TV-Doku

Wie es uns geht?

Alice steht vor einer Bar in München, sie hat ein Auge darauf, wer hineinkommt, das ist ihr Nebenjob. Eigentlich studiert sie im ersten Semester Psychologie, aber viele Nächte verbringt sie damit, dafür zu sorgen, dass es draußen vor der Bar ruhig ist.

Anton ist Schauspieler aus Essen, seinem kleinen Kind zeigt er gerade, wie er Bälle jongliert. Wenn Anton bei seiner Familie ist, hat er ein warmes Herz, wenn er draußen ist, fühlt sich sein Herz, so beschreibt er es, wie ein Stein an. Nogah ist Abiturientin, ihre beste Freundin ist Palästinenserin. Viele Monate nach dem 7. Oktober 2023 haben beide nicht über diesen Tag gesprochen. Erst kürzlich fanden die jungen Frauen die Kraft, sich darüber zu unterhalten. Sie hatten Angst um ihre Freundschaft.

Alice, Anton und Nogah sind drei von vielen anderen jungen Jüdinnen und Juden, die in der ZDF-Doku-Reihe 37 Grad »Schock Schalom – jung, jüdisch, jetzt« zu Wort kommen, über sich erzählen, über ihr Umfeld und über den Tag, der fast alles verändert hat, den 7. Oktober 2023.

Eine der wichtigsten Dokus, die derzeit zu sehen sind

Vielleicht ist »Schock Schalom« eine der wichtigsten Dokus, die derzeit zu sehen sind. Sie zeigt direkt, aber mit viel Feingefühl, wie es Jüdinnen und Juden geht, indem sie sie einfach selbst zu Wort kommen lässt. Dafür ist Regisseur Jan Tenhaven, sogar vom Format der 37-Grad-Reihe abgewichen, wie er der Jüdischen Allgemeinen sagte: »Eigentlich hat 37 Grad eine strenge Formatierung: nur ein oder zwei Protagonisten, ein Kommentar. Ich aber wollte die Vielschichtigkeit der jüdischen Community zeigen, auch die Widersprüchlichkeit.«

Antons Herz fühlt sich im Alltag an wie ein Stein.

Egal, ob orthodoxe Jüdinnen und Juden, liberal, kulturell oder irgendetwas aus allem: Alle eint der Tag im Oktober. Samuel, der angehende Rabbiner aus Berlin, sagt: »Es war ein Wendepunkt für die ganze Menschheit.« Seitdem musste jeder seinen eigenen Weg finden, damit umzugehen.

Paula, Schülerin in Berlin, legte ihren Davidstern ab. Meira, Kindergärtnerin, sieht das komplett anders. »Wir sind so wenige, wir müssen zusammenstehen«, sagt die junge Mutter aus Stuttgart. Aviva, Wirtschaftsstudentin aus München, engagiert sich in jüdischen Organisationen, Nika beobachtet kritisch die Entwicklungen in den sozialen Medien.

Und Adam von den Berliner Comedians »Two Jews Comedy«, die sich vielen Tabus mit Charme und Witz nähern, stellt sich ganz existenzielle Fragen, wie die: Kann mich mein Sohn, wenn wir unterwegs sind, Aba nennen, wenn er mir etwas zeigen will, oder reagieren die Menschen dann bestenfalls seltsam, schlimmstenfalls nicht auszudenken? Wie weit soll ich meine Identität verbergen?

Der Comedian Adam fragt sich: »Wie viel von meiner Identität kann ich verbergen?«

Jan Tenhaven hatte 2020 bereits mit einigen Mitwirkenden von »Schock Schalom« eine Dokumentation gedreht. Sie hieß »Hey, ich bin Jude!«. Alice war damals mit dabei, auch die jetzige Schülerin Paula und die Auszubildende Emily. Auch Anton. Heute, nach dem 7. Oktober 2023, ist er verbittert. Er ist enttäuscht von der muslimischen Community und betont, dass gerade er das sage, sei »eine reine Katastrophe«.

Die Frage »Wohin gehen?« beschäftigt viele junge Juden

Lange Zeit hatte er mit dem YouTube-Channel »Youde« zwischen jüdischen, muslimischen, arabischen jungen Menschen vermitteln wollen – mit Humor. Nach dem Angriff der Terrororganisation Hamas auf Israel aber war, wie Anton beschreibt, der Humor raus. Die Frage »Wohin gehen?« beschäftigt seine Familie und ihn, auch viele andere junge Juden.

Aber so einfach wegzugehen, das kommt für Alice nicht infrage: »Ich glaube nicht, dass wir einfach sagen, wir verlassen das Land und gehen woanders hin. Wir möchten unsere Zukunft mitgestalten, weil wir Teil der Zukunft und Teil der Gesellschaft sind.« (mit Mascha Malburg)

Die Doku »Schock Schalom – jung, jüdisch, jetzt« von Jan Tenhaven ist in der ZDF-Mediathek verfügbar.

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