Berlin

Viele offene Fragen

»Quo Vadis« war der Titel der diesjährigen Benefiz-Veranstaltung von Keren Hayesod (KH). Damit wollte die jüdische Hilfsorganisation für Israel der Frage nachgehen, ob zwischen dem jüdischen Staat und Deutschland eine besondere Beziehung besteht. Eine Frage, sollte man meinen, die in den letzten 70 Jahren mehr als einmal beantwortet wurde.

Doch dem Berliner KH-Vorsitzenden Nathan Gelbart schien es an der Zeit, sie erneut zu stellen. Dafür nannte er in seiner Begrüßungsansprache Gründe: In nicht weniger als 17 Fällen seien deutsche UNO-Diplomaten in den Abstimmungen feindlich-aggressiver Anträge gegen Israel gefolgt. Das spreche nicht für freundschaftliche Beziehungen, es dränge sich gar ein Vergleich zum Jahr 1938 auf, so Gelbart.

MINISTER Begonnen hatte der Abend bei einem Stehempfang mit Fingerfood. Das Publikum mischte sich schon vor dem offiziellen Teil der Veranstaltung zum gepflegten Small Talk.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gestand, den Namen Keren Hayesod erstmalig im Zusammenhang mit dieser Einladung gehört zu haben. Dennoch habe er keinen Moment gezögert, sie anzunehmen. Und sagte – wie auch in seiner späteren Ansprache –, es mache ihn gleichermaßen »glücklich wie demütig«, wie sich die deutsch-israe­lischen Beziehungen entwickelt hätten.

Das Kesselhaus der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg mutierte zu einem Tel Aviver