Porträt der Woche

Die Kraft des Raums

Itay Friedman ist Architekt und glaubt, dass Gebäude Menschen verändern

Aktualisiert am 05.12.2014, 11:27 – von Katharina Schmidt-HirschfelderKatharina Schmidt-Hirschfelder

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Räume haben mich schon immer fasziniert. Sie haben eine ungeahnte Wirkung – ja, sie können das Leben verändern. Bei jedem neuen Auftrag schaue ich mir die Struktur der Räume genau an. Ich frage mich immer: Was kann ich tun, wie kann ich eingreifen, sodass die Bewohner etwas bekommen, was sie jetzt noch nicht sehen? Meine Inspiration kommt dabei von den Menschen: Mit ihren Wünschen und Ideen kann ich Magisches schaffen. Das ist das Wundervolle an meiner Arbeit.

Geboren und aufgewachsen bin ich Ende der 70er-Jahre als jüngstes von drei Kindern im Nordosten von Tel Aviv. Heute stehen dort überall Wohnhäuser, aber damals bestand der Küstenstreifen aus Strand und Feldern. Als Kinder sind wir oft durch die Felder gestreift, das habe ich geliebt – dieses Abenteuer, diese Weite! Wir waren Entdecker und Archäologen. Nicht selten sind wir mit dem Skelett eines toten Tieres nach Hause gekommen. Ich erinnere mich auch an einen Mann, den wir manchmal besuchten. Wir nannten ihn den Vogelmann. Er hatte die Schoa überlebt. Von dem Geld, das er später als Entschädigung von den Deutschen bekam, kaufte er Tausende von Vögeln und hielt sie in seinem Garten.

Über die Schoa wurde bei uns zu Hause nicht geredet. Einmal mussten wir in der Schule über die Geschichte unserer Familie schreiben. Also habe ich meine Großmutter befragt. Sie fing sofort an zu weinen – sie hatte die Nummer auf dem Arm. Aber dann erzählte sie doch – bis mein Großvater hereinkam und mich fragte: Warum bringst du sie zum Weinen? Er beschützte sie sehr. Dass ich später ausgerechnet nach Deutschland gegangen bin, wäre vermutlich ein Schock für ihn gewesen.

bauaufträge Inzwischen lebe ich vier Jahre in Berlin, allerdings mit Unterbrechungen. Zwischendurch hatte ich Bauaufträge in Chile und in Venedig. Der Anfang hier war schwer. Nicht nur wegen der komplizierten Bürokratie. Kontakte aufbauen, Leute kennenlernen, sich einzuleben – das ist ein langer Prozess. Doch ist die Tür einmal offen, ist man drin. Vor allem in der Architektur.

Hierher gezogen bin ich hauptsächlich wegen meiner Arbeit. Denn in Deutschland ist der Beruf des Architekten geschützt, in Israel nicht. Dort kann sich jeder, der einen Kurs in Innendesign gemacht hat, Architekt nennen. Das wird der Architektur nicht gerecht, finde ich.

Für mich ist Architektur Baukunst, Philosophie und Kultur in einem. Man wird nicht Architekt wegen der schicken Häuser oder Küchen, die man in den Hochglanzmagazinen oder Fernsehshows sieht. Die meisten Architekten spüren einen inneren Ruf. Sie wollen Räume entwerfen, die andere Menschen inspirieren, Städte planen, die die Art und Weise verändern, wie wir die Stadt benutzen und uns in ihr bewegen, wie wir miteinander leben und kommunizieren. Die Essenz von Architektur ist Vorwärtskommen. Es geht darum, uns selbst über unsere Grenzen hinaus zu entwickeln.

Eltern Meine frühzeitige kulturelle Bildung verdanke ich meinen Eltern. Mein Vater arbeitete als Ingenieur für die Armee, meine Mutter war Innendesignerin. Beide haben mir viel gezeigt. Museen, Kunst, Theater, das kam von meiner Mutter. Von meinem Vater habe ich den Blick für Struktur, Technologie und Regeln mitbekommen.

Als Kind habe ich vier Jahre in Singapur gelebt, mein Vater hatte dort einen Job. Obwohl ich fremd war, nahmen mich die Menschen an. Das war eine der prägendsten kulturellen Erfahrungen für mich. Am Morgen standen alle Schüler auf dem Schulhof und sangen zusammen die Nationalhymne, egal, welcher Nationalität und Religion sie angehörten oder welche Hautfarbe sie hatten.

