Berlin

Wenn der Rabbi auf dem Ku’damm tanzt

Feiern mit Botschaft Foto: Marco Limberg

Schon von Weitem ist der große rote Laster, der direkt am Olivaer Platz in Charlottenburg steht, zu sehen: Regelmäßig spuckt er weiße Nebelschwaden in die Luft, während israelische Hits laut aus den Boxen auf der Ladefläche wummern. Unter der Frontscheibe stecken Israelfahnen im Kühlergrill, an der Seite ist ein großes Transparent angebracht: »Die Welt braucht dich, tue Gutes!«

Feiern, aber mit Botschaft – der Grundgedanke der »Jewish Parade«, veranstaltet von Chabad Lubawitsch anlässlich von Lag BaOmer –, manifestiert sich anschaulich in dem auffälligen roten LKW. Botschaften prägen auch die bunte Menge, die sich vor dem Fahrzeug sammelt: Junge Frauen halten Plakate in die Höhe, auf denen etwa steht: »Lernt Tora. Das ist das Wahre«, »Koscher. Gesundheit für Körper und Seele« oder »Tefillin. Seien Sie verbunden«.

Doch nicht nur die Schilder ergeben ein farbenfrohes Bild. Zu der Parade sind Beter verschiedener Berliner Synagogen gekommen, aber auch viele Nichtjuden. Zudem sind Vertreter von Keren Hayesod, TuS Makkabi, dem jüdischen Frauenverein, der Jeschiwa-Gedola-Rabbinerausbildung, der Jüdischen Traditionsschule und dem Jüdischen Kindergarten da. Ein Anblick, bei dem Rabbiner Yehuda Teichtal über das ganze Gesicht strahlen muss: »Diese vielen verschiedenen Menschen hier am Ku’damm zu sehen, das ist etwas ganz Besonderes.«

grusswort Tatsächlich hat gerade der Olivaer Platz eine spezielle Bedeutung, auf die der Charlottenburger Bundestagsabgeordnete Klaus-Dieter Gröhler (CDU) in seinem Grußwort verweist: »In den 30er-Jahren war das der erste Platz in Berlin, wo ›Judenbänke‹ eingerichtet wurden.« Auf andere Bänke durften sich Juden nicht mehr setzen. Umso mehr lobt Gröhler die Atmosphäre der »Jewish Parade«: »Ich erlebe hier eine ganz besondere Kraft und Freude.«

Bezirksstadträtin Dagmar König (CDU) ergänzt, vor 1933 hätten Charlottenburg und Wilmersdorf den höchsten jüdischen Bevölkerungsanteil in Berlin gehabt. »Ich finde es wunderbar, dass es nun wieder so ein facettenreiches jüdisches Leben im Bezirk gibt«, so König. Gerade die Vielfalt mache das selbstverständliche Miteinander deutlich.

Vom Olivaer Platz setzt sich der Zug schließlich über den Ku’damm in Bewegung: an seiner Spitze der LKW, vor dem Rabbiner Shmuel Segal ausgelassen tanzt, dann die auf einige Hundert Menschen angewachsene Menge, die sich vom grauen Himmel nicht beirren lässt, und am Ende ein kleinerer LKW, von dem elektronische Musik in pulsierenden Wellen dröhnt.

hüpfburg Am Adenauerplatz biegt die Parade ab, um nach einer knappen Stunde schließlich das Jüdische Bildungszentrum in der Münsterschen Straße zu erreichen. Hier bekommen vor allem die jüngsten Teilnehmer etwas geboten: eine Hüpfburg, Bullenreiten, ein Karussell und ein gepolsterter Gladiatorenring sorgen für Bespaßung, dazu kommt ein Pool mit riesigen Plastikblasen, in die besonders Mutige hineinklettern können. Eiscreme, Kuchen und andere koschere Spezialitäten sorgen dafür, dass auch kulinarisch bei der sich anschließenden stundenlangen Feier niemand leer ausgeht.

Für Rabbiner Teichtal ist das Fest ein großer Erfolg: »Man hat die Freude aller Teilnehmer gesehen und den Stolz der Menschen.« Das jüdische Leben habe nur dann eine dauerhafte Zukunft, wenn es gelinge, Freude zu zeigen und Bildung zu vermitteln. »Mit der Veranstaltung haben wir beides miteinander verbunden«, so Teichtal. Am meisten habe er sich aber über die vielen Kinder gefreut: »Im Judentum geht es nicht nur um Traditionen, sondern um Inhalte – die Kinder füllen das Judentum mit Inhalt.«

Berlin

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