Pessach

Werden die Mazzen knapp?

Nächste Woche an Pessach werden sich wieder viele Kinder auf die Suche nach einem gut versteckten Stück Mazze, dem Afikoman, machen. Ganz sicher spekulieren sie darüber, was für ein Geschenk der glückliche Finder bekommen wird. Die wenigsten werden sich jedoch darüber Gedanken machen, auf welchen verschlungenen Transportwegen das ungesäuerte Brot auf ihren Festtagstisch gekommen ist – und darüber, dass aktuelle Turbulenzen auf dem Weltmarkt sich auch negativ auf das Pessachfest auswirken könnten.

»Mit dieser neuen Krise haben wir nicht gerechnet«, sagt Tia Saron von »Danel Feinkost« mit Blick auf den russischen Angriff auf die Ukraine Ende Februar. Auch für ihr Unternehmen, einen der wichtigsten deutschen Importeure koscherer Lebensmittel, habe der Krieg mitten in Europa Konsequenzen. »Der Landtransport ist extrem teuer geworden durch die höheren Spritpreise und die gesunkene Kapazität der Speditionsfirmen«, erzählt Saron. Dadurch stiegen die Importkosten für alle Produkte – auch für das Lebensmittel, das wie kein anderes für Pessach steht: die Mazzen.

ISRAEL Ein unmittelbarer Lieferengpass zu Pessach droht in Deutschland durch den Krieg in der Ukraine bisher jedoch nicht. Zwar ist in der Ukraine eine kleine, aber nicht unbedeutende Mazzen-Produktion angesiedelt. Die bedient neben dem heimischen aber in erster Linie den Markt in den Vereinigten Staaten und ist auf den Export von besonders aufwendig hergestellten Mazzen spezialisiert. In Deutschland kommt das ungesäuerte Brot dagegen fast ausschließlich aus Israel.

»Mit dieser neuen Krise haben wir nicht gerechnet.«

Tia Saron, Danel Feinkost

Dort gibt Michael Weinberg, stellvertretender Geschäftsführer der Deutsch-Israelischen Industrie- und Handelskammer in Tel Aviv, vorerst Entwarnung. Beim Export koscherer Lebensmittel von Israel nach Deutschland seien ihm durch den Ukraine-Krieg »keine zusätzlichen Probleme« bekannt. In Israel selbst herrsche kein Mangel an Mazzen, und auch eine Beeinträchtigung der Produktion durch befürchtete Lieferengpässe beim Getreide infolge des Ukraine-Krieges sehe er bisher nicht.

Auf die Versorgung zu Pessach wirkt sich dabei positiv aus, dass die Mazzen-Herstellung in der Regel schon am Ende des Vorjahres anläuft und das Flachbrot, das nur mit Wasser und Mehl hergestellt wird, sehr lange haltbar ist. Der Krieg in der Ukraine hat in diesem Jahr daher wohl nur einen geringen Einfluss auf die Produktionskapazitäten. Doch die internationalen Handelswege – und damit der globale Koscher-Markt – standen auch schon vor Putins Einmarsch in die Ukraine unter Druck.

TRANSPORT Die vergangenen beiden Jahre unter Corona haben den weltweiten Warenverkehr erheblich beeinträchtigt. In einer aktuellen Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) beklagt die Hälfte der befragten deutschen Unternehmen Lieferengpässe aufgrund von Problemen beim Transport. Das betrifft auch Danel Feinkost. »Seit drei Wochen warten wir auf zwei Container Wein aus den USA«, erzählt Tia Saron. Das alkoholische Getränk der berühmten koscheren Marke Manischewitz sitze irgendwo in Zentralamerika fest. Zu Pessach hoffe man dennoch, den Bedarf an Kiddusch-Wein decken zu können, sagt Saron. Aber: »Die Situation ist unabsehbar.«

Der Einzelhandel spürt diese Unsicherheit ebenfalls. »Alles kommt etwas verspätet an«, erzählt Olga Sloniuk, die den Laden »Kosher4All« in Berlin betreibt und dort koschere Produkte aus der ganzen Welt anbietet. Sie sieht die Ursachen dafür ebenfalls in den Transportschwierigkeiten durch den Krieg und die Pandemie. »Noch können wir aber alle Kundenwünsche erfüllen«, beschwichtigt sie. Die Preise für die Endverbraucher musste sie aber erhöhen. So würden etwa die Mazzen dieses Pessach ungefähr zehn Prozent mehr als im Vorjahr kosten. Noch größer sei der Aufschlag für koscheres Fleisch.

