Jüdische Kulturtage

Zwölf vorsichtige Tage

Ein Konzert von Dudu Fischer in der Synagoge Rykestraße während der Jüdischen Kulturtage 2021 Foto: Uwe Steinert

Die Jüdischen Kulturtage sollten ein unbeschwertes Fest des Judentums sein und zugleich die Rückkehr von Künstlern auf die Bühnen und des Publikums in die Ränge und Säle zelebrieren. Eine große Feier wurde es tatsächlich, die Unbeschwertheit wollte sich jedoch nicht so recht einstellen. Von Anfang an hingen die steigenden Infektionszahlen wie ein Damoklesschwert über den Planungen für die Festivitäten. Bis kurz vor Beginn des Festivals sei nicht sicher gewesen, ob es tatsächlich stattfinden könne, erzählt Gerhard Kämpfe, Intendant der Jüdischen Kulturtage, der Jüdischen Allgemeinen.

Schließlich gab es doch grünes Licht, und das Eröffnungskonzert in der Synagoge Rykestraße konnte unter penibler Umsetzung der Vorgaben des Berliner Senats stattfinden. Es konnten zwar nur ein Drittel der Plätze in der Synagoge besetzt werden, der Stimmung im Saal tat das aber keinen Abbruch. Dafür sorgten die Musiker vom Swing Dance Orchestra, der legendäre israelische Broadway-Sänger Dudu Fisher und Giora Feidman, der König des Klezmer, dessen Auftritt das Publikum mit stehenden Ovationen goutierte. Das seien die Momente, so Gerhard Kämpfe, die ihn und sein Team für ihre Mühen entschädigten.

JECKES Ein bisschen Ablenkung in schweren Zeiten kann ein Blick in eine glanzvolle Vergangenheit verschaffen. Der fiel in der »humoristisch-musikalischen Lesung« von Schauspieler und Sänger Ilja Richter auf das Jerusalem der 50er-Jahre. Genauer: auf den Jerusalemer Stadtteil Rechavia, den der israelische Architekt David Kroyanker einmal eine »preußische Insel im Meer des Orients« nannte.

Über Jahrzehnte war Rechavia ein Magnet für eingewanderte »Jeckes«, für deutsche und speziell für Berliner Juden, die es sich auch in ihrer neuen Heimat nicht nehmen ließen, nach Art des deutschsprachigen Bildungsbürgertums – Goethe lesend, Heine rezitierend, Schubert singend – zu leben. Unterstützt vom Pianisten Harry Ermer ließ Ilja Richter im Renaissance-Theater Berlin das »deutsche« Jerusalem für das Publikum lebendig werden, sang Chansons von Georg Kreisler und las aus Thomas Sparrs Sachbuch Grunewald im Orient.

Das Eröffnungskonzert in der Synagoge Rykestraße konnte unter penibler Umsetzung der Vorgaben des Berliner Senats stattfinden.

Angesichts drohender Gefahren hilft ein wenig Gottvertrauen. Besonders junge Menschen haben das jedoch immer öfter nicht. Eine Ausnahme bilden die drei Dichterinnen und Dichter, die im Rahmen der Jüdischen Kulturtage auf dem »Religious Poetry Slam« auftraten.

WORTKÜNSTLER Zu den Wortkünstlern, die an diesem Tag ihre selbst geschriebenen Texte vortrugen, gehörte auch die 29-jährige Sarah Borowik-Frank. Es sei eine alte jüdische Weisheit, so Borowik-Frank, dass der Mensch ein zweites Mal sterbe, sobald sein Name in Vergessenheit gerät. Der Name drücke die Geschichte und das Wesen einer Person aus.

Sie selbst demonstrierte diese These sogleich anhand ihres eigenen Namens: »Borowik«, das sind ihre polnischen Wurzeln; »Frank« war der Name ihrer jüdischen Großmutter, und »Sarah« hieß die Stammmutter aller Jüdinnen und Juden. Zusammengefügt ergebe ihr Name die Geschichte ihrer Familie und die des ganzen jüdischen Volkes.

Auch bei dem vielleicht berühmtesten jüdischen Komponisten der Moderne spielte die Aussagekraft von Namen eine Rolle. Geboren wurde er 1898 in New York als Jacob Gershovitz, Sohn jüdischer Migranten aus dem russischen Kaiserreich, die wegen antisemitischer Verfolgung ihre Heimat verlassen hatten. Berühmt wurde er aber mit seinem amerikanisierten Namen George Gershwin, der heute so wie kein anderer Name für die Entstehung einer originär US-amerikanischen Musik steht.

Die Schauspielerin Martina Gedeck las in der Synagoge Rykestraße aus der von seiner Schwester verfassten Biografie Gershwins, während der Pianist Sebastian Knauer einige seiner Kompositionen spielte. Unsterblich seine Oper Porgy and Bess oder seine Stücke An American in Paris und Rhapsody in Blue. So wurde es ein russischstämmiger Jude mit amerikanischem Namen, der mit seiner Musik »dem American Dream Flügel verlieh«.

GESCHICHTEN Auch auf der anderen Seite des großen Teiches, in Deutschland, gab und gibt es Jüdinnen und Juden, die der Gesellschaft ihren Stempel aufdrücken. Für die Jüdische Allgemeine hat der Schauspieler und Autor Gerhard Haase-Hindenberg jahrelang verschiedene jüdische Menschen mit außergewöhnlichen Geschichten getroffen und porträtiert. Für eine Veranstaltung in der Neuen Synagoge kamen er und einige seiner Porträtierten im Rahmen der Jüdischen Kulturtage erneut zusammen.

Etwa 5000 Menschen besuchten die Konzerte, Lesungen und Aufführungen.

Etwa Leo Schapiro, einer der Mitbegründer von Keshet, einer Organisation für queere Jüdinnen und Juden. Oder David Friedman, der 1944 in New York geboren wurde, eine eigenartige Faszination für die deutsche Sprache entwickelte und 1983 der Liebe wegen, wie er sagt, nach West-Berlin zog. An der Universität der Künste wurde er Professor für Jazz und zählt heute noch zu den besten Vibraphonisten der Welt. Die Geschichten, die Haase-Hindenberg gesammelt hat, sind seit diesem Jahr in Buchform unter dem Titel »Ich bin noch nie einem Juden begegnet …« erschienen.

KONZERT Die Jüdischen Kulturtage gingen die ersten zehn Tage ungestört ihren Gang. Nachdem aber bereits Daniel Barenboim sein Konzert wegen eines Rückenleidens absagen musste, schlug am vorletzten Tag des Festivals auch das Virus zu: Das Konzert »Von Hollywood nach Berlin« konnte nicht stattfinden, weil einer der Musiker positiv auf Corona getestet wurde.

Für den Intendanten, Gerhard Kämpfe, war das schade, dennoch konstatiert er: »Es war fast ein Wunder, dass das nicht schon früher passiert ist.« Insgesamt seien circa 5000 Menschen zu den Jüdischen Kulturtagen gekommen, sagt Kämpfe, was den Umständen entsprechend eine gute Bilanz sei.

Künstler, Gemeinde und Intendanz hoffen, dass die Kulturtage nächstes Jahr nicht mehr im Schatten einer verheerenden, weltweiten Pandemie stattfinden müssen und man ohne Angst gegenseitiger Ansteckung in einem voll besetzten Saal gemeinsam jüdische Kultur erleben kann. Daniel Barenboim jedenfalls hat schon angekündigt, sein Konzert wiederholen zu wollen.

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