Stuttgart

Württemberg sucht den Superstar

Überzeugte mit dem Venezianischen Gondellied in Fis-moll: Alexandra Melnik Foto: Edgar Layher

Alexandra Melnik gehört zu den Jüngsten. Mit beherztem Tempo trägt die 9-jährige Johann Sebastian Bachs Kleines Präludium in F-Dur vor. Die lockig-braunen Haare mit einer Spange im Nacken zusammengefasst, die Lippen leicht gespitzt, lässt die Stuttgarterin ihre Blicke beim zweiten Vortragsstück immer wieder von den Tasten ins scheinbar Leere schweifen. Der Schein trügt – hoch konzentriert zaubern die kleinen Hände das Venezianische Gondellied in Fis-moll (Opus 30, N 6) aus dem Flügel. Dann verhallt der letzte Akkord im Saal der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW). Alexandra seufzt leicht, verbeugt sich und lächelt – geschafft!

Experiment Sie ist eine von 31 Teilnehmern, die beim diesjährigen 4. Karl-Adler-Jugend-Musikwettbewerb am vergangenen Sonntag in Stuttgart angetreten waren und zeigten, wie viele junge Talente es in den Reihen von Deutschlands jüdischen Gemeinden gibt. Es sind Talente, die nicht zu schlummern brauchen, nachdem vor vier Jahren die Stuttgarter Musikpädagogin Margarita Volkova-Mendzelevskaya und der Stuttgarter Unternehmer Martin Widerker den Musikwettbewerb ins Leben riefen. »Das Konzept ging auf, was als kleines Experiment begann, hat sich einen Namen über die Grenzen Baden-Württembergs hinaus gemacht«, sagte Barbara Traub, Vorstandssprecherin der IRGW, zur Eröffnung der Veranstaltung in Erinnerung an den früheren Stuttgarter Musikwissenschaftler Karl Adler (1890–1973).

Nicht nur aus der näheren Umgebung der baden-württembergischen Landeshauptstadt sind die Talente erschienen, auch aus Halle, Leipzig, Bonn und Köln sind sie angereist. Eltern und Lehrer wiegen sich im Takt, wenn ihre Kinder und Schüler zum Wettbewerb vortragen, was sie in den letzten Wochen besonders intensiv geübt haben. Sie trösten und stärken ihre Schützlinge, nehmen sie in den Arm, drehen Videofilme oder fotografieren, werden später rhythmische Schwächen und kleine Patzer diskutieren. Manche Kinder zeigen besondere Nervenstärke, wenn sie dem Vortrag der »Konkurrenz« zuhören, andere bleiben lieber vor der Saaltür bis zu ihrem eigenen Vortrag. Manche haben sich feingemacht, wie sie das von großen Stars gesehen haben, andere halten es mit der Garderobe bescheidener.

alte hasen Die Jury, zu der neben Margarita Volkova-Mendzelevskaya in diesem Jahr Felix Gottlieb, Fanny Solter, Leonid Schick, Julia Vamosi, Nachum Ehrlich, Lubov Selzer-Niederer und Dimitri Rudiakov gehörten, lässt sich von Äußerlichkeiten nicht beeindrucken. Bei ihr zählen alleine »die Intensität des Spiels, der besondere Klang, das Temperament, die gute Technik«, so die Vorsitzende der Jury, Margarita Volkova-Mendzelevskaya. Julia Lerner gehört zu den alten Hasen des Karl-Adler-Jugend-Musikwettbewerbs.

Die 13-jährige Klavierschülerin aus Eningen/Württemberg hofft wie in den vergangenen zwei Jahren auf einen ersten Preis. Als sie vor neun Jahren mit dem Klavierspiel begann, fand sie es »reizvoll und lustig«, dass »der Ton sofort kommt, wenn man auf die Taste drückt« – nach einer Alternative hat sie nicht gefragt. Sie blieb beim Klavier und erspielte sich auch bei »Jugend musiziert« siebenmal einen ersten Preis in Baden-Württemberg.

»Der Preis ist ein Beweis für mich, dass ich es kann, eine Art Zertifikat«, sagt Denis Oborski. Der 14-Jährige glaubt, dass ein Kind nicht früh genug mit dem Musizieren anfangen kann. »Motorik und musikalisches Gehör werden besser entwickelt«, sagt Denis, der ebenfalls Klavier spielt. Bei einem der früheren Musikwettbewerbe bekam der Reutlinger einen Extrapreis für die Interpretation eines jüdischen Werkes.

preis 3.500 Euro beträgt der Preisträgerfonds insgesamt, der von Martin Widerker, Repräsentanzmitglied der IRGW, gestiftet wird. Der Fonds für Sonderpreise wird vom Stuttgarter Piano-Centrum Matthaes und musikbegeisterten Familien gestiftet. In diesem Jahr gingen die ersten Preise an Julian Burdenko aus Uhldingen-Mühlhofen (Klavier), Veronika Paleeva aus Ludwigsburg (Geige) und Leo Esselson aus Jeidelberg (Geige).

Die 9-jährige Alexandra Melnik bekam eine lobende Anerkennung. Die IRGW lädt am 25. Juli um 15 Uhr zu einem Preisträgerkonzert in ihren Gemeindesaal ein.

Thüringen

Das Erbe der Simsons

Beim jährlichen Moped-Treffen in Suhl feiern Zehntausende den »Sound des Ostens«. Doch hinter der Kultmarke steht die Geschichte einer von den Nazis vertriebenen jüdischen Unternehmerfamilie

von Helmut Kuhn  30.07.2026

Fußball

Rot-Weiß verbindet

Vergangene Woche gründete sich mit den »FCB Chaverim« der deutschlandweit erste jüdische Fanklub des FC Bayern München

von Luis Gruhler  30.07.2026

Erinnerung

Für immer

Manchmal sind es die kleinen Dinge, von denen wir uns nie trennen würden. Wir haben Gemeindemitglieder gefragt, welche Gegenstände ihnen viel bedeuten

von Christine Schmitt  30.07.2026

Unterfranken

Dem Hass die Stirn bieten

Nach dem brutalen Angriff auf ein Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft riefen prominente Redner bei einer Mahnwache in Würzburg zum Widerstand gegen Antisemitismus auf

von Stefan W. Römmelt  30.07.2026

CSD

Vom Feiern zum Schock

Auch viele queere Jüdinnen und Juden tanzten fröhlich auf Berliner Straßen – bis der Anschlag geschah

von Christine Schmitt  29.07.2026

Lesen

Zehn Welten

Die Journalistin Anna Lutz hat Jüdinnen und Juden porträtiert und darüber ein Buch veröffentlicht. Entstanden sind Geschichten zwischen Nähe und Distanz

von Leon Stork  28.07.2026

Kino

»Das ist das Vermächtnis meines Vaters«

Alice Brauner setzt als Produzentin die Familientradition fort. Ein Gespräch über ihren neuen Film »Block 10«, Herausforderungen für Schauspieler und intensive Recherchen

von Christine Schmitt  28.07.2026

München

Vorhang auf für die Kids

Zum Start der Sommerferien führen die Kinder der Sinai-Grundschule ein Musical in englischer Sprache auf

von Luis Gruhler  28.07.2026

Worms

Ein Turm in der Erde

Seit ein paar Wochen können Besucher wieder die Mikwe besichtigen. Ein Ort mit einer langen Geschichte. Doch der Klimawandel hinterlässt seine Spuren

von Mascha Malburg  28.07.2026