Literatur

Gestrandet in der Provinz

Sarah Diehl schreibt einen Roman aus israelischer Perspektive, ohne Jüdin zu sein

12.10.2012 – von Fabian WolffFabian Wolff


Es gibt Geschichten, von denen können die Deutschen nicht genug bekommen. Geschichten über die Tragik, vom Dorf zu kommen. Darüber, wie aufregend es ist, mal mit Ausländern zu reden oder generell aus seiner Komfortzone zu treten, wenn man nur abends wieder nach Hause darf. Darüber, dass die wahren Opfer des Holocaust die Deutschen selbst sind, weil sie heute nichts mehr dürfen, obwohl ja nicht mal alle mitgemacht haben. Sarah Diehls Debütroman Eskimo Limon 9, das wird nach wenigen Seiten klar, erzählt eine ganz andere Geschichte.

fremdheitsskala Eine Art Privatdiaspora: Die israelische Familie Allon – Mutter Ziggy, Vater Chen, der elfjährige Sohn Eran – zieht von Tel Aviv ins hessische Niederbrechen. Chen hat eine Stelle als Informationstechniker im nahen Frankurt angenommen und muss sich nun im deutschen Firmenalltag zurechtfinden. Seine Frau Ziggy betrübt währenddessen der Alltag ohne echte Beschäftigung. Sie freundet sich mit dem Dorfzausel Koffel an und vergräbt sich in israelischer Popkultur – unter anderem der »Eskimo Limon«-Filmreihe, die in den Achtzigern in Deutschland als »Eis am Stiel« Erfolg hatte. Und Eran, der schon genug damit zu tun hat, kurz vor der Pubertät zu stehen, muss plötzlich Fragen seiner Mitschüler nach Vergasungen und dem Geburtsort vom »Herrn Jesu« beantworten. In den Augen der Ortsgemeinschaft erreichen die drei gleich dreifach Höchstwerte auf der Fremdheitsskala: Als Ausländer, Israelis und Juden werden sie zur Projektionsfläche für vergrabene Ängste, Vorurteile und Komplexe.

Eskimo Limon 9 ist kein Plot-Roman, sondern ein Buch der Augenblicke, Ideen und Exkurse. Es geht um Klischees, Jugendideale, um Punk, Metal und Grand Prix, um weibliche Ejakulation. Und um Israel, Deutschland und die Schoa. Wenn das alles nicht so gut funktionieren würde, man könnte von der Debütromankrankheit sprechen. Weil es aber funktioniert, kann man nur staunen und sich freuen.

hebräerzoo Spielt es eine Rolle, dass Diehl nicht jüdisch ist? Vielleicht. Sich echt anfühlende Geschichten über Juden in Deutschland von nichtjüdischen Autoren sind selten. Stattdessen gibt es ungezählte Bücher, in denen befremdete Deutsche zum ersten Mal Juden begegnen und beschämt und bezaubert zugleich sind. Ohne deutsche Identifikationsfigur und umfangreiches Glossar im Anhang (»Was ist eigentlich ein Goi?«) geht es meist nicht. Mag sein, dass für nichtjüdische Leser diese Ausflüge in den Hebräerzoo spannend und kathartisch sind, für Juden sind sie meist eine Zumutung. Gelegentlich gibt es Ausnahmen wie Die Ausgewanderten von W.G. Sebald, was aber inzwischen auch schon wieder 20 Jahre her ist.

Auch Eskimo Limon 9 ist so eine Ausnahme. Das große Thema des Romans ist Identitätszuschreibung und Fremdbestimmung. Da würde es nicht passen, wenn Diehl sich 320 Seiten lang die literarische Judenmaske aufsetzte und so täte, als ob. Das Buch ist trotzdem glaubhaft aus einer explizit israelisch-jüdischen Perspektive erzählt.

