Redezeit

»Von gepackten Koffern kann keine Rede mehr sein«

David Ranan Foto: Rafael Herlich

Herr Ranan, für Ihr neues Buch haben Sie mit zahlreichen jungen Juden über ihr Leben in Deutschland gesprochen. Welchen Eindruck haben Sie dabei von dieser Generation gewonnen?
Meine Ausgangsfrage war, inwiefern sich die sogenannte dritte Generation in ihren Einstellungen zu Deutschland von ihren Eltern und ihren Großeltern unterscheidet. Ich wollte herausfinden, ob die Enkelkinder der Schoa-Überlebenden in dieser Hinsicht dieselben Vorbehalte, Sorgen und Komplexe haben wie Angehörige der ersten und zweiten Generation der Juden, die sich nach dem Krieg in Deutschland niedergelassen haben. Durch die Gespräche wird klar, dass das Deutschlandbild der jungen Erwachsenen vergleichsweise viel unverkrampfter, normaler und stabiler geworden ist.

Wie äußert sich das?
Vor 40 Jahren betrachteten 80 Prozent der in Deutschland lebenden Juden Israel als ihre Heimat. Sie sprachen von »gepackten Koffern«, die immer parat stehen. Beim Ausdruck »Heimat« zögerten auch heute noch viele meiner Interviewpartner. Dagegen sagten fast alle, dass selbstverständlich Deutschland ihr Zuhause sei. Hier wurden sie geboren, hier fühlen sie sich wohl, und hier wollen sie auch bleiben. Von den viel zitierten »gepackten Koffern« kann keine Rede mehr sein.

Sind die Vorbehalte gegenüber Deutschland komplett verschwunden?
Nein. Die Enkel der Schoa-Überlebenden sagen gleichzeitig auch, dass sie für judenfeindliche Stimmungen, wie auch für Rechtextremismus in der Gesellschaft, äußerst sensibel sind. Antisemitismus ist und bleibt ein Thema. Als ich die Interviews führte, war die Beschneidungsdebatte in Deutschland in vollem Gange. Das hat die jungen Erwachsenen sehr beschäftigt. Mit Verblüffung stellten sie fest, was sich da alles entlud. Jude in Deutschland zu sein, heißt halt immer noch, anders zu sein.

Wie denkt die Enkelgeneration darüber, dass ihre Großeltern nach der Schoa in Deutschland geblieben sind?
Die meisten Befragten waren in dieser Hinsicht sehr zurückhaltend. Sie wollten über ihre Großeltern nicht urteilen und sie damit womöglich ungerecht behandeln. Oft wollten sie die Großeltern in Schutz nehmen und erklärten, wieso sie hier geblieben und nicht nach Israel gezogen sind. Zugleich gaben einige aber auch an, dass sie in der Situation ihrer Großeltern nicht in Deutschland hätten bleiben können. Schließlich lebten hier nach Ende des Krieges immer noch die Nazimörder.

Sie selbst wurden 1946 geboren, Ihre Eltern waren ebenfalls Schoa-Überlebende. Was ist der größte Unterschied zwischen Ihnen und jungen deutschen Juden?
Ich bin natürlich zweite Generation, nicht dritte. Meine Großeltern flohen zum Glück aus Deutschland und fanden im damaligen Palästina ihre neue Heimat. Damals waren meine Eltern noch Jugendliche. Ich wurde in Israel geboren und bin da auch aufgewachsen. Mittlerweile lebe ich hauptsächlich in Großbritannien. In Deutschland habe ich noch nie gelebt. Ich unterscheide wirklich sehr stark zwischen Deutschland und der deutschen Gesellschaft in den ersten 20 bis 30 Jahren nach Kriegsende und dem heutigen Deutschland. Aber ganz ehrlich: Deutschland so selbstverständlich als meine Heimat bezeichnen, das könnte ich nicht.

Die Fragen stellte Philipp Peyman Engel.



David Ranan: »Die Schatten der Vergangenheit sind noch lang. Junge Juden über ihr Leben in Deutschland
«. Nicolai, Berlin 2013, 256 S., 24,95 €

David Ranan stammt aus einer deutsch-jüdischen Familie und wuchs in Israel auf. Er studierte Wirtschaftswissenschaften in Israel und London und absolvierte außerdem ein Studium der Kultur- und Politikwissenschaft. Heute lebt Ranan als freier Autor in London. Bei Nicolai erschien von ihm im Jahr 2011 sein Buch »›Ist es noch gut, für unser Land zu sterben?‹ Junge Israelis über ihren Dienst in der Armee«.

Ein Überblick über Ranans Lesereisetermine findet sich auf folgender Website: www.nicolai-verlag.de

Recklinghausen

Wie der Fußball Eddy rettete

Die Jüdische Gemeinde und Schulen der Region trugen den Emanuel-Schaffer-Cup aus – in Erinnerung an den legendären israelischen Trainer

von Martin Krauß  16.07.2026

Maccabiah

Momente, Medaillen, Menschen

Nach zwei Wochen ist das größte internationale Sportevent in Jerusalem erfolgreich zu Ende gegangen

von Katrin Richter  15.07.2026

Programm

100 Synagogen, zwei Chemnitzer und ein Eis am Stiel: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 16. Juli bis zum 23. Juli

 15.07.2026

Jahrhundertzeugin

Wie eine Sintiza die Nazizeit überlebte und ihre Heiterkeit rettete

Frieda Daniels ist Hochseilartistin. Sie floh als Sintiza vor der Vernichtung durch die Nationalsozialisten. Als 93-jährige Zeitzeugin war sie nun in Heidelberg zu Gast. Eine außergewöhnliche Lebensgeschichte

von Stefanie Ball  15.07.2026

Interview

Glaubwürdigkeit schaffen

Yuki Ronen Schmidt über die Arbeit von Miphgasch/Begegnung und die eigene Rolle in dem Bildungsarbeitsprojekt

von Pascal Beck  14.07.2026

Düsseldorf

Das Om im Schalom

Die Jüdische Volkshochschule bietet Kurse an, die Yoga und Judentum verbinden. Das Online-Angebot ist auch offen für andere Gemeinden und Interessenten

von Annette Kanis  13.07.2026

Porträt der Woche

Spezialist für Musicals

Adam Benzwi ist Amerikaner und entdeckte in Berlin die Schlager der 1920er-Jahre

von Gerhard Haase-Hindenberg  12.07.2026

Berlin

Türkisches Unternehmen »Medicana« neuer Träger vom Jüdischen Krankenhaus

Die 270-jährige Tradition des Hauses bleibe bewahrt – Kritik an der Übernahme kommt von Ver.di

 10.07.2026

Entscheidung

Halberstädter Museum für jüdische Kultur wird weiter gefördert

Im Jahr 2001 wurde das Berend Lehmann Museum für jüdische Geschichte und Kultur in Halberstadt gegründet. Zum Museum gehören die frühere Mikwe sowie die Synagoge im ehemaligen rabbinischen Lehrhaus, der Klaus. Sie bekommen weiterhin eine Förderung.

 09.07.2026