Berlin

Große Räume für große Träume

Einweihungsfeier in Kreuzberg Foto: Joshua Schultheis

Berlin

Große Räume für große Träume

Hillel zieht von Neukölln nach Kreuzberg

von Joshua Schultheis  25.07.2024 09:49 Uhr

Er bezeichnet sich selbst als »regular«. Einer, der regelmäßig da ist – und das von Anfang an. David Schapiro war schon auf Veranstaltungen von Hillel Deutschland, da hieß der Verein noch anders, und es drängten sich zwanzig Menschen in einem Wohnzimmer.

Acht Jahre ist das her. Jetzt steht Schapiro in einer großen Altbauwohnung mit hohen Decken. »Es ist großartig hier«, sagt er. Mit seiner Meinung ist Schapiro an diesem Tag nicht allein: Alle, die man fragt, sind überzeugt, dass sich der Umzug gelohnt hat.

Feierliche Anbringung der Mesusa

Vergangenen Sonntag weihte Hillel seine neuen Räume in Berlin-Kreuzberg ein. Mehrere Dutzend Personen sind gekommen, um gemeinsam zu essen, zu trinken und bei der feierlichen Anbringung der Mesusa dabei zu sein.

Yael und Katja sind aus Leipzig angereist, wo sie eine eigene Hillel-Dependance gegründet haben. Clara kommt ursprünglich aus Prag und ist begeistert von der jüdischen Vielfalt in Berlin. Palina ist das erste Mal bei Hillel – die Gruppe wurde ihr von einem Freund empfohlen.

Alle sind willkommen, auch und gerade die, die »in keine Schubladen passen«.

Neue Räume, aber dasselbe Konzept: Hillel will ein Ort für junge Jüdinnen und Juden sein, an dem diese ganz ohne Druck Judentum erleben und entdecken können. Man feiert Feste, lernt die Traditionen und Schriften, festigt die jüdische Identität. Alle sind willkommen, auch und gerade die, die »in keine Schubladen passen«, wie Schapiro es ausdrückt, der am Zacharias Frankel College in Potsdam studiert und Rabbiner werden will. Er nennt Hillel einen »pluralistischen und vielfältigen Raum, wo sich jeder wohlfühlen kann«.

Mit »Base« fing alles an

Eine Küche, zwei Büros, ein Lern- und Betraum sowie der Veranstaltungsaal in der Mitte. Endlich mehr Platz! Die Freude ist Rabbiner Jeremy Borovitz anzumerken. 2016 kam er das erste Mal mit seiner Frau, der Rabbinerin Rebecca Blady, nach Berlin, um hier die jüdische Gemeinschaft mit einem neuen Projekt zu ergänzen.

»Base«, wie die beiden das damals nannten, wuchs schnell. Bald wollten mehr Menschen zu den Veranstaltungen kommen, als in ihrer Wohnung Platz fanden. Die Gruppe schloss sich der weltweit operierenden Organisation Hillel International an und mietete neue Räume im Norden Neuköllns.

Die Gegend ist bekannt für israelfeindliche Demonstrationen, insbesondere seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023. Auf dem zentralen Hermannplatz prangte das rote Dreieck, mit dem die Hamas ihre Feinde markiert.

»Wir sind nicht aus Neukölln geflohen!«

rabbiner borovitz, mitgründer von hillel deutschland

Auch Borovitz bemerkt: »Die Spannungen haben seitdem zugenommen.« Er selbst sei als Kippaträger deutlich öfter belästigt worden, und einige Teilnehmer hätten sich weniger wohlgefühlt als sonst. »Ein Sicherheitsproblem gab es aber nie«, sagt der Rabbiner. Nach einem größeren Ort für Hillel habe man zudem schon vor dem 7. Oktober gesucht. »Wir sind aus unseren Räumen herausgewachsen«, sagt Borovitz und besteht darauf: »Wir sind nicht aus Neukölln geflohen!«

Hillel ist in sechs Städten vertreten

Waren sie anfangs noch zu zweit, ist Hillel Deutschland mittlerweile ein großes Team: Der Vorstand besteht aus drei Personen, 15 weitere arbeiten für den Verein. Neben Berlin gibt es in fünf weiteren Städten eine Hillel-Gruppe. Im vergangenen Jahr nahmen 1800 unterschiedliche Personen an Hillel-Veranstaltungen in ganz Deutschland teil.

»Manchmal denke ich nostalgisch an die alten Zeiten«, sagt Borovitz. Nachhaltig seien die Treffen im eigenen Wohnzimmer aber nicht gewesen. »Wir mussten wachsen, um das, was wir tun, weiterhin tun zu können.« Hier in Kreuzberg kann das Team von Hillel nun weiter das machen, was es macht. Genug Platz ist jetzt da. Vorerst.

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  28.06.2026

Erinnerung

Kunst mit Haltung

Das musikalisch-szenische Projekt »Und dennoch morgen« der Europäischen Janusz Korczak Akademie feierte im Gasteig Premiere

von Ellen Presser  28.06.2026

Israeltag

Wenn Freunde feiern

Rund 2000 Münchnerinnen und Münchner kamen auf dem Odeonsplatz zusammen, um ihre Solidarität mit dem jüdischen Staat zu demonstrieren

von Ellen Presser  27.06.2026

Porträt der Woche

Einfach sie selbst

Hannah Kruse ist Lehrerin, engagiert sich politisch und lebt seit ihrer Transition als Frau

von Alicia Rust  27.06.2026

Glosse

Danke, Felix!

Acht Jahre lang hat Felix Klein die wohl anstrengendste Religionsgemeinschaft dieser Welt ertragen. Nun scheidet er aus dem Amt. Eine etwas andere Würdigung

von Leeor Engländer  27.06.2026

Pädagogik

Neues Onlinespiel soll gegen Antisemitismus im Netz helfen

In sozialen Medien wird Judenhass verbreitet und auch der Holocaust falsch dargestellt. Damit junge Menschen solche Inhalte besser erkennen, können Lehrkräfte ein neues Onlinespiel nutzen

von Alexander Riedel  26.06.2026

Köln

»Russisch gehört zum Familienleben«

Hana Fischer bietet in der Kulturakademie Sprachkurse für Kinder an. Ein Gespräch über spielerisches Lernen, Vokabeln und das beliebte Bingo-Alphabet

von Christine Schmitt  26.06.2026

Dresden/Gohrisch

Sächsische Schostakowitsch Tage eröffnet

Das Festival widmet sich bis Sonntag jüdischen Einflüssen auf das Werk des russischen Komponisten

 26.06.2026

Chabad

Jüdische Gemeinde verschiebt Fest wegen Hitze

Neuer Termin nun Ende August

 25.06.2026