Zeitzeuge

»Wieder wird auf andere Menschen herabgeschaut«

Leon Weintraub im Hörsaal der FU Foto: Stephan Pramme

Zeitzeuge

»Wieder wird auf andere Menschen herabgeschaut«

Der 98-jährige Schoa-Überlebende Leon Weintraub richtet an der Freien Universität mahnende Worte an die Studierenden

von Christine Schmitt  18.07.2024 10:21 Uhr

Leon Weintraub lässt seinen Blick durch das Publikum in einem Hörsaal der Freien Universität (FU) schweifen. Äußerlich sieht der 98-Jährige sehr gelassen aus, später findet er mahnende Worte und kann seine Sorgen kaum verbergen. Etwa 180 Interessierte kamen, um dem Schoa-Überlebenden zuzuhören, darunter auch Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden, und neben Studierenden auch viele ältere Menschen. Um es vorwegzunehmen: Die fast zweistündige Veranstaltung verlief störungsfrei, durch das Fenster sah man allerdings ein großes Polizeiaufgebot, denn in einem anderen Hörsaal fand ein »Dialogversuch mit Palästina-Aktivisten« und der Uni-Leitung statt.

Er sei zutiefst besorgt über die jüngsten Entwicklungen, sagte Weintraub. »Judenhass und Antisemitismus wachsen immer schneller. Auch an den Universitäten. Wieder wird auf andere Menschen herabgeschaut und gesagt: ›Wir und die.‹ Das führt geradewegs in die Vernichtung.« Unbegreiflich ist für ihn, dass »Menschen an den Universitäten und vor allem Studenten, völlig außer Acht lassen, was Hamas angerichtet hat, auf welche Art sie Menschen ums Leben gebracht hat.«

Leon Weintraub erlebte den 7. Oktober 2023 in Tel Aviv

Leon Weintraub erlebte den 7. Oktober 2023 in Tel Aviv, wo er Freunde besuchte. »Dieses lang gezogene Heulen der Sirenen hat mich in den September 1939 zurückversetzt, als Deutschland Polen überfiel.« Er wünsche sich, dass nach 2000 Jahren »Verfolgung an meinem Volk endlich Schluss ist. Sie sollen aufhören, uns anzugreifen«.

1939 war er 14 Jahre alt, als die Wehrmacht in seine Heimatstadt Łódz einmarschierte. Kurze Zeit später errichteten die Deutschen das Ghetto Litzmannstadt. Seine Mutter versuchte immer, ihren Kindern Mut zu machen. »Wir sind zusammen, uns geht es nicht so schlecht«, soll sie gesagt haben. Anderen ginge es wesentlich schlechter.

1944 wurden Leon Weintraub, seine vier Schwestern und seine Mutter nach Auschwitz deportiert. Die Mutter wurde dort vergast. Er selbst überlebte mehrere Lager wie Groß-Rosen, Flossenbürg und Sachsenhausen. Er habe viel Grausames gesehen, erzählt er. »Ich habe mich mit einem Kokon umhüllt, um nicht alles Furchtbare an mich herankommen zu lassen.«

Nach der Befreiung fand er seine drei älteren Schwestern wieder. Seine jüngste Schwester wurde ermordet.

Nach der Befreiung fand er seine drei älteren Schwestern wieder. Seine jüngste Schwester wurde ermordet. Leon Weintraub studierte in Göttingen Medizin. Das war möglich, weil in Niedersachsen damals ein Studienplatz für Überlebende freigehalten wurde. Die Aufnahmeprüfung fürs Medizinstudium bestand er. »Weil ich so viel mit dem Tod konfrontiert war, wollte ich mich für das Leben einsetzen.« Er wurde Gynäkologe und Geburtshelfer. Später ging er nach Polen, dann nach Schweden, wo er bis heute lebt.

Sein Besuch in Berlin wurde von der Claims Conference, der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD) und der jüdischen Studierendengruppe Chaverim der FU organisiert. Die Claims Conference bietet seit Kurzem ein neues Format, das Speakers Büro, mit Schoa-Überlebenden an. Mehr als 300 Überlebende hätten sich bereits gemeldet, um in Schulen und anderen Einrichtungen als Zeitzeugen zu berichten.

Als Kind habe er sich, so oft es ging, ins Kino hineingeschmuggelt

Als Kind, erzählt Weintraub, habe er sich, so oft es ging, ins Kino hineingeschmuggelt, weil seine Familie ihm nach dem Tod des Vaters keine Eintrittskarte bezahlen konnte. »Ich war schon damals ein leidenschaftlicher Kinobesucher«, sagt er. »Es war immer ein Blick in ein anderes Leben.«

Am Donnerstag stand Weintraub als einer von sechs Holocaust-Überlebenden auf dem roten Teppich im Delphi-Filmpalast, um bei der Berliner Premiere des Kinofilms Führer und Verführer dabei sein zu können. In dem Anti-Nazi-Drama kommt er ebenfalls als Zeitzeuge zu Wort. »Solche Filme sind wichtig, sie zeigen, was ich erlebt habe.« Jahr für Jahr investierten Länder viel Geld in Soldaten und Waffen – dabei könne man damit so viel Gutes schaffen. »In Frieden miteinander zu leben, kostet nichts.«

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