Diskussion

Zukunft gestalten

Am 14. Oktober wird in Bayern gewählt, und alle sind gespannt, wie die Sache ausgehen wird. Steht der bislang allein regierenden CSU ein historisches Debakel bevor? Umfragewerte von weit unter 40 Prozent deuten zumindest darauf hin. Ministerpräsident Markus Söder und sein Kabinett sind unter Druck – so wie alle anderen Parteien, die zumindest eine kleine Chance wittern.
Kein schlechter Zeitpunkt, um mit Mitgliedern der verschiedenen Parteien über aktuelle Themen zu sprechen.

Das dachte sich auch der »Verband Jüdischer Studenten in Bayern« (VJSB) und lud am Donnerstag zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur Vertreter der Jugendorganisationen von CSU, SPD, den Grünen, der FDP und den Linken zum »Political Talk« unter dem Motto »Zukunft gestalten für Bayern, Deutschland und die Welt« in lockerer Atmosphäre in den Cord Club im Herzen der Stadt ein. Man wollte erfahren, wie die Leute aus den Jugendorganisationen der Parteien ticken, was sie beispielsweise gegen Antisemitismus und für die jüdische Gemeinschaft tun.

schirmherrschaft Tatkräftige Unterstützung fand der VJSB durch den Zentralrat der Juden in Deutschland. Die Schirmherrschaft für die Veranstaltung hatten Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, sowie Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, übernommen.

Beide hatten im Vorfeld der Veranstaltung in ihrem schriftlichen Grußwort die Bedeutung der anstehenden bayerischen Landtagswahl betont. Josef Schuster erwähnte die Sorge der jüdischen Gemeinschaft, »dass die AfD zu viel Zustimmung erhalten« könnte. »Es wäre verheerend, wenn eine Partei reüssiert, die in vielen Bereichen versucht, den demokratischen Grundkonsens auszuhöhlen«, schrieb der Zentralratspräsident.

Demokratie Rund 60 junge Zuhörer waren zur Podiumsdiskussion erschienen. Moderiert wurde diese von Benjamin Fischer, Public Affairs Officer beim Europäischen Jüdischen Kongress in Brüssel und vormals Präsident der European Union of Jewish Students.

Zu Beginn des Abends berichtete der Coach und Aktivist Shai Hoffmann, der gerade mit seinem »Demokratie-Bus« in Bayern unterwegs ist, auf sehr persönliche und emotionale Weise von verschiedenen Projekten, von Zukunftsangst, von Menschen, »die Dinge sagen, die ich als Enkel von Holocaust-Überlebenden nicht akzeptieren möchte, weil ich in diesem Land groß geworden bin und weil das hier meine Heimat ist, genauso wie Israel meine Heimat ist«. Gegen Ängste, die er durchaus auch kenne, empfahl Hoffmann: »Macht etwas, tut etwas, ihr werdet daran wachsen.«

Die sich daran anschließende Diskussionsrunde wurde in vier Blöcke mit Fragen und Themenfeldern unterteilt: »Politik und junge Menschen«, »Wohnen«, »Innere Sicherheit« sowie »Antisemitis­mus und jüdisches Leben in Deutschland«. Auf dem Podium saßen Michael Pöppl (Jusos Bayern), Piet Jakobs von der Linksjugend Solid, Sebastian Hansen von der Grünen Jugend Bayern, Melissa Goosens (Junge Union Bayern) und Maximilian Funke-Kaiser als Vertreter der Jungen Liberalen Bayern.

publikum Selbstverständlich war das rund dreistündige Gespräch nicht frei von Floskeln, und natürlich blieb man weitestgehend beim eigenen Parteiprogramm. Was dennoch auffiel, war der lockere, faire und menschliche Umgang miteinander, auch die offen ausgesprochene Kritik an Leuten aus den eigenen Reihen, der Mut zu persönlicher Meinung, bemerkenswert auch die Bitte Goosens an Publikum wie Organisatoren: »Ich wäre dankbar, wenn wir uns öfters zusammensetzen, weil mir da einfach Erfahrung fehlt, weil jüdisches Leben – so mein Gefühl – sehr im Verborgenen stattfindet.«

Alle Vertreter plädierten für mehr Polizeipräsenz, alle positionierten sich für Israel und gegen Antisemitismus – an einem solchen Abend selbstverständlich, aber durchaus auch glaubhaft. »Gegen Antisemitismus muss man vorgehen«, sagte beispielsweise Piet Jakobs von der Linksjugend, »und dass wir da auch nicht mehr unterscheiden zwischen Israelfeindlichkeit und Antisemitismus.«

israelkritik »Israelkritik kommt immer irgendwie so daher«, ergänzte Michael Pöppl von den Jusos, »und am Ende ist sie antisemitisch.« Dass Sigmar Gabriel, der Israel »Apartheid« vorgeworfen hatte, nicht mehr Außenminister sei, freue ihn. Sebastian Hansen von der Grünen Jugend beschrieb beim Thema innere Sicherheit, was ihm derzeit wirklich Angst mache, »nämlich, wenn ich sehe, was da in Chemnitz abgeht, wenn der Nazi-Mob durch die Straßen zieht und Menschen jagt«.

Unter Applaus berichtete Hansen davon, dass »wir bei den bayerischen Grünen vor einem Jahr mit einer sehr breiten Mehrheit bei der Landesdelegiertenkonferenz einen Anti-BDS-Antrag durchbekommen haben«. Goosens von der Jungen Union setzte beim Thema Antisemitismus auf »Aufklärung und Bildung. Das Verbrennen einer Israelflagge ist ein absolutes ›No-Go‹«. Und Funke-Kaiser von den Jungen Liberalen betonte, dass bei Judenhass alle gefordert seien. »Wir müssen die Leute, die antisemitisch sind, in die Schranken weisen. Wer die AfD wählt, muss wissen, dass sie nachweislich Antisemiten in ihren Reihen duldet.«

Warum kaum vom Antisemitismus, den manche Flüchtlinge ins Land brächten, die Rede gewesen sei, wollte im Anschluss jemand aus dem Publikum wissen. Antisemitismus sei Antisemitismus, und es sei nicht sinnvoll, hier zu differenzieren – in diese Richtung gingen die Antworten der jungen Politiker. Und dass Katar seine Investitionen in Deutschland weiter erhöhen wolle, wurde eingeworfen – ein Punkt, der nicht minder auf Empörung stieß. Bei Gesprächen an der Bar nahm der angeregte Diskussionsabend schließlich einen entspannten Ausgang.

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