Sieben Jahre lang hat Diehl an ihrem Roman gearbeitet. Den Anstoß dazu gaben Begegnungen mit Israelis in Berlin und ein gewisses Gefühl der »Unsicherheit«, das Diehl an sich selbst bemerkte. Doch statt in dieser Unsicherheit zu verharren und eine jener »Oha, Juden«-Storys zu erzählen, hat sie ihre Beklemmung fruchtbar gemacht. Eskimo Limon 9 ist eben auch akkurat recherchiert, ohne eine arrogante anthropologische Studie der Spezies Homo israelicus zu sein.

popkultur Eskimo Limon 9 zeichnet sich dadurch aus, Dinge einfacher und damit komplizierter zu machen. Das wird an der Funktion von Popkultur im Roman deutlich. Ein Beispiel: Eran mag die Filme von Amos Guttman. Der hat 1982 Nagu’a gedreht, den ersten Film mit schwuler Thematik in Israel. Die Hauptrolle in Nagu’a spielt Jonathan Sagall, der als einer der Stars der »Eskimo Limon«-Reihe bekannt wurde, nach der wiederum das Buch benannt ist. Auf jeder Seite finden sich solche wunderbaren Querbezüge, die aber nie für sich selbst stehen, sondern immer die Figuren und Geschichten vertiefen.

Ein wenig ist Eskimo Limon 9 auch ein Dorfroman. Diehl ist im Kurort Bad Camberg aufgewachsen, das wie Niederbrechen im Landkreis Limburg-Weilburg liegt. Sie kennt die Gegend also. In Berlin hat sie Afrikawissenschaften, Gender Studies und Museologie studiert und festgestellt, dass das behauptete Stadt-Land-Gefälle zu großen Teilen Blödsinn ist. Auch im Roman leben die Figuren ein gut vernetztes Leben. Sie leiden nicht am Dorf, sondern an der Provinz Deutschland. Der Altlinke Koffel, der seinen Außenseiterstatus im Ort genießt, glaubt fest an ein anderes Deutschland und findet es bei Böll, Borchert und Fassbinder. Und Florian, der vertrottelte Neonazi, malt Niederbrechen mit Hakenkreuzen zu – die jedoch spiegelverkehrt sind.

Eskimo Limon 9 ist witzig, was bei einem deutschen Buch keine Selbstverständlichkeit ist. Die meisten Pointen sitzen, auch gewagtere Spitzen über amerikanische Juden, die Alija machen und statt Darren plötzlich Doron heißen. Es gibt eine ganze Reihe perfekter Sätze. So wundert sich der Lehrer Renner, dass ihn der Film Auf Wiedersehen, Kinder so bewegt: »Und warum war er so traurig? Weil es um Juden ging.« In dieser Äußerung steckt alles über das passiv-aggressive Verhältnis, das vermeintlich geschichtsbewegte Deutsche zu Juden haben.

stille Wut Diehl hat ein Buch der stillen Wut geschrieben. Wenn einem jüdischen Leser viele Details der deutsch-jüdischen Begegnungen bekannt vorkommen, dann, weil man sie aus dem Alltag kennt. In dieser Klarheit in einem Buch gelesen hat man sie aber noch nicht. Dass Diehl dabei selbst, wie sie sagt, eine von den »unsicheren Deutschen« ist, kommt sehr gelegen. Maxim Biller, der harte Hund, würde sich für solche Befindlichkeiten wohl kaum interessieren.

Am Ende beschließt eine der Hauptfiguren, zurück nach Israel zu gehen, und fragt sich, ob El Al auch am Schabbat fliegt. Kurz darauf der Schreck über diese ziemlich deutsche Frage – als ob es da einen Zweifel gäbe. Dabei, und das verschweigt der Roman mit Absicht, fliegt El Al nicht am Schabbat, säkulare israelische Identität hin oder her. Eskimo Limon 9 gibt eben keine Antworten, sondern stellt nur Fragen und zeigt, wie kompliziert die Dinge sind. Es ist ein bemerkenswertes deutsches Buch über Juden und Israel. Es stimmt allein wehmütig, dass es die Ausnahme bleiben wird, die die Regel bestätigt.

Sarah Diehl:
»Eskimo Limon 9«. Roman. Atrium,
Hamburg 2012, 320 S., 19,95 €


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