Dann kehrte ich nach Israel zurück. Ich war damals neun Jahre alt. Eines Tages kam ich nach der Schule nach Hause und fragte meine Mutter: Warum sind Araber anders? Das hatte ich von irgendjemandem aufgeschnappt. Sie antwortete sehr zurückhaltend: darum. Und ich fragte wieder und wieder. Gab keine Ruhe. Bis sie erwiderte: »Darum, weil es hier, in dieser Kultur, nun mal so gesehen wird. In Singapur ist es anders als hier. Hier ist es anders als in Singapur. Menschlich sein kann man überall.« Später verstand ich, dass sie mir damals auf sehr einfühlsame Weise klarzumachen versuchte, was Menschsein bedeutet. Dass es nicht auf eine Kultur, eine Lebensart oder einen Ort beschränkt ist.

leonardo da vinci
Etwa zur gleichen Zeit habe ich mich in Leonardo da Vinci verliebt, seine Kunst, seine Art, das Leben zu erforschen. Ich spürte damals schon, dass ich eines Tages etwas Großes machen wollte mit dem, was ich in mir hatte. Natürlich war mir zu der Zeit noch nicht bewusst, was das war: Architektur, Design, Technologie. Doch in Israel hatte ich immer auch den Wunsch, einmal woanders zu leben.

Das tat ich dann auch. Ich ging nach England, studierte Architektur, stand kurz vor dem Abschluss. Dann erkrankte meine Mutter plötzlich an Krebs. Und ich traf eine Entscheidung für mich, für mein Leben: Ich ging zurück nach Israel, um Zeit mit ihr zu verbringen, bevor sie sterben würde. Ich wollte ihr zurückgeben, was sie mir als Kind gegeben hatte. Ich habe diese Entscheidung nie bereut. Heute habe ich meinen Seelenfrieden.

Dann jobbte ich eine Weile – Projektmanagement, kleinere Aufträge –, bis es mich schließlich zurückzog zur Architektur. Ich beendete mein Studium an der Bezalel-Kunstakademie in Jerusalem. Dort habe ich etwas Entscheidendes gelernt: Demut. Mein Lehrer Zeev Druckman, der damalige Direktor, nahm mich eines Tages beiseite. Es war fünf Uhr nachmittags. Zeichenstunde. Er ließ mich zeichnen und schüttelte mich dabei so richtig durch: Er hat das Ego aus mir herausgeschüttelt. Durch ihn habe ich verstanden, was Architektur wirklich bedeutet: Denk aus dem Bauch heraus. Versteh, was es heißt, ein Gebäude aufzuteilen. Erkenne, wie die Funktionen zusammenhängen. Er hat mir die Verantwortung beigebracht, die ich als Architekt habe.

schoa Ich lebe aber nicht nur wegen meines Berufs in Deutschland, sondern auch, weil ich etwas anregen will. Meine Familie kam ursprünglich aus Polen und Deutschland, und die meisten von ihnen waren sehr religiös. Nach der Schoa waren sie es nicht mehr. Das haben wir verloren. Mit diesem Konzept bin ich aufgewachsen: Dieses Volk, die Deutschen, haben uns zerstört.

Dann kam ich hierher. Und ich sah ein anderes Deutschland. Ich weiß nicht, ob ich vergeben kann, aber ich kann zumindest den Dialog beginnen. Ich wollte etwas für sie bauen, für meine Großeltern, für meine Familie. Ich wollte die Ehre haben, nicht nur einen goldenen Stolperstein in den Boden einzulassen. Ich wollte Struktur bauen, die davon erzählt, dass es auch anders geht. Alles, womit ich aufgewachsen bin und wie ich erzogen wurde, ist Liebe und Mitgefühl. Das ist die Essenz: Wir Menschen können uns schlimme Dinge antun. Wir können aber auch sehr nett zueinander sein. Im Inneren habe ich den Drang, ein guter Mensch zu sein. Natürlich mache ich Fehler, aber ich entschuldige mich dafür. Ich versuche es immer wieder.

Humor Die Deutschen sind noch nicht an dem Punkt, sich selbst zu vergeben. Ich merke das an den Witzen, an der Art von Humor. In Israel haben wir die Botschaft inhaliert, dass wir ewige Opfer sind. Alle Gedenktage sind von der Botschaft geprägt: Die anderen versuchen, uns zu ermorden. Doch wir haben auch das Lachen entwickelt. Eine Art schwarzen Humor. Sonst wirst du ja verrückt. Man muss über sich selbst lachen können. Das ist Teil des Heilungsprozesses. Dasselbe gilt für Fehler. In Deutschland darf man keine Fehler machen. Fehler bedeuten Versagen.

Ich konfrontiere die Leute nicht direkt, aber ich vermeide das Thema Schoa nicht, so wie manche Deutsche es tun. Ich finde es seltsam, wenn gerade junge Leute in Deutschland nicht darüber reden wollen oder so tun, als hätte das alles nichts mit ihnen zu tun, sondern nur mit ihren Großeltern. Dabei ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, dass wir darüber reden können, wir, die junge Generation.

Aufgezeichnet von Katharina Schmidt-Hirschfelder

www.itayfriedman.com

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