Tefillin

Kopf und Arm

Die Gebetsriemen symbolisieren die Einheit von Denken und Handeln

07.08.2014 – von Chajm GuskiChajm Guski

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Die Zehn Gebote und das Schma Jisrael sind unbestritten zwei herausragende Texte aus dem aktuellen Wochenabschnitt. Beide haben ihren verdienten Platz in zahlreichen Torakommentaren. Deshalb lenken wir den Blick heute bewusst auf eine Textstelle, die uns nahezu automatisch zu den großen Themen zurückführt.

Im Zusammenhang mit dem Schma Jisrael begegnet uns die Mizwa, Tefillin zu legen. Die kleinen Kapseln für Arm und Stirn enthalten Toraabschnitte, die auch Teil unserer Parascha sind: »Und du sollst sie (diese Worte) binden zum Zeichen an deine Hand, und sie sollen sein zum Denkband zwischen deinen Augen« (5. Buch Mose 6,8).

Diese Vorschrift wird in der Tora gleich achtmal erwähnt. Die Tefillin haben heute einen festen Platz im Leben observanter Juden. Sie werden während des Morgengebets angelegt, früher trug man sie den ganzen Tag lang. Das hat zu mancherlei Interpretation geführt. In den Hilchot Tefillin (Kapitel 5) beschreibt der Rambam (Maimonides, 1138–1204), dass die angelegten Tefillin eine Person davor bewahren würden, schlecht zu reden oder schlechte Gedanken zu haben. Wer Tefillin legt, konzentriert sich und ist sich bewusst, dass er gerade etwas Wichtiges tut.

Krieg Über das meiste, was mit den Tefillin zu tun hat, ist oft geschrieben worden. Aber eine Frage liegt nicht so nahe, und doch wurde sie von einem großen Kommentator aufgeworfen: Was haben Tefillin mit dem Krieg zu tun? Um diese Frage zu beantworten, verknüpft Raschi (1040–1105) zwei Texte aus der Tora und stellt einen interessanten Zusammenhang her.

Im 5. Buch Mose 20,8 werden Männer, die in den Kampf ziehen sollen, aufgefordert, nach Hause zurückzukehren, wenn sie »furchtsam und zaghaften Herzens« sind. Raschi kommentiert: »Nach Rabbi Jossi ha-Glili heißt das: Wer wegen Sünden in seiner Hand Furcht hat, dem erlaubt das Gesetz, zurückzukehren.« Um den Rückkehrer nicht zu beschämen, sei diese Vorschrift in andere Fälle eingebettet, in denen ein Mann zurückkehren darf.

Was meint die Tora mit einer Sünde, die man in der Hand hat? Etwa eine, die man mit der Hand ausgeführt hat? Der Talmud versucht, dies genauer zu spezifizieren, und bezieht sich auf die von Raschi kommentierte Stelle: »Wenn jemand zwischen dem Legen der einen Tefilla und der anderen spricht, dann hat er eine Übertretung begangen und kehrt deshalb von der Front nach Hause zurück« (Menachot 36a). Im Traktat Sota (44a) bezieht dies Rabbi Jossi ha-Glili auf jemanden, der wegen seiner Sünden Angst hat – in diesem Fall wegen illegitimer Beziehungen.

Routine Auf den heutigen Leser wirkt das zunächst nicht wie eine Erklärung der Stelle aus der Tora. Ist es so schlimm, zu sprechen, während man Tefillin legt, wenn man das Anlegen also eher nebenbei erledigt und es vielleicht ein wenig mechanisch durchführt? So etwas kann doch durchaus passieren, wenn man etwas regelmäßig tut. Es ist zwar nicht wünschenswert, aber als gravierender Verstoß erscheint uns das heute nicht mehr.

Man kann die Erklärung aber auch als ein Beispiel für Sünden sehen, derer man sich gar nicht wirklich bewusst ist oder die man sich nicht eingestehen möchte. »In der Hand« bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Sünde noch nicht »beendet« ist. Wer während des Tefillinlegens ein wenig plaudert, weiß es vermutlich besser, sieht es aber nicht so eng.

