Bad Sobernheim

Wenn Lehrer lernen

Zum ersten Mal haben der Zentralrat und die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) eine dreitägige Fortbildung für Religions- und Hebräischlehrer angeboten. Von Sonntag bis Dienstag nahmen fast 50 Pädagogen aus ganz Deutschland an der Veranstaltung teil. Bei den Lehrern und Lehrerinnen stieß die Initiative auf ein ausgesprochen positives Echo.

Susanne Benizri aus Mannheim, Erziehungsreferentin des Oberrats der Israeliten Badens, brachte es auf den Punkt: »So viele von uns sind Einzelkämpfer. Da tut es gut, sich mal auszutauschen.« Der angesetzte Zeitrahmen in den Arbeitsgruppen und Fachvorträgen wurde mehrfach überschritten.

Schulbuch Gleichzeitig wurde an Ideen für ein Unterrichtsbuch Jüdische Religion für Grundschulkinder gearbeitet. »Die rechtlichen Grundlagen des jüdischen Religionsunterrichts«, »Workshop Hebräisch als Zweitsprache im 21. Jahrhundert« oder »Einführung in das Chevruta-Lernen als Methode für den Schulunterricht« – so lauteten die Titel einiger Vorträge und Arbeitsgruppen. Den Eröffnungsvortrag hielt Alfred Bodenheimer, Professor für Jüdische Literatur- und Religionsgeschichte und Leiter des Zentrums für Jüdische Studien der Universität Basel.

Zu den Referenten gehörten auch Marcus Schroll, Leiter des religiösen Erziehungswesens der IKG München und Oberbayern, der Frankfurter Rabbiner Julian-Chaim Soussan, Daniel Krochmalnik, Professor an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, und Shila Erlbaum, Kultus- und Bildungsreferentin des Zentralrats.

Elterngespräche Die Kombination von Vorträgen und konkreten Hilfsangeboten für den Alltag machte für viele den Reiz der Fortbildung aus. Stefan Zech, Mediator und Trainer für konstruktive Konfliktbearbeitung, referierte etwa zum Thema Lehrer/Elterngespräche. »Elterngespräche werden von Lehrkräften oft als belastend empfunden«, weiß Zech. Erst recht, wenn manche Eltern »um 21.32 Uhr beim Lehrer zu Hause anrufen und sofort Auskunft haben wollen«.

»Die private Telefonnummer sollte man nicht rausgeben. Höchstens eine E-Mail-Adresse«, warnte Aaron Ishakov aus Berlin seine Kollegen. Alexa Brum, ehemalige Schulleiterin der I.E. Lichtigfeld-Schule in Frankfurt/Main, riet dazu, Eltern erst einmal ausführlich zu Wort kommen zu lassen. Als Lehrer müsse man es verstehen, »in jeder Situation empathisch zu bleiben«. Anita Hug aus Lörrach geht so vor: »Man sollte das Gespräch mit etwas Positivem beginnen, damit sich Eltern nicht gleich angegriffen fühlen.«

Referent Zech sagte, es sei gar nicht so selten, dass Eltern mit eigener schlechter Schulerfahrung eine »Anti-Haltung« oder gar »Revanche-Gelüste« mitbrächten. Der von Zech zitierte Elternsatz »Mein Kind macht doch sowas nicht!« stieß auf allgemeine Heiterkeit im Publikum.

Wie schnell die Leidenschaft des Diskutierens unter Gleichgesinnten einen Vortrag durcheinanderwirbeln kann, erfuhr Susanne Benizri während ihres Referats »Der jüdische Schüler als ›Religionslehrer‹ in seiner nichtjüdischen Umgebung – Strategien und Erfahrungen«. Benizri berichtete aus ihrer Erfahrung als Religionslehrerin, dass höchstens zwei von 100 Schülern in Deutschland den Schabbat wirklich beachten: »Denn wenn sie religiöser sind, leben sie ohnehin nicht mehr in Deutschland«, sagte sie.

Auseinandersetzung
Darüber zeigten sich nicht alle Religionslehrer begeistert. Elija Schwarz aus Hannover wusste zu berichten: »Für viele Schüler ist es ein Stimulanz, mit Nichtjuden über religiöse Details zu sprechen. Allerdings rate ich meinen Schülern davon ab, öffentlich über die Schoa zu reden.« Daraufhin entbrannte eine Diskussion über die Identitätssuche moderner jüdischer Jugendlicher zwischen Religion, dem Staat Israel und der heimischen Spielekonsole. »Es war ein wirkliches Fachgespräch«, sagte Susanne Benizri augenzwinkernd – nach anderthalb Stunden mit ungeplantem Verlauf.

Mit vier Pädagogen vertreten war die Frankfurter I.E. Lichtigfeld-Schule. Schulleiterin Noga Hartmann befand: »Auch wenn man seit 20 Jahren schon Lehrerin ist, nimmt man aus jedem Beitrag mindestens eine neue Sache mit.« Sie hatte sich dafür eingesetzt, dass es bei der Tagung auch Hebräischkurse gab, von denen auch gleich sechs mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten angeboten werden konnten. Nun besitzt Noga Hartmann eine Hebräisch-App, von der sie zuvor noch nie gehört hatte.

resümee Zufrieden mit der Veranstaltung zeigten sich auch die Organisatoren. Zentralratsgeschäftsführer Daniel Botmann sagte: »Ich freue mich, dass wir dieses wichtige Seminar gemeinsam mit der ZWST veranstalten und fast alle Religionslehrer teilnehmen. Der Bedarf ist also da. Es wird eine Fortsetzung geben!« Die Fortbildung für Religionslehrer sei als Seminarreihe geplant, so Botmann.

Der Zentralrat der Juden verstehe sich als Dienstleister für die jüdischen Religionslehrer und wolle »zu einer Professionalisierung und zu einheitlichen Bildungsstandards beitragen«. Das derzeitige Schulbuchprojekt beinhalte die Übersetzung eines Hebräisch-Leselernbuchs, das nächste sei schon in der Pipeline.

Aron Schuster, stellvertretender Direktor der ZWST, resümierte: »Nach der überwältigenden Resonanz haben wir die Absicht, eine Lehrerfortbildung in dieser Form in den nächsten Jahren fortzusetzen. Zuvor wollen wir die erste Fortbildung auswerten, um diese inhaltlich noch stärker an die Bedürfnisse der Lehrer anzupassen.«

Identitätsfindung Jüdische Schulen und der jüdische Religionsunterricht spielten eine zentrale Rolle bei der jüdischen Identitätsfindung von Kindern und Jugendlichen, betonte Schuster. Angesichts der Mitgliedsstruktur der jüdischen Gemeinden komme den Lehrern »eine umso bedeutendere Rolle zu, junge Menschen an jüdische Gemeinden heranzuführen und sie für das Judentum zu begeistern«.

Die Kultus- und Bildungsreferentin des Zentralrats zog ebenfalls eine eindeutige Bilanz: »Wir hatten nur positive, lobende Rückmeldungen. Alle wünschen sich, dass solch ein Seminar bald wieder stattfindet«, sagte Shila Erlbaum nach Ende der Lehrerfortbildung in Bad Sobernheim.

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