Sprachgeschichte(n)

Viel Bohei um Bohei

Geht das Wort auf einen schottischen Kampfruf zurück? Oder auf einen hebräischen Segensspruch?

03.07.2014 – von Christoph GutknechtChristoph Gutknecht

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Viel Lärm um Nichts lautet die bei uns zum geflügelten Wort avancierte Titelübersetzung von Shakespeares Komödie Much Ado about Nothing von 1598. Für solchen Lärm findet sich seit den 80er-Jahren in der überregionalen Presse oft der endbetonte Begriff »Bohei« oder »Buhei«, etwa bei Spiegel Online: »Was gab es für einen Bohei um den Börsengang des Kurznachrichtendienstes Twitter«.

Schon lange vorher trat das Wort mundartlich und sondersprachlich auf. Bereits im Versuch eines bremisch-niedersächsischen Wörterbuchs (1767) steht »een groot Behoi maken«. Vielerorts sprossen die Sprüche – in Ostfriesland »he maakt’n groot Puhee um nicks«, in Moers »en grot Behei en necks en de Täsch«, in Köln »dä mäht vil Buhei öm nix«, in Aachen »voel Behei oem nues maache«. Das Rheinische Wörterbuch nennt »Buheikopf« (Großsprecher), »Buheimaul« (Prahler), das Verb »buheien« und das Adjektiv »buheizig« (kleinlich). In Wien und der Steiermark heißt es »Bahöö« beziehungsweise »Bahöll/Pahöll«. Der Generalstäbler in Karl Kraus’ Die letzten Tage der Menschheit etwa ruft: »Gehts machts doch nicht so an Pahöll!«

scheuchruf
Aber woher kommt das Wort? Für deutsche Regionalwörterbücher, die Duden-Redaktion, Küppers Wörterbuch der deutschen Umgangssprache und die Gesellschaft für deutsche Sprache (im »Sprachdienst« 48/2004) ist »Buhei« eine Zusammenrückung der Scheuchrufe »bu(h)« und »hei«, die später substantiviert worden sei. Die Jenaer Indogermanistin Sabine Ziegler deutete das Wort jüngst als Lautwiedergabe des schottisch-gälischen Kampfrufs »buaidh« (= Sieg), der aus Spott ins Umgangsenglisch übernommen und in der britischen Besatzungszone nach 1945 verstärkt gebraucht worden sei.

Übersehen werden bei diesen Herleitungen allerdings Hinweise auf jiddische beziehungsweise hebräische Ursprünge. Schon 1898 schrieb V. Hintner in der Zeitschrift für österreichische Volkskunde, »Bahöll« sei »natürlich nichts anderes als das hebräische behäla (Schrecken, Bestürzung, Lärm): Lev. 26, 16; Ps. 78, 33; Jer. 15, 8.« Das Siebenbürgisch-Sächsische Wörterbuch (1924) nennt unter »Buhé« eine Handschrift von Damasus Dürr (1537–1585) mit einem Bericht von der Zerstörung Jerusalems: »Das got trefflichen grossen bahelen an dem volk hat lassen geschehen und gestrafft mit hunger.«

losung Werner Weinberg (Die Reste des Jüdischdeutschen, 1973) deutet auf die Losung »Spar dir die Hei und die Wow« im Sinne von »Rede nichts Unnützes, Überflüssiges«. Der Spruch spielt auf die hebräischen Lettern He(j) und Wav an, die als sogenannte matres lectionis, also Lesehilfen, für die Vokale dienen, ohne selbst Informationswert zu besitzen.

Heidi Stern verzeichnet im Wörterbuch zum jiddischen Lehnwortschatz in den deutschen Dialekten (2000) unter »Bahel« das ostjiddische »behole« für »Durcheinander, Bestürzung« und das biblisch-hebräische »behala« für »Entsetzen«. Und Peter Honnen verweist in Alles Kokolores? (2009) auf das französische »brouhaha« für »Lärm, Getöse, Stimmengewirr«, die verballhornte hebräische Wendung »baruch haba« (Gesegnet sei, der da kommt), die als Teufel verkleidete Geistliche in französischen Mysterienspielen brüllten. »Auf dem Wege ins Niederländische wurde aus ›brouhaha‹ schließlich ›poehaai‹ oder ›boehaa‹, die Urform unseres ›Buhei‹.«

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