Hätte man die Sünde erkannt und mit ihr aufgehört, dann könnte man sie ja an Jom Kippur bereuen und umkehren auf den richtigen Weg (Teschuwa). Dann wäre man frei für den Kampf und müsste nicht nach Hause zurückkehren. Möglicherweise ist die Sünde noch »in der Hand«, weil es tatsächlich schwerer fällt, als man denkt, von einer Sache abzulassen. Diese Sache könnte schnell zu einer schlechten Gewohnheit werden.

Teschuwa Es war Rabbi Jisrael Salanter (1810–1883), der gesagt hat, es gäbe auf der Welt keine größere Entfernung zwischen zwei Orten als die Entfernung zwischen dem Herzen einer Person und ihrem Verstand. Der Konflikt zwischen »Ich weiß es eigentlich besser« und »Ich kann es nicht lassen« dürfte vielen bekannt sein.

Rabbiner Joseph Ber Soloveitchik (1903–1993) schrieb in seinem Buch über die Teschuwa, dass nur der Verstand einen Menschen davor schützen könne, eine Sünde erneut zu begehen: »Ein gewaltiger Kampf tobt im Sünder, zwischen seinem Geist und seinem Herzen, ein gigantischer Konflikt findet zwischen Emotionen und Intellekt statt.« Das Wesen der Teschuwa liege nicht »in der Reue für die Vergangenheit, sondern in der gewagten Entscheidung, ganz gleich, wie groß die Verlockung der Sünde ist, und ganz gleich, wie groß das Verlangen nach der Sünde ist, diese nicht mehr zu begehen«.

Langsam schließt sich der Kreis zu unserer Stelle in der Tora. Im Schulchan Aruch (Orach Chajim 25,5) heißt es, die Arm-Tefillin (Tefillin schel jad) entsprächen dem Herzen, und die Tefillin für den Kopf entsprächen dem Kopf, also dem Verstand. Das Legen und Tragen der Tefillin ermahnt uns also, die beiden Elemente Herz und Verstand miteinander zu verbinden, die Schlucht zwischen den beiden zu überwinden und den Kampf für ein »gutes« Leben zu gewinnen.

Das erklärt zum einen, warum man ausgerechnet bei diesem symbolischen Akt nicht leichtfertig sprechen sollte, sondern auch, warum der genannte Soldat nicht in den Kampf ziehen darf. Er sollte diesen Vorgang, für den die Tefillin stehen, bereits durchgemacht haben. So gibt es nichts, was ihn belasten könnte. Offenbar will die Tora, dass sich nur moralisch gefestigte Soldaten an die Front begeben.

Und weil die Tora dies auch von jedem anderen Juden fordert, sind die Vorschriften für die Tefillin Bestandteil des Schma Jisrael. Um nach der Tora leben zu können, braucht es sowohl den Intellekt als auch die emotionale Ebene und Selbstbeherrschung – die nicht leicht zu erreichen ist. Es braucht aber auch eine Einheit von Gedanke und konkreter Tat, auch das symbolisieren die Tefillin. Der Kopf und die Tat, der Arm, werden verbunden. Und die Idee aus dem Text, der Tora, wird ganz konkret erlebbar durch die Tefillin. Die großen Worte der Tora sind nichts ohne Menschen, die nach ihr leben. Nur darüber zu sprechen, reicht nicht aus.

Der Autor ist Mitglied der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Wa’etchanan beginnt mit der erneuten Bitte von Mosche, doch noch das Land betreten zu dürfen. Doch auch diesmal wird sie abgelehnt. Mosche ermahnt die Israeliten, die Tora zu beachten. Erneut warnt er vor Götzendienst und nennt die Gebote der Zufluchtsstädte. Ebenso wiederholt werden die Zehn Gebote. Dann folgt das Schma Jisrael, und dem Volk wird aufgetragen, aus Liebe zu G’tt die Gebote einzuhalten und die Tora zu beachten. Den Abschluss bildet die Aufforderung, die Kanaaniter und ihre Götzen aus dem Land zu vertreiben.
5. Buch Mose 3,23 – 7,11

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