Offenbach

»Wir bringen dich um, Jude!«

Es ist nicht so, als ob er es sich einfach gemacht hätte. In den vergangenen Wochen hat Max Moses Bonifer viel darüber nachgedacht, ob es eine andere Lösung als Rücktritt geben könnte. Vereinzelte antisemitische Beleidigungen durch muslimische Schüler waren für den Stadtschulsprecher Offenbachs ja nichts Neues, sie gehörten für ihn als Juden fast schon zum Alltag.

Seit dem Gaza-Krieg vor einigen Monaten aber häuften sich die judenfeindlichen Beschimpfungen gegen den 18-Jährigen – und wurden aggressiver. Manchmal lauerten ihm arabisch- und türkischstämmige Jugendliche – nun sogar schon in der Innenstadt – auf, wie Bonifer der Jüdischen Allgemeinen mitteilte. Sie drohten ihm Schläge an. Doch Bonifer wollte sich nicht kleinkriegen lassen. Sein Pflichtgefühl war größer als die Angst vor den Einschüchterungen.

warnsignal Vergangene Woche jedoch ging es nicht mehr weiter. Bonifer zog die Reißleine. Die Angst hatte gesiegt. Nachdem ihm muslimische Schüler angedroht hatten, ihn zu ermorden, sah er ein, dass er nicht länger Stadtschulsprecher sein kann. »Wir bringen dich um, Jude!« und »Wir werden dich finden und bringen dich und dein Volk um!«, riefen ihm die Jugendlichen, die er persönlich kannte, hinterher.

»Spätestens da wusste ich, dass es nicht mehr geht. Ich kann nicht länger Schüler vertreten, die mir den Tod wünschen«, begründet Bonifer seinen Rücktritt. Als Stadtschulsprecher hatte er bis dahin sämtliche Schulen mit Sekundarstufe II in Offenbach vertreten. Nach seinen Angaben seien die Anfeindungen ausschließlich von muslimischen Jugendlichen ausgegangen, die die Gesamt-, Real- oder Hauptschulen der Stadt besuchen. »Es sind in verschiedenen Konstellationen rund 20 Täter, die mir regelmäßig aufgelauert haben«, so Bonifer, der im Alltag oft Kippa trägt.

Für den Abiturienten sind die Anfeindungen ein Beleg für die fortschreitende Radikalisierung nicht weniger Muslime in der Stadt. »Nach meiner Erfahrung ist die Mehrheit der muslimischen Schüler in Offenbach derzeit nicht integrierbar«, sagt Bonifer. Von Lokalpolitikern der Stadt fühlt er sich im Stich gelassen. Bei mehreren Gelegenheiten habe er sie darauf hingewiesen, dass der wachsende Antisemitismus seitens arabisch- und türkischstämmiger Jugendlicher in Offenbach jüdischen Schülern zunehmend Probleme bereite. »Daraufhin ist außer leeren Phrasen aber nichts geschehen«, bedauert der 18-Jährige.

Integrationspolitik Auch aus diesem Grund hat der Abiturient den Eindruck, dass die Integrationspolitik in Offenbach gescheitert ist. Die Stadt betreibe oft Symbolpolitik und beschwöre das multikulturelle Zusammenleben, verschließe jedoch die Augen vor den Konflikten zwischen Muslimen und Juden. »Meine Erfahrungen und die anderer jüdischer Schüler zeigen, dass bloße Symbolpolitik nicht ausreichen kann und darf.«

Die Jüdische Gemeinde Offenbach widerspricht der Kritik des Schülers entschieden. »Ja, es existieren Probleme im Zusammenleben«, betont zwar auch Mark Dainow, stellvertretender Gemeindevorsitzender und Jugendreferent des Zentralrats. So hätten einige Schüler mit Migrationshintergrund zum Beispiel antisemitische Vorurteile. Dabei handele es sich um eine Art importierten Antisemitismus. »Ich warne aber davor, zu generalisieren und alle Muslime über einen Kamm zu scheren.«

projekte Auch Bonifers Kritik an Offenbachs Migrationspolitik hält Dainow für überzogen. »Offenbach fördert mehrere wichtige Projekte gegen Antisemitismus und Rassismus«, betont Dainow. Bei der von der Stadt unterstützten Initiative »Kompetenzteam Zusammenleben« etwa beteiligen sich seit 2007 fast alle Moscheen-Gemeinden der Stadt und viele andere Migranten, um gemeinsam Änderungen einzuleiten und Verbesserungen der Integration in Offenbach durchzusetzen.

Zudem sei Bonifer jederzeit in der Gemeinde willkommen gewesen, um dort wegen der Drohungen Unterstützung zu erhalten, versichert Dainow: »Durch unsere guten Kontakte zu Politik, Moschee-Gemeinden und dem Schulamt hätten wir viel bewirken können.« Um mit Bonifer – der nicht Mitglied der Offenbacher Gemeinde ist – in Kontakt zu treten, hat Dainow ihn nun zu einem Besuch in der Gemeinde eingeladen.

Offenbachs Stadtpolitik wies die Kritik von Max Moses Bonifer an ihrer Integrationspolitik scharf zurück. Felix Schwenke, Sozial- und Integrationsdezernent, betonte, dass das Zusammenleben in Offenbach »entgegen polarisierenden Behauptungen« grundsätzlich sehr gut funktioniere. Der SPD-Politiker unterstrich, er wolle mit der Kritik seinerseits keineswegs von den antisemitischen Anfeindungen ablenken. Die Vorwürfe Bonifers seien jedoch »ungerechtfertigte pauschale Äußerungen« und »absolut inakzeptabel«.

rathaus Dabei kamen noch in der vergangenen Woche ganz andere Signale aus dem Rathaus. Nachdem Bonifers Rücktritt öffentlich wurde, lud Offenbachs Bürgermeister und Schuldezernent Peter Schneider (Grüne) den Schüler zu einem Gespräch ins Rathaus ein, um sich dessen Erfahrungen anzuhören. Nach dem Treffen wollte sich der Politiker über das Gespräch nicht öffentlich äußern. Bonifer hingegen teilte mit, die Unterhaltung sei »durchaus konstruktiv« verlaufen. Er habe das Gefühl, dass der Bürgermeister die Nöte von jüdischen Schülern erkannt hat.

Trotz des positiven Gesprächs mit den Politikern hat Bonifer beschlossen, seinen Rücktritt nicht zurückzunehmen. Anders als eigentlich geplant, wird er sich auch nicht als Kreisschülersprecher im Landkreis Offenbach zur Wahl stellen. Gefragt, welche Voraussetzungen sein Nachfolger als Stadtschulsprecher mitbringen müsse, antwortet Bonifer, der seit den Vorfällen eine Basecap über der Kippa trägt, nicht ohne bitteren Unterton: »Er sollte engagiert sein – und besser kein Jude.«

Tagung

Krisen der Gegenwart

Auf dem »Media TLV Summit« diskutierten Experten Fragen von Technologie und Krieg, Extremismus und Antisemitismus sowie die Rolle der Medien

von Luis Gruhler  07.10.2026

Programm

Musikalische Crossovers, Kontroverse, Krimi und Krav Maga: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 8. Oktober bis zum 14. Oktober

 07.10.2026

Solidarität

Das Leben wieder in den Griff bekommen

Angehörige der bei einem Raketenangriff in Majdal Shams getöteten Kinder besuchten die Kultusgemeinde München und Oberbayern

von Luis Gruhler  06.10.2026

Diskussion

»Wir wurden gehört«

Schüler und Studenten des Projekts »Meet a Jew« treffen CDU/CSU-Fraktionschef Thorsten Frei. Im Mittelpunkt stehen der 7. Oktober, persönliche Sorgen und Erfahrungen

von Christine Schmitt  06.10.2026

Porträt der Woche

»Ich bin einfach ich«

Persia Kantorovych hat eine jüdische Mutter und einen muslimischen Vater

von Annette Kanis  06.10.2026

Lesen

Die geblieben sind

Hanna Veiler beschreibt in »Jung, jüdisch, wütend« die Erfahrungen junger Jüdinnen und Juden mit Einsamkeit, Enttäuschung und Solidarität nach dem 7. Oktober. Ein Auszug

von Hanna Veiler  06.10.2026

7. Oktober

Rotes Rathaus zeigt Ausstellung zum Hamas-Überfall auf Israel

Der Überfall der Terrororganisation Hamas hat überall in Israel Spuren hinterlassen. Eine neue Berliner Ausstellung beleuchtet die Erfahrungen von Sportlern und Fans rund um den 7. Oktober 2023

 05.10.2026

Shelly Meyer

Kommentar

Wer tatsächlich vom »Judenfetisch« profitiert

150 Juden in Berlin haben mit einem Offenen Brief die Linkspartei unterstützt - das sind etwa 0,4 Prozent der Berliner jüdischen Stimmen. Doch sie könnten für die breite Öffentlichkeit kaum wertvoller sein

von Shelly Meyer  04.10.2026

Wuppertal

Am helllichten Tag

Nach dem Brandanschlag auf die Synagoge geht das Gemeindeleben in der nordrhein-westfälischen Stadt weiter. Aber was bedeutet diese Normalität?

von Helmut Kuhn  01.10.2026