Gedenken

Von Routine keine Spur

Gunter Demnig ist Initiator des Stolperstein-Projektes. Foto: picture alliance/dpa

Gunter Demnig mag Katzen. 19 Stück hat der Künstler mit dem braunen Cowboyhut inzwischen mit Ehefrau Katja bei sich zu Hause im mittelhessischen Alsfeld-Elbenrod aufgenommen. Viele von ihnen seien Pflegefälle, erzählt der 75-Jährige bei einer Tasse Kaffee. Doch Gunter Demnigs Lebenswerk sind die Stolpersteine, wie er selbst sagt. Seit Mitte der 90er-Jahre widmet sich der gebürtige Berliner dem Projekt. Etwa 95.000 Stolpersteine zum Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus hat er mittlerweile verlegt, dieses Frühjahr will er die 100.000 erreichen.

Die knapp zehn mal zehn Zentimeter großen Würfel verlegt der Bildhauer deutschland- und europaweit auf den Gehwegen vor den letzten Wohnstätten von Menschen, die von den Nationalsozialisten deportiert, ermordet oder in den Suizid getrieben wurden. In Messingplaketten auf den Steinen sind Name und Schicksal der Opfer eingraviert.

kindertransport An viele Geschichten erinnert sich der Bildhauer bis heute. »Einmal, bei einer Verlegung, kamen zwei Schwestern. Die eine aus Kolumbien, die andere aus Schottland, beide waren damals durch einen Kindertransport gerettet worden, die Eltern wurden ermordet. Die hatten sich seit 60 Jahren nicht gesehen und meinten: Jetzt sind wir mit unseren Eltern wieder vereint.« Demnig schlägt sich mit der flachen Hand vor die Augen, kämpft mit den Tränen: »Dann weißt du, warum du das machst.«

Die Initiative zu den Steinverlegungen geht inzwischen von Geschichtsvereinen, Bürgerinitiativen, Angehörigen oder auch Schulprojekten aus.

Die Initiative zu den Steinverlegungen geht inzwischen von Geschichtsvereinen, Bürgerinitiativen, Angehörigen oder auch Schulprojekten aus, die Demnig anfragen. 132 Euro kostet ein Stein inklusive Verlegung.

Zwölf solcher Steine liegen seit Dezember vergangenen Jahres auch in Frankfurt-Nieder-Eschbach. Einer der Steine ist Karl Bruder gewidmet. Der Frankfurter wurde 1940 aufgrund seiner Epilepsie in die Uniklinik Gießen zwangseingewiesen und dort im Alter von 23 Jahren gegen seinen Willen nach dem »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« zwangssterilisiert.

innehalten »Ich habe Asthma. Mich hätte es heute vielleicht auch treffen können«, sagt der 19-jährige Joshua von der Otto-Hahn-Schule in Nieder-Eschbach, der sich im Geschichtsunterricht mit dem Schicksal von Karl Bruder beschäftigt hat. Auch seine Mitschülerin Leonie (18) ist bestürzt: »Ich kann das einfach nicht nachvollziehen. Das nimmt einen schon mit. Vor allem, weil ich hier um die Ecke wohne.« Sie werde von nun an noch aufmerksamer auf die Messing-Steine im Boden achten und einen Moment innehalten.

Gunter Demnig freut sich über das Engagement der Schülerinnen und
Schüler: »Es ist ein Unterschied, ob die Jugendlichen ein Buch aufschlagen und von sechs Millionen ermordeten Juden lesen oder von einem Familienschicksal vor Ort erfahren«, ist er überzeugt.

Doch die Stolpersteine haben auch Kritiker, wie zum Beispiel einzelne Vertreter jüdischer Organisationen. Die Schicksale der Opfer würden im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen getreten, wirft etwa Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Demnig vor.

gegenargument Demnig weist ein solch »unsägliches Gegenargument« von sich: Die Kritiker würden die Gräueltaten der Nazis mit solchen Aussagen verharmlosen und die Opfer verhöhnen: »Die Nazis haben sich nicht mit Rumtrampeln auf den Opfern begnügt. Die hatten ein gezieltes Vernichtungsprogramm.«

Eigentlich wollte Demnig mit 75 Jahren etwas kürzertreten, längst arbeitet der Berliner mit einem Team zusammen.

Auch Morddrohungen hat der Stolperstein-Erfinder schon erhalten.
All das hält ihn nicht davon ab, weiter Steine in mittlerweile 1265 Kommunen Deutschlands und in 21 Ländern Europas zu verlegen. Gerade plant er schon den nächsten Trip - diesmal nach Italien.

Eigentlich wollte Demnig mit 75 Jahren etwas kürzertreten, längst arbeitet der Berliner mit einem Team zusammen. »Aber solange die Knie noch mitmachen«, scherzt er, so lange werde er auch noch Steine verlegen.

Und dann wäre da noch seine Stiftung, die nach eigenen Angaben seine Ideen und sein Lebenswerk bewahren soll. Auf seinem Grundstück, einem ehemaligen Gehöft, läuft außerdem die Dauerausstellung Gunter
Demnig: Spuren und Wege
. Dort zeigt der Stolperstein-Künstler bislang unbekanntere Werke, die zur Idee der Gedenksteine geführt haben. epd

Wuppertal

Am helllichten Tag

Nach dem Brandanschlag auf die Synagoge geht das Gemeindeleben in der nordrhein-westfälischen Stadt weiter. Aber was bedeutet diese Normalität?

von Helmut Kuhn  01.10.2026

Rostock

Zunehmend sprachlos

Die Gemeinde hatte Schlimmeres befürchtet, doch Sorgen bleiben auch nach den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern

 01.10.2026

Wiedervereinigung

Zeit der Blüte

Am 3. Oktober 1990 trat die DDR der Bundesrepublik Deutschland bei. Für jüdische Gemeinden in Ost und West war dies ein neuer Anfang, für manche auch die Rettung. Drei Gemeindemitglieder erzählen, wie sie diese Zeit erlebten

von Christine Schmitt  01.10.2026

Deutschland

Holocaust-Überlebende: Regierung der Linkspartei in Berlin wäre eine Katastrophe

»Hier muss die Politik gründlich aufpassen, dass das nicht passiert«, sagt Charlotte Knobloch bei »Maischberger«

 01.10.2026

Wahl

»Der Schock sitzt tief«

Jüdinnen und Juden blicken mit großer Skepsis auf eine mögliche Regierungsbeteiligung der Linken. Sie fordern klare Zusagen zum Kampf gegen Antisemitismus

von Christine Schmitt  30.09.2026

Rathaus Neukölln

Berlin

Hillel zieht seine Chanukkia aus dem Rathaus Neukölln ab

Der jüdische Bildungsverein will seine Chanukka-Feier künftig an einem »neutralen Ort« abhalten. Für den scheidenden Bürgermeister Martin Hikel ist die Entscheidung ein Schock

 01.10.2026 Aktualisiert

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 1. Oktober bis zum 8. Oktober

 30.09.2026

Chemnitz

Gestohlener Davidstern sichergestellt

Unbekannte hatten laut Polizei in der Dauerausstellung des Lern- und Gedenkortes eine Schautafel beschädigt und den Davidstern mitgenommen

 28.09.2026

Archäologie

Hoffnung auf Latrinen - Grabung legt mittelalterliche Keller frei

Die Funde auf dem Areal der zweiten Jüdischen Gemeinde informieren über das Leben im mittelalterliche Erfurt. Zugleich geben sie Einblicke in die Stadtplanung des 13. Jahrhunderts

von Matthias Thüsing  28.09.2026