Vortrag

Wie jüdisch war die Wiener Moderne?

Philipp Blom (l.) und Michael Brenner Foto: Thomas Hauzenberger

Vortrag

Wie jüdisch war die Wiener Moderne?

Der Historiker und Publizist Philipp Blom hielt die diesjährige Yerushalmi Lecture

von Ellen Presser  12.12.2019 12:47 Uhr

Für den Historiker Michael Brenner hat die alljährliche »Yerushalmi Lecture« nicht nur fachliche, sondern auch persönliche Relevanz, ist sie doch seinem Doktorvater, dem bedeutenden amerikanischen Gelehrten Yosef Hayim Yerushalmi (1932–2009), gewidmet. Für die Reihe, die von Anfang an von der Israelitischen Kultusgemeinde unterstützt wurde, konnte dieses Mal ein Referent aus Wien gewonnen werden, der eigentlich aus Hamburg stammt.

Für Brenner gibt es zwischen Namenspatron und Redner eine besondere Brücke, wie er im gut besuchten Uni-Hörsaal zur Einführung verriet. Yerushalmi hatte 1991 eine bemerkenswerte Studie mit dem Titel Freuds Moses. Endliches und unendliches Judentum veröffentlicht. Und der Historiker, Publizist und Übersetzer Philipp Blom hatte einen Vortrag mit dem vielversprechenden Titel »Freuds Lederhosen. Wien um 1900 und die Tücken der Identität« mitgebracht.

arbeitsfelder Pointierte Formulierungen, anschauliche Sprachbilder für komplexe Sachverhalte, geschmeidiger Wechsel zwischen Medien, vom Sachbuch über Film und Ausstellung bis zu Festansprachen wie 2018 zur Eröffnung der Salzburger Festspiele, zeigen die vielfältigen Arbeitsfelder des Referenten.

Eine Phase, die Blom sehr intensiv erforschte, ist die Zeitspanne von 1900 bis 1914 in Europa. Ihr widmete er sein preisgekröntes Buch Der taumelnde Kontinent. Ende des 19. Jahrhunderts, als in ganz Europa Industrialisierung und Technologie auf dem Vormarsch waren, erweist sich Wien aus Bloms Sicht als Sonderfall. Er skizziert das Wachstum der Stadt von einer halben Million Einwohner 1870 auf mehr als zwei Millionen 1918, erläutert, welchen Vorteil volle Bürgerrechte ab 1867 in einem Vielvölkerstaat hatten. Wien habe Talente von außen absorbiert, Wien bedeutete auch für Juden eine enorme Chance.

Eine Phase, die Blom sehr intensiv erforschte, ist die Zeitspanne von 1900 bis 1914 in Europa.

In seinem Vortrag konzentrierte Blom sich auf die Frage: »Wie jüdisch war die Wiener Moderne?« Antworten suchte er anhand von drei exemplarischen Identitäten, Sigmund Freud, Gustav Mahler und Arthur Schnitzler, und bettete diese ein in seine Erkenntnisse über das Leben in Wien und dessen Wechselwirkung mit der jüdischen Bevölkerung.

vergleiche Statistische Vergleiche führen zu bemerkenswerten Erkenntnissen. Obwohl oft aus denselben Dörfern der habsburgischen Provinz stammend, blieben die einfachen Christen einfache Arbeiter. Die jüdischen Zuwanderer erhofften sich für die nächste Generation Besseres. Gustav Mahlers Großmutter war Hausiererin, sein Vater war Kutscher und Schankwirt, Freuds Vater war Tuchhändler, Schnitzlers Großvater war Tischler, sein Vater bereits erfolgreicher HNO-Arzt.

Der prozentuale Anteil von Juden an Gymnasiasten, Ärzten, Journalisten und Juristen war schnell höher als der anderer Bevölkerungsgruppen. Nicht als Maler, Bildhauer, Architekten und Produktdesigner seien Juden in Erscheinung getreten, von Einzelfällen wie Richard Gerstl und Koloman Moser abgesehen.

Dafür waren sie sehr präsent als Mäzene, gaben – wenn es ihr beruflicher Erfolg ermöglichte – prächtige Stadthäuser unter anderem bei Adolf Loos oder Bilder bei Gustav Klimt in Auftrag, statteten ihre Häuser bei den Wiener Werkstätten aus. Sie gründeten jüdische Sportklubs, Verbände für jüdische Tierfreunde oder Fleischhauer (sprich: Metzger). Auch existierten allein 22 jüdische Burschenschaften.

Während im jüdischen Viertel in der Leopoldstadt die Zeit stehen zu bleiben schien, suchten aufsteigende Familien »eine neue Ästhetik für eine neue Zeit«, wie Blom resümierte. Über die jüdische Herkunft sprach man nicht mehr. Freud habe früh erkannt, dass in Wien die Fassade alles war. Die meisten Häuser seien aus schlichtem Backstein gebaut, doch der bleibe unsichtbar hinter den prächtigen Fassaden.

Kulinarik

Koscher kochen auf höchstem Niveau

Tom Franz kreierte ein Drei-Gänge-Menü zum 20-jährigen Jubiläum der Ohel-Jakob-Synagoge

von Vivian Rosen  19.10.2026

Synagoge im sächsischen Görlitz

Görlitz

Erinnerung an das Novemberpogrom im Nationalsozialismus

Nazis und ihre Helfer zerstörten und plünderten in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 jüdische Einrichtungen, Geschäfte und Wohnungen. Juden wurden verfolgt, misshandelt und getötet

 19.10.2026

Lörrach

Tora als Zeichen der Hoffnung

Die Kultusgemeinde lässt eine historische gerettete Rolle restaurieren. Demnächst wird sie im Landtag vollendet

von Christine Schmitt  19.10.2026

Nachruf

Hermann »Mano« Höllenreiner ist tot

Mit neun Jahren wird er nach Auschwitz deportiert. Später wird er unermüdlicher Mahner gegen das Vergessen

 19.10.2026

Holocaust-Mahnmal

Gedenken an deportierte Jüdinnen und Juden am Gleis 17

Etwa 10.000 jüdische Menschen deportierten die Nazis vom Bahnhof Grunewald in Berlin aus in die Vernichtungslager. Beim Gedenken an die Opfer nehmen die Redner auch die Gegenwart in den Blick

 18.10.2026

Rezension

Wie wurden wir, was wir wurden?

Der Judaist Peter Schäfer erzählt in seinem Buch die Geschichte des aschkenasischen Judentums – faktengesättigt, klar gegliedert und mit einer provokanten These zu Mutterland und Diaspora

von Michael Wolffsohn  18.10.2026

München

Das Grauen sehen

Bei der Premiere eines Films über die Familie Bibas und das Hamas-Massaker vom 7. Oktober sprechen die Regisseurin und ein Psychologe über das Verbrechen und die Wirkung der Aufnahmen

von Michael Schleicher  18.10.2026

Lesung

»Die ganze jüdische Welt war in Trauer«

Zum Gedenken an den 7. Oktober stellte Dafna Gerstner ihr Buch vor

von Luis Gruhler  18.10.2026

Porträt der Woche

»Ich mag die Gemeinschaft«

Sonja Fira Grinman geht häufig zu jüdischen Events - bundesweit und im Ausland

von Annette Kanis  18.10.2026