung beinahe aller nach der Schoa verbliebenen polnischen Juden geführt hatte.

gedächtnis Jüdische Schriftsteller und Intellektuelle hatten ein besseres Gedächtnis. »Du wirst sehen, jetzt geht es wieder los«, sagte mir damals gerade 19-Jährigem ein bewundernswert souveräner Ralph Giordano. Seine Anspielung auf die Zeit nach 1945 war keine Gleichsetzung zwischen NS- und SED-Regime, wohl aber ein erfahrungsgesättigtes Vergleichen von Tätermentalitäten und deren schamlosen Selbstexkulpationen.

Der greise Dichter Hans Sahl, der erst im Frühjahr 1989 nach Deutschland zurückgekehrt war, sah es in seiner bücherüberfüllten Klause in Tübingen ganz ähnlich: »Ach, diese fortgesetzte Täternähe deutscher Innerlichkeit ...« Sahl erinnerte sich an den kalten Hochmut der deutschen Kulturbürger, die nach 1945 zurückgekehrte Emigranten wie Walter Mehring oder Hermann Kesten scheel anschauten oder bei Partys Sätze wie »Tja, allein mit Coca-Cola ist es bei uns nicht zu machen« abschossen.

Dann lächelte Sahl milde und fügte hinzu, dass ihm gerade deshalb die Einsamkeitserfahrungen von DDR-Dissidenten wie Wolf Biermann, Reiner Kunze oder Jürgen Fuchs besonders nahe seien – »auch wenn mein Tübinger Nachbar, der hochberühmte Rhetor Walter Jens, das wahrscheinlich anders sieht und mich schon deshalb lieber nicht besucht«.

Der ironische und dabei grundgütige 90-Jährige, der sich bereits in den 40er-Jahren im New Yorker Exil mit Bertolt Brecht wegen dessen Stalinismus gefetzt hatte, wusste in jenen Monaten nach Mauerfall noch nichts von Walter Jens’ »vergessener« NSDAP-Mitgliedschaft oder von der SS-Vergangenheit von Günter Grass. Er konstatierte lediglich die Abwehrhaltung eines bestimmten Milieus und hatte eine Menge Spott übrig für dessen verdrucksten »Anti-Antikommunismus«.

antitotalitär Giordano und Sahl standen in der Tradition der Antitotalitären der ersten Stunde, die – als skrupulöse Enthüller der kommunistischen Herrschaftsideologie seit den 30er-Jahren – letztendlich die Vordenker von 1989 waren: Hannah Arendt, Franz Borkenau, Arthur Koestler, Manès Sperber, Isaiah Berlin, Leszek Kolakowski, Melvin Lasky, Gründer der Zeitschrift »Der Monat« und von Walter Ulbricht höchstpersönlich mit der vermeintlichen Schmähvokabel »Vater des Kalten Krieges« geadelt. Oder Francois Fejtö, 1937 aus dem antisemitischen Horthy-Ungarn nach Paris geflüchtet, als Résistance-Kämpfer Zeuge stalinistischen Dominanzstrebens geworden und nach dem Krieg dann Doyen der französischen Osteuropa-Forschung.

Allesamt waren sie areligiöse Juden, die freilich auch als Agnostiker dem emanzipatorischen Grundimpuls des Glaubens ihrer Väter treu geblieben waren, einer geradezu metaphysischen Revolte gegen das Unrecht. Manès Sperber zum Beispiel hatte als Kind vom Hausdach im ärmlichen galizischen Schtetl Steine gegen den Himmel geworfen, da dieser so entsetzlich schwieg zu den Tränen auf der Welt. Später, in Paris, hatte er unter dem Eindruck des Hitler-Stalin-Paktes mit den Kommunisten gebrochen und war als diktatursezierender Individualpsychologe einer der wichtigsten Bezugspartner für den jungen DDR-Dissidenten und Ex-Häftling Jürgen Fuchs.

Später waren es junge französische Juden der 68er-Generation wie André Glucksman, Alain Finkielkraut und Bernard-Henri Lévy, die – vom damaligen SPD-Vordenker Peter Glotz als »Armani-Philosophen« geschmäht – bereits Anfang der 70er-Jahre die intellektuelle Hegemonie der Kommunisten in Frankreich gebrochen und Alexander Solschenizyns erschütternden Archipel Gulag im kollektiven Gedächtnis verankert hatten. Junge jüdische Historiker aus den USA wie Richard Pipes und Anne Applebaum erforschten das Innenleben des sowjetischen Horrorsystems.

erbe Aber, fragen rhetorisch manche unbelehrbaren Wendeskeptiker: Haben angesichts des nach 1989 in vielen Ländern des ehemaligen Ostblocks wieder virulent gewordenen Antisemitismus diese jüdischen Intellektuellen sich nicht selbst ein Bein gestellt? Eine Verkürzung: Judenhass, und nicht zu knapp, gab es auch schon im realen Sozialismus.

Wo der Elitenwechsel scheiterte wie in Rumänien, wurde deshalb von den ins Völkische gewendeten Kommunisten der Hitler-Verbündete Marschall Antonescu wieder aufs Podest gehoben, während in Ungarn der illiberale Victor Orbán den »Reichsverweser« Horthy rehabilitiert. In Tschechien dagegen, wo trotz allem das liberale Erbe der Charta-77-Bürgerrechtler noch nicht gänzlich zertrampelt ist, pflegt man seit 1989/90 freundschaftliche Beziehungen zum Staat Israel – ein Echo der frühen Proteste Václav Havels und Pavel Kohouts gegen den einst parteiverordneten Antizionismus.

Und in Polen hat sich letztlich nicht die nationalistische Lesart der Kaczinskis durchgesetzt, sondern die komplexe Geschichtsbetrachtung, für die liberale Antikommunisten und jüdische Agnostiker wie etwa Adam Michnik vor und nach 1989 so engagiert gestritten hatten.

Noch ein kleiner Nachtrag zu den bundesdeutschen Bedenkenträgern von 1989. Als nur etwas über ein Jahr später, im Januar 1991, Juden tatsächlich höchste Gefahr drohte und Saddam Hussein ankündigte, »ganz Israel in ein Krematorium zu verwandeln«, verweigerte eben jene selbstgerechte Phalanx von Christian Ströbele bis Walter Jens dem Staat der Juden jegliche Solidarität, während sich die antitotalitären Dissidenten von einst nochmals zusammenfanden, um Israel beizustehen: Wolf Biermann, Ralph Giordano, Henryk M. Broder, Daniel Cohn-Bendit und Marek Edelman, Solidarnosc-Aktivist und ehemaliger Kommandant des Warschauer Ghetto-Aufstandes. Die jüdischen Wurzeln der Wende sind deshalb alles andere als eine Marginalie – vielleicht sind sie sogar ihr bestes Erbe.

Marko Martin ist Autor des Buchs »Treffpunkt ‘89. Von der Gegenwart einer Epochenzäsur«. Wehrhahn, Hannover 2014, 320 S., 22,80 €

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