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Mission Judentum

Wie Evangelikale Zuwanderern ein »neues Heilserlebnis« vermitteln wollen

19.06.2014 – von Chajm GuskiChajm Guski

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In ihrer jüdischen Gemeinde hatte Tanya einfach keine Kontakte gefunden. Sie fühlte sich allein und isoliert. Außerdem habe es viel Streit gegeben, erzählt die Frau, die ihren richtigen Namen lieber nicht nennen möchte. Dann habe sie eine andere Frau zu einem Abend ins Zentrum einer »messianischen« Gemeinde mitgenommen, und sie fand, was sie gesucht hatte. Die Menschen lächelten sie an, man habe gemütlich beisammen gesessen, ein paar jüdische Lieder gesungen und einfach einen netten Abend verbracht, erzählt die Mittsechzigerin. »Es ist nicht wichtig, wen du kennst. Du hast das Gefühl, sie freuen sich, dass du da bist.« Tanya fühlte sich willkommen.

Genau das ist Zweck der Übung. Die Gemeinden geben sich offen. Sie heißen »Beit Schomer Israel«, »Beit Chessed«, »Schma Israel« oder »Shalom« und sind in Berlin, Düsseldorf, Stuttgart oder Essen zu finden. In erster Linie wollen diese messianischen Gemeinden »finden«, und zwar russischsprachige Juden wie Tanya. Die Gemeinden mit den eingängigen hebräischen Namen haben sich nämlich zum Ziel gemacht, ein Wort aus dem neutestamentlichen Römerbrief umzusetzen: »Die Juden zuerst«.

Suche Sie meinen damit, dass zuerst Juden Jesus als Messias annehmen müssten und danach der Rest der Menschheit. Oder man drückt es aus wie Armin Bachor. Der Nichtjude ist »theologischer Leiter« und Geschäftsführer des »Evangeliumsdienstes für Israel«. Er hat früher in Mikronesien missioniert, nun schreibt er im Rundbrief seiner Bewegung, dass Juden »ihre volle Jüdischkeit erst dann gefunden haben, wenn sie ihren Messias gefunden haben«, und damit meint Bachor natürlich keinen kommenden Messias, wie es die Lehre im Judentum vorsieht.

Der »Evangeliumsdienst« ist eine von vielen Gruppen, die »Die Juden zuerst« auch in die Tat umsetzen wollen. Im evangelikalen Christentum verankert, wie alle diese Gruppen, ist es für sie ein Hauptanliegen, die Menschen zu »erlösen«. Nach ihrem Verständnis kann dies nur geschehen, wenn der Mensch an Jesus als Messias glaubt. Wer nicht erlöst wird, hat ihrer Ansicht nach in der »kommenden Welt« schlechte Karten.

Behauptet wird dabei meist, dass diese Nachricht nicht nur zuerst an die Juden gerichtet sei, sondern eigentlich aus dem Judentum selbst käme. Schließlich seien die Propheten Juden gewesen, und Jesus habe in Synagogen und nicht in Kirchen gepredigt.

Juden für Jesus Die prominenteste Gruppe unter ihnen dürften die »Jews for Jesus« sein, die in Deutschland in der wörtlichen Übersetzung als »Juden für Jesus« auftreten und deutschlandweit Flyer austeilen, um auf sich aufmerksam zu machen. Gegründet hat diese deutsche Dependance der Amerikaner Avi Snyder zur Jahrtausendwende.

Laut dem »Evangelical Council for Financial Accountability« (ECFA), das die Einkünfte evangelikaler Organisationen in den USA offenlegt, verfügte »Jews for Jesus« 2012 über ein Vermögen von rund 21 Millionen Dollar.

Dennoch sind sie in Deutschland nicht die größte Organisation ihrer Art. Hier konkurrieren gleich mehrere Gruppen miteinander, um Juden ihrer »vollen Jüdischkeit« zuzuführen. Der genannte »Evangeliumsdienst« ist eine von ihnen. Auch die Essener Shalom-Gemeinde zählt zu dieser Organisation. In ihrem Selbstporträt beschreibt sie freimütig, wie ihre Missionare und die Zielgruppe zueinander finden: indem sie in Wohnheimen, der ersten Anlaufstelle für zugewanderte Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, Kontakte aufbauen und pflegen.

Auch wenn die »Juden für Jesus« ihr Hauptquartier in Essen aufgeschlagen haben, so habe es keinerlei Aktivitäten in Richtung der dortigen Jüdischen Kultusgemeinde gegeben, sagt Vorstandsmitglied Hans-Hermann Byron und fügt an, man würde derartige Versuche auch unterbinden. Ähnliches berichtet Walter Pannbacker von der Jüdischen Gemeinde Kiel. Auch im Norden Deutschlands sind die »Missionare« unterwegs, sie seien jedoch nie an die Gemeinde herangetreten. Die Arbeit der Gruppen konzentriert sich auf einzelne russischsprachige Gemeindemitglieder und nicht auf die Gemeinden selbst, die werden eher gemieden. Kein Wunder, denn sie lehnen die Mission grundsätzlich ab.

finanzierung In Stuttgart gehört die Gemeinde »Schma Israel« zum »Evangeliumsdienst«, aber es gibt auch eine »Messianische Jüdische Gemeinde« im Ländle. Berlin scheint für diese Art Aktivitäten ebenfalls interessant. Hier gehört dem »Beit Sar Shalom Evangeliumsdienst« die Gemeinde »Schomer Israel« an. Nach eigenen Angaben wurde der lokale Evangeliumsdienst 1995 mit der Hilfe der »Chosen People Ministries« gegründet.

Das ist eine weitere amerikanische Missionsgesellschaft, die sich auf Juden spezialisiert hat. In Deutschland ist sie allerdings nur indirekt aktiv. Laut der amerikanischen Finanzbehörde ECFA hatte diese 2013 Einkünfte von etwa 13 Millionen Dollar. Ob die Förderung auch heute noch stattfindet, ist nicht ohne Weiteres nachzuvollziehen, aber dass es Kontakte gibt, kann man dem Newsletter von »Beit Sar Shalom« entnehmen. Offiziell wirbt der Berliner Verein um Spenden, um damit seine Arbeit finanzieren zu können.

Jüdische Tradition Wie die Namen der Gemeinden verraten, wird fleißig Gebrauch von Bruchstücken aus der »jüdischen Tradition« gemacht. Die Treffen der Gruppen sind eine Mischung aus jüdischen Gebeten und Bestandteilen evangelikaler Gottesdienste. Bei »Schomer Israel« kann sie jeder von zu Hause aus mitverfolgen. Die Gemeinde streamt die Gebete ins Internet und bietet ein Archiv an. Von der Atmosphäre, die dort herrscht, bekommt der Internetnutzer freilich nicht viel mit.

»Das ist erst einmal wie in der Synagoge«, erzählt Tanya. »Nur dass man direkt versteht, was da passiert. Da wird ständig erklärt.« Deswegen habe sie zunächst auch gar keine Unterschiede im Gottesdienst feststellen können. »Wer welchen Hintergrund hatte, konnte man nicht direkt sagen.« Im zweiten Teil werde jedoch das evangelikale Element deutlicher. »Dann wird gemeinsam gesungen, auch mit musikalischer Unterstützung. Man beginnt mit jüdischen Liedern, und dann kommt auch etwas Christliches«, beschreibt die Zuwanderin ihre Erfahrungen. Wortbeiträge von Predigern lenkten dann die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf die christlichen Inhalte.

In vielen der sogenannten Gemeinden zeigt sich, dass die Teilnehmer der Aktivitäten in der überwiegenden Mehrheit russischsprachige Juden sind. Die deutschsprachigen Aktiven hingegen sind größtenteils Nichtjuden. Etwa Horst Stresow in Berlin, der in Tallit und Kippa die Besucher zum Gottesdienst begrüßt. Eduard Grundmann von der Gemeinde in Essen tut es ihm gleich. Er betreut die Gemeinde, spricht Russisch und ist in Kasachstan geboren.

Neben den Gruppen, die sich ausschließlich um Juden kümmern, gibt es aber auch Initiativen, die sich bevorzugt an russischsprachige Menschen wenden. Die Religion spielt dabei keine Rolle. Im Ruhrgebiet betreibt Alexander Epp, ein Aussiedler, die »Evangeliumskirche Glaubensgeneration«, die in erster Linie ein Angebot für Aussiedler ist. Seit einiger Zeit bietet aber auch sie spezielle Veranstaltungen für Juden an. Wiederkehrendes Element ist der »Abend Schalom«, bei dem russischsprachige Juden aus dem Ruhrgebiet mit Kaffee, Kuchen und dem Showtanz einer jungen gemeindeeigenen Tanzgruppe oder einer Choraufführung einen netten Nachmittag miteinander verbringen und nebenbei mit dem Gemeindeleiter ins Gespräch kommen können.

Unverbindlich Das wirkt zunächst unverbindlich und macht auch den anfänglichen Reiz dieser Gruppen aus. Anders ist es bei den reinen Missionswerken wie den »Juden für Jesus«. »Da wurde viel gesprochen, und es wurden Argumente vorgebracht. Man hat gemerkt, die wollen uns überzeugen«, erzählt Tanya. »Wenn man spirituell sucht und religiös interessiert ist, kann das vielleicht Erfolg haben«, vermutet sie.

In Gelsenkirchen sind unter den Besuchern einiger freichristlicher Gemeinden auch Mitglieder der lokalen jüdischen Kultusgemeinde. Sie nutzen einfach beide Angebote, ohne sich inhaltlich festzulegen. Regelmäßigere Besucher schätzen die freundliche Atmosphäre und dass sie eine Möglichkeit finden, sich zu engagieren, etwa bei der Aktion »Offene Tür«, wie eine Frau berichtete.

Überall werde dabei gleich vorgegangen. Konkrete Inhalte und Ziele würden zunächst nicht angesprochen. Je länger die Interessenten die Angebote wahrnehmen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie schließlich doch mit den Inhalten vertraut gemacht würden und sie auch annehmen. Oder sie entdecken, dass die Inhalte der Gruppen eher simpel auf das Judentum gemünzt sind.

Warum sollte sich ein Jude durch den Glauben an Jesus von einer Sünde erlösen, in der er zuvor nicht steckte? Die Frage kann auch Tanya nicht beantworten – auch, wenn die Gruppen scheinbar einfache Antworten in einer komplexen Zeit bieten mögen. Es müssen Nichtjuden einspringen, um den »jüdischen Rettungsplan« für die Welt anzunehmen, wie es die »Juden für Jesus« in einem Pamphlet formulieren. Und an denen mangelt es nicht.

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