»Ob der Vorrat reichen wird, wissen wir nicht.«

Andreas Däbritz, Old Abraham

Auch Andreas Däbritz vom Online-Versandhändler »Old Abraham«, der sich auf Produkte aus Israel spezialisiert hat, sagt in Bezug auf den Markt für koschere Lebensmittel: »Die Lage ist deutlich angespannter als noch vor ein paar Jahren.« Für ihn werde die Beschaffung zunehmend schwieriger, während der Bedarf dieses Jahr zu Pessach wieder gestiegen sei. Auch kleinere Gemeinden würden das Fest nach zwei Jahren Pandemie wieder öfter begehen und vermehrt bei ihm Lebensmittel bestellen. »Ob der Vorrat reichen wird, wissen wir noch nicht«, sagt Däbritz.

GEFLÜCHTETE Die Nachfrage nach koscheren Produkten steigt hierzulande auch durch den Krieg in der Ukraine. Unter den Geflüchteten aus dem kriegsversehrten Land sind viele Jüdinnen und Juden, die Pessach dieses Jahr in Deutschland verbringen und entsprechend mit koscheren Lebensmitteln versorgt werden müssen. Tia Saron von Danel Feinkost berichtet, dass manche Gemeinden aufgrund des Zuwachses an Menschen, die vor dem Krieg geflohen sind, mehrmals bei ihr nachbestellen mussten. Für sie und die anderen Mitarbeiter des Unternehmens ist diese Zeit des Jahres ohnehin schon besonders arbeitsintensiv. Durch Corona und den Ukraine-Krieg sei die Belastung aber noch einmal stark gestiegen.

»Während wir mit einer wachsenden Versorgungs-Unsicherheit zu kämpfen haben, müssen wir die Deadlines gegenüber unseren Kunden natürlich weiterhin einhalten«, erklärt Saron. Beim Pessach-Geschäft gebe man die durch den Ukraine-Krieg gestiegenen Energie- und Transportkosten noch nicht an die Kunden weiter. Aber wie genau sich der Konflikt und damit verbundene Engpässe bei Getreide und Speiseöl zukünftig auf den Markt für koschere Lebensmittel in Deutschland auswirken werden, könne man noch nicht absehen. Mit starken Preissteigerungen müsse man durchaus rechnen.

Zurzeit seien die Verwerfungen auf dem Weltmarkt aber zu bewältigen. »In solchen Situationen helfen sich die Händler gegenseitig aus«, erzählt Saron. Dass es zu Pessach in Deutschland bedeutende Engpässe bei der Versorgung mit koscheren Lebensmitteln geben könnte, glaubt sie daher nicht.

Erinnerung

Verantwortung lebt weiter

In Dachau fand kurz vor dem Internationalen Holocaust-Gedenktag erstmals ein »March of the Living« statt

von Esther Martel  09.02.2026

Lerntool

Timothée Chalamet, Batmizwa und eine Davidstern-Kette

»Sich be-kennen«: Der Zentralrat der Juden bietet einen interaktiven Onlinekurs über die Vielfalt des Judentums für Schulen und interessierte Gruppen an

von Helmut Kuhn  09.02.2026

Berlin-Neukölln

Kritik am Kandidaten

Ahmed Abed sorgte jüngst für einen Eklat, als er einen israelischen Gast als »Völkermörder« beschimpfte. Doch bei der Linkspartei steht der Politiker mit palästinensischen Wurzeln hoch im Kurs

von Imanuel Marcus  09.02.2026

Restitution

Uni Frankfurt übergibt erstmals NS-Raubgut an Jüdische Gemeinde

Seit gut fünf Jahren durchforstet die Universitätsbibliothek in Frankfurt ihre Bestände systematisch nach Raubgut aus der NS-Zeit. Das Projekt trägt nun Früchte - und ist noch lange nicht abgeschlossen

 09.02.2026

Berlin

Lesen, Lernen, Spaß

Der Saftblatt-Baum stand im Mittelpunkt der Erzählstunde des Projekts PJ Library

von Naomi Gronenberg  08.02.2026

Wettbewerb

»Kein Reichtum ist größer«

Aus 13 Ländern kamen Jugendliche zum europäischen Finale des Bibelquiz Chidon Hatanach in München

von Esther Martel  08.02.2026

Porträt der Woche

Der Geheimnisträger

Leonid Komissarenko war Rüstungstechniker – und emigrierte, um seine Frau zu retten

von Anja Bochtler  08.02.2026

Engagement

Grenzenlose Solidarität

Spenden und Gespräche: Die jüdische Community ist schockiert über die dramatische Lage in der Ukraine und hilft – jeder so, wie er kann

von Christine Schmitt  05.02.2026

Gesellschaft

Einfach machen!

Seit dem Jahr 2000 zeichnet die amerikanische Obermayer Foundation ehrenamtlich engagierte Bürgerinnen und Bürger aus. So wie am vergangenen Sonntag im Jüdischen Museum in Berlin

von Katrin Richter  05.02.2026