Geschichte

Wettlauf gegen die Zeit

Die Gründer der Kommission, München 1946 Foto: Ghetto Fighters‘ Haouse, Lohamei HaGeta’ot, Israel

Nach der Befreiung des letzten Konzen­trationslagers Dachau mit seinen vielen Außenstellen, nach dem Ende der Todesmärsche und dem verzweifelten Bemühen, den »Rest der Geretteten«, die »Scherit Hapleita«, physisch am Leben zu erhalten, entwickelte sich binnen kürzester Zeit und gleichzeitig als Transit gedacht vielfältiges jüdisches Leben in Bayern.

Abertausende jüdische Überlebende passierten München, von denen jeder »ein lebendiger Schatz« war, Erinnerungen an die Schoa in sich trug, die es zu bewahren galt.

zeitschrift Der Historiker Markus Roth, Mitarbeiter am Fritz Bauer Institut in Frankfurt, präsentierte im Einstein-Bildungszentrum der Münchner Volkshochschule das von ihm mit herausgegebene Buch Von der letzten Zerstörung. Es ist der deutschsprachige Titel einer zwischen 1946 und 1948 in München erscheinenden Zeitschrift mit dem Titel »Fun letstn churbn«.

Roth, vormals tätig an der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität Gießen, erforschte die Tätigkeit der »Jüdischen Historischen Kommission« und ihrer beiden treibenden Kräfte Israel Kaplan und Moshe Yosef Faygenboym. Wie der Referent anschaulich vermittelte, sahen sich die beiden »in einem Wettlauf gegen die Zeit«.

Es ging darum, so viel authentisches Material wie möglich zu sammeln, vor allem Zeugenaussagen der Überlebenden.

Es ging darum, so viel authentisches Material wie möglich zu sammeln, vor allem Zeugenaussagen der Überlebenden; denn die meisten verstanden ihren Aufenthalt als vorübergehend. Mit ihrer Auswanderung würde ihr Wissen um die Gräuel der NS-Zeit über die Welt zerstreut und kaum wieder auffindbar.

sammeln Kaplan, Jahrgang 1902, ein Historiker aus Riga, war nach der Befreiung auf dem Todesmarsch und seiner Genesung im Hospital St. Ottilien nach München gegangen. Moshe Faygenboym, Jahrgang 1908, gelernter Buchhalter, der von einem Deportationszug geflohen war, was er sorgfältig aufzeichnete, verschrieb sich fortan dem Sammeln.

Für beide sollte alles, was sie zusammentrugen, »ein symbolischer Grabstein« für die Ermordeten sein. Sie misstrauten den Täterakten, wollten das Geschehene aus jüdischer Sicht dokumentieren.

In der ersten Ausgabe der Zeitschrift »Fun letstn churbn« zeichnete die »Zentrale historische Kommission, München« einen programmatischen Artikel, mit dem sie sich an »alle Überlebenden«, an »unsere Intellektuellen«, an »unsere Brüder und Schwestern, die sich weit weg von den Orten befunden haben, an denen die schreckliche Katastrophe stattgefunden hat«, wandten.

jiddisch Ihre Sprache war Jiddisch, Vorteil und Nachteil zugleich. Gut war es, den Appell zu berichten, in der Sprache zu verkünden, die den meisten vertraut war. Hindernis war, dass die rund 2000 Zeugnisse Ende der 40er-Jahre nach Israel geschafft wurden und jahrzehntelang im Archiv von Yad Vashem schlummerten.

So war in Vergessenheit geraten, dass zwischen 1946 und 1948 zehn Ausgaben erschienen – in hebräischen Lettern, hergestellt in der Druckerei, wo zuvor der »Völkische Beobachter« gedruckt worden war.

Frank Beer, Markus Roth (Hrsg.): »Von der letzten Zerstörung. Die Zeitschrift ›Fun letstn churbn‹ der Jüdischen Historischen Kommission in München 1946–1948«. Aus dem Jiddischen von Susan Hiep, Sophie Lichtenstein und Daniel Wartenberg. Metropol, Berlin 2020, 1032 S., mit Abb. und Register, 49 €

Hamburg

Mit Herz und Haltung

Alexandra Lachmann ist Musikerin und coacht Jugendliche für die Jewrovision

von Lorenz Hartwig  14.05.2026

Berlin

»Dieter Nuhr positioniert sich klar an der Seite jüdischen Lebens«

Der Kabarettist erhält den Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden. Die Laudatio hält Ahmad Mansour

 13.05.2026

Kommentar

Warum Dieter Nuhr den Leo-Baeck-Preis gerade jetzt verdient hat

Dass der Zentralrat der Juden den Kabarettisten ehrt, sendet ein wichtiges Signal weit über die jüdische Gemeinschaft hinaus

von Ahmad Mansour  13.05.2026

Wettbewerb

»Die Jewrovision ist das Ereignis des Jahres«

Hanna Veiler über ihre erste Jewrovision, ihre neue Rolle als Moderatorin und die Zukunft für Juden in Deutschland

von Mascha Malburg  13.05.2026

Berlin

Auschwitz Komitee würdigt Albrecht Weinberg

Die Organisation hebt den Mut, die Menschenliebe und den Humor des am Dienstag verstorbenen Holocaust-Überlebenden hervor

 13.05.2026

Show

Auf die Bühne, fertig, Herzklopfen

Was verbinden Jugendliche mit der Jewrovison? Und wie schreibt man eigentlich einen guten Songtext? Vor der großen Show am Freitag in Stuttgart haben wir uns bei den 13 Teams aus ganz Deutschland umgehört

von Christine Schmitt  14.05.2026 Aktualisiert

Leer

Holocaust-Überlebender Weinberg mit 101 Jahren gestorben

Albrecht Weinberg hat drei Konzentrationslager und Todesmärsche überlebt. Für Aufsehen sorgte er mit der Rückgabe des Bundesverdienstkreuzes. Nun ist er in Leer gestorben

 12.05.2026

Nachruf

Kämpfer für die Wahrhaftigkeit

Der Schoa-Überlebende Albrecht Weinberg ist im Alter von 101 Jahren gestorben. Sein Freund, Luigi Toscano, verabschiedet sich

von Luigi Toscano  12.05.2026

Baden-Württemberg

»Voices of Hope« - Stuttgart ist Bühne für Jewrovision

Die Veranstalter sprechen vom größten jüdischen Gesangs- und Tanzwettbewerb Europas: Am Freitag startet die Jewrovision in Stuttgart. Vorbild ist der ESC, der parallel in Wien stattfindet - jedoch mit anderen Tönen

von Leticia Witte  12.05.2026