Buch

Von Fehlgriffen und anderen Kleinigkeiten

Schonungslos offen ist Mina Gampel in ihrer Autobiografie. Foto: PR

Buch

Von Fehlgriffen und anderen Kleinigkeiten

Die Stuttgarter Künstlerin Mina Gampel legt ihre Autobiografie vor, die vor allem sehr ehrlich ist

von Brigitte Jähnigen  30.07.2018 20:19 Uhr

Mina Gampel ist einfach nur glücklich. Vor wenigen Wochen ist ihre Autobiografie erschienen, und seitdem steht das Telefon nicht mehr still. »So ehrlich« habe sie über ihr Leben geschrieben, sagen die Anrufer, die sie gut kennen. »So spannend«, sagen die, die ihr vor vielen Jahren begegnet sind. Und weil ihr typischer Humor durch alle Kapitel wie ein guter Geist schwebt, macht es das Lesen der Lebensbetrachtung so »süffig«, wie ein guter Wein zu trinken ist.

Meine vier Leben – Weißrussland, Polen, Israel und Deutschland hat Mina Gampel ihre Autobiografie betitelt. Auf 123 Seiten (inklusive einem Fototeil) erzählt die 79-Jährige aus ihrem Leben. Es ist das Leben einer gläubigen Jüdin, einer Holocaust-Überlebenden, einer Malerin, einer Frau vor allem. »Trotz alledem« – dieses Motto, das der Lyriker Ferdinand Freiligrath (1810–1876) über eines der am meisten rezipierten Lieder der Revolution von 1848 geschrieben hat, wurde auch zu Mina Gampels Lebensmelodie.

In knapp gehaltenen Kapiteln berichtet die Autorin über ihr Unterwegssein. Schon als Baby musste sie nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs von Pinsk (damals Polen, heute Weißrussland) bis nach Kirgisien flüchten. »Von diesen Jahren hat mir meine Familie sehr eindrücklich erzählt«, sagt Gampel, die mit sieben weiteren Geschwistern dennoch »wohlbehütet« aufwuchs.

Mutterschaft Nach Aufenthalten in Polen und Israel und kaum dem Teenageralter entwachsen war Mina Gampel mit 21 Jahren schon dreifache Mutter. Ihren Mann und Erzeuger der Kinder nennt sie heute »einen fulminanten Fehlgriff«. Soviel Ehrlichkeit muss sein, meint sie. Sie habe sich schließlich viele Jahre ihres Lebens selbst betrogen. Und trotzdem: Sie habe ihn auch sehr geliebt.

Mit ihren selbst formulierten »Zehn Geboten« hat Mina Gampel die Hürden ihres Lebens gemeistert. »Gib nicht auf, mach weiter, sei nicht verbittert, stehe zu Problemen, lerne, verändere dich, klage nicht, wage Neues, tu alles mit Liebe, vertraue Gott« – ihre Lebensmaximen will die 79-Jährige gern an »andere bedrängte Frauen« weitergeben.

Stuttgart Dass die Wahl-Stuttgarterin, die schon seit 50 Jahren in der baden-württembergischen Landeshauptstadt lebt und sich seitdem auch in der jüdischen Gemeinschaft engagiert, eine bekannte Malerin geworden ist, darauf ist sie erkennbar stolz. Hauptsujet ihres künstlerischen Schaffens sind Szenen jüdischen Lebens. »Die jüdische Seele« will sie in ihren Bildern erlebbar, altes jüdisches Leben aufleben lassen und das aktuelle erkennbar machen.

Dass ihr brennendes Interesse auch den politischen Verwerfungen in dieser Zeit gilt, zeigt ein Diptychon zum Thema Weltreligionen. »Wie ich zum Malen kam« überschreibt sie ihre Lebensbestimmung. Vor lauter Funktionieren habe sie sich viel zu viele Jahre »als Mensch nicht entdecken« können. Sie berichtet, mit welcher Rastlosigkeit sie von Museum zu Museum gereist sei, um die Werke der »ganz Großen« anschauen zu können.

Mit der gleichen Rastlosigkeit widmete sie sich ihren eigenen Studien. »Ich brauche die Malerei wie die Luft zum Atmen«, sagt Mina Gampel. Eine ihrer ersten Ausstellungen hatte sie im Stuttgarter Rathaus. Weitere folgten im In- und Ausland. An eine erinnert sie sich besonders – die Initiative Alte Synagoge Hechingen lud sie ein.

Würdigung Im Epilog schreibt die Autorin, dass sie sich im Rückblick ihr Leben oft anders gewünscht hätte. Als größte Pleite sieht sie ihren Offenbarungseid, den sie aufgrund der immensen Schulden ihres Mannes leisten musste. Als größtes Glück sieht sie ihre drei Söhne. Und sie hat einen großen Traum: Nachdem schon die Sammlung Würth in Künzelsau ein Bild angekauft hat, sollte die Staatsgalerie Stuttgart das Gemälde »Mädchen an der Mauer« erwerben und zeigen. »Es wäre eine Würdigung für das ganze jüdische Volk«, sagt Mina Gampel.

Mina Gampel: »Meine vier Leben: Weißrussland, Polen, Israel, Deutschland«, Selbstverlag 2018, 123 S., 19,90 €

Porträt der Woche

Flucht und Ankunft

Manfred Eisner erzählt vom Exil und seinem neuen Leben in einem kleinen Dorf

von Heike Linde-Lembke  24.05.2026

Ausstellung

Dynamik des Schreckens

Die Jewish Claims Conference und die Französische Botschaft in Berlin zeigen bislang verschollene Aufnahmen vom Beginn der Schoa im Vichy-Regime

von Alicia Rust  24.05.2026

München

Intensiver Austausch

Zum zweiten Mal fand in der Israelitischen Kultusgemeinde die Zusammenkunft der Europäischen Rebbetzinnen-Konferenz statt

von Vivian Rosen  24.05.2026

Erinnerung

Ein verlorener Ort der Geborgenheit

Yael Neeman sprach im Jüdischen Gemeindezentrum über das Leben im Kibbuz

von Nora Niemann  24.05.2026

Berlin

Mahnmal für zerstörte Synagoge beschmiert

Die Sachbeschädigung des Mahnmals am Lindenufer sei am Mittwochmorgen über die Internetwache der Polizei Berlin angezeigt worden

 21.05.2026

Berlin

Zentralrat der Juden distanziert sich von Itamar Ben-Gvir

Ein Video des rechtsextremen israelischen Ministers sorgt weltweit für Empörung. Auch die Vertretung der Juden in Deutschland äußert sich

 21.05.2026

Tacheles-Preis

»Ihr prägt den Journalismus. Ihr prägt unser Land«

WELT-Chefredakteur Helge Fuhst hielt die Laudatio auf die Jüdische Allgemeine. Eine Dokumentation

von Helge Fuhst  21.05.2026

Dokumentation

»Mehr Mut zu unbequemen Wahrheiten!«

Die Jüdische Allgemeine ist mit dem Tacheles-Preis ausgezeichnet worden. Hier dokumentieren wir die Dankesrede von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  21.05.2026

Schawuot

Alles Käse

Ob Oreo-Cheesecake, israelischer Käsekuchen oder Napoleon-Torte: Familien verraten ihre Lieblingsrezepte und erzählen, warum milchige Desserts zum Fest unverzichtbar sind

von Christine Schmitt  21.05.2026