Auszeichnung

Wehrhaft und überzeugt

Auch mit kleinen Zeichen Widerstand leisten: Anna Ohnweiler und die Omas gegen rechts. Foto: privat

Auszeichnung

Wehrhaft und überzeugt

Die Initiative »Omas gegen rechts« erhält den Paul-Spiegel-Preis

von Elke Wittich  12.11.2020 09:01 Uhr


Als der Zentralrat der Juden an diesem Mittwoch offiziell verkündete, an wen er in diesem Jahr den Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage vergibt, haben sich mehrere Tausend Seniorinnen und einige Senioren besonders gefreut. Als »Omas gegen rechts« besuchen sie seit 2018 deutschlandweit Demonstrationen, um gegen Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus zu protestieren – um genau das Engagement zu zeigen, das dem früheren Präsidenten des Zentralrats, Paul Spiegel sel. A., zeitlebens besonders wichtig war.

»Der Paul-Spiegel-Preis ist etwas ganz Besonderes«, betont Anna Ohnweiler, deren Idee gemeinsam mit Gerda Smorra es war, die ursprünglich österreichische Initiative in Deutschland zu übernehmen. Mit einem Preis habe sie indes nicht gerechnet. »Wir Omas sind aktiv, weil das unserer Einstellung entspricht. Nun deswegen ausgezeichnet zu werden, ist eine ganz besondere Ehre.«

Seit 2009 verleiht der Zentralrat der Juden den mit 5000 Euro dotierten Paul-Spiegel-Preis in unregelmäßigen Abständen. Preisträger waren unter anderem 2009 der Landespolizeipräsident des Freistaates Sachsen, Bernd Merbitz, das Künstlerehepaar Birgit und Horst Lohmeyer aus Jamel in Mecklenburg-Vorpommern mit seinem jährlichen Festival »Jamel rockt den Förster« sowie 2018 der evangelische Pastor Wilfried Manneke aus Unterlüß in Niedersachsen.

Twitter-nachricht Vielleicht wäre die deutsche Sektion der »Omas gegen rechts« nicht gegründet worden, wenn sich nicht der Salzburger Identitäre Edwin Hintsteiner auf Twitter verächtlich über die österreichischen Omas geäußert hätte: »Wenn man länger lebt, als man nützlich ist, und dabei vor lauter Feminismus das Stricken verlernt hat.«

Anna Ohnweiler war empört. »Ich las diesen Tweet ausgerechnet am 27. Januar, also dem Befreiungstag von Auschwitz, und konnte es nicht fassen, dass darin Menschen in nützlich und unnütz, also im Prinzip unwert, unterteilt wurden.« Spontan erstellte Ohnweiler auf Facebook eine Seite für einen deutschen Ableger der »Omas gegen rechts« und lud alle ihre Freunde ein. »Nach kurzer Zeit war ich schon hocherfreut. Fast alle hatten die Einladung angenommen, und die Gruppe hatte schon eine stattliche Größe.«

Rund 6000 »Omas« und einige »Opas« engagieren sich mittlerweile deutschlandweit gegen rechts.

Rund 6000 »Omas« und einige »Opas« engagieren sich mittlerweile deutschlandweit gegen rechts, »genau kann man das nicht sagen, weil nicht alle bei Facebook sind«, berichtet Anna Ohnweiler. Ihr Engagement läuft über zwei Vernetzungsportale: den Omas gegen rechts Deutschland-Bündnis (omasgegenrechts-deutschland.de) und den Omas gegen recht Deutschland e.V. (omas-gegen-rechts-deutschland.de). Die regionalen Gruppen arbeiten autark und entscheiden selbst, an welchen lokalen Kundgebungen sie teilnehmen, alle benutzen aber die gleichen Plakate und Buttons mit dem schlichten Schriftzug. Während Anna Ohnweilers Wirkungskreis eher im südlichen Raum ist, wirkt Gerda Smorra eher im Norden, wo die basisdemokratische Initiative Omas gegen Rechts Deutschland-Bündnis über 65 Regionalgruppen umfasst.

Natürlich gebe es auch Anfeindungen, sagt Ohnweiler, die nach einer Fernsehsendung sogar eine Morddrohung »mit unterirdischem Wortschatz« erhielt, dazu kommen »Beleidigungen ohne Ende«. Auf Demos habe man bislang aber keine direkten negativen Erfahrungen gemacht, »wir sind dann ja auch immer Teil einer Gruppe Gleichgesinnter«.

Teppichklopfer Achten die meist wesentlich jüngeren Demoteilnehmer denn bei den Kundgebungen auch ein bisschen darauf, dass den Omas nichts passiert? »Ach nein«, antwortet Anna Ohnweiler, »wir sind richtige Omas, wir können auf uns selbst aufpassen.« Und sich zur Not auch wehren, ergänzt sie lachend. »Einige von uns haben sich die Demoplakate auf Teppichklopfer geklebt.« Und mit der Polizei habe man auch durchgängig gute Erfahrungen gemacht. »Wir sind ja nette alte Damen, und deswegen durften wir zum Beispiel bei einer AfD-Veranstaltung in Nagold im Sommer auch näher an die Bühne ran – was gut war, denn da konnten wir dann unbequeme Fragen stellen.«

Zu Anna Ohnweilers bisherigem Leben passen die »Omas gegen rechts« ohnehin wie ein lange fehlendes Puzzleteil. Die heute 70-Jährige war vor 40 Jahren aus Rumänien nach Deutschland gekommen, »mein Mann war schon ein Jahr zuvor hierher geflohen, und schließlich hat man mich mit meiner kleinen Tochter ausreisen lassen«.

Der Kontrast zwischen der neuen und der alten Heimat sei immens gewesen, erinnert sie sich. »Wir sind Siebenbürger Sachsen, wir wurden nicht direkt angefeindet, aber durchaus ausgegrenzt, es gab keinen direkten Kontakt zwischen denen, die hier geboren waren, und denen, die zugewandert sind.« Viele Türen der deutschen Mehrheitsgesellschaft seien für sie schlichtweg verschlossen gewesen, sagt sie rückblickend.

Akzeptanz Damit hatte sie nicht gerechnet. »Die rumänische Stadt, in der wir lebten, war multikulturell, es gab jüdische Nachbarn und Verwandte, Angehörige der ungarischen Minderheit, alles war bunt gemischt.« Ohnweiler war damit aufgewachsen, »dass es völlig egal ist, welche Sprache man spricht oder welche Religion man hat, wir gehörten einfach alle zusammen und waren alle zusammen die Einwohner dieser Stadt.«

Lehrerin Vielleicht sei sie durch dieses selbstverständliche Zusammenleben sensibler für die Diskriminierung von Minderheiten geworden, sagt die ehemalige Lehrerin. In Deutschland arbeitete sie zunächst in einer sozialen Einrichtung und später als Sprachlehrerin unter anderem für die jüdischen Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion.

Seit der Pensionierung beschäftigt sie sich vor allem mit Politik. »Mein Leben war nicht immer ein Honigschlecken, gerade nach dem Tod meines Mannes, als ich zusehen musste, dass ich Geld verdiene und meinen Sohn durchs Studium bringe und mich nicht völlig meiner Trauer hingeben konnte.« Aber: »Ich lebe gern, ich möchte, dass alle Menschen ein schönes Leben haben, und tue dafür, was ich kann.«

Wahlkampf Anna Ohnweiler hat im Übrigen noch viele Pläne. Sie möchte beispielsweise über die antisemitischen Hasspredigten von Martin Luther aufklären. Außerdem sind die »Omas gegen rechts« gerade dabei, eine Wahlkampfbroschüre zu erarbeiten. »Wir werden den Wahlkampf der AfD durch Aufklärung stören«, sagt Ohnweiler, und das auch in Bezug auf das durch die Partei geforderte Verbot von wichtigen Grundpfeilern des jüdischen Glaubens, nämlich der Brit Mila und des Schächtens.

»Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen«, betont Anna Ohnweiler, »und dort wurden natürlich auch Tiere geschlachtet – und zwar genau wie beim Schächten, indem man sie nach einem Halsschnitt ausbluten ließ. Es ist eine sanfte Methode, die Tiere leiden nicht, und mir ist völlig unerklärlich, wie dem jemand allen Ernstes die Schlachtungen in den Großbetrieben vorziehen kann.«

Einige Omas haben ihre Demoplakate auf Teppichklopfer geklebt.

Genauso wenig Verständnis bringt Ohnweiler gegenüber den Corona-Leugnern und der neuerlichen Demonstration in Leipzig auf. »Das Schlimme ist, dass man sie nicht so eindeutig einordnen kann, weil sie ein Gemenge aus religiösen Fanatikern, Esoterikern, Impfgegnern und gefährlichen Rechten sind«, sagt sie. Gezielt werde dort Hass geschürt, »in dem Punkt sind sich Rechte wie Islamisten einig, sie wollen spalten«. Entsprechend haben die Omas auch bereits ein Statement zum Thema Corona abgegeben: »Der Schutz des menschlichen Lebens muss über allem stehen«, sagt Ohnweiler. Privat würde sie gern noch »einmal nach Israel reisen und dort dann Yad Vashem besuchen, um zu lernen, das wäre ein Traum«, sagt sie.

www.omasgegenrechts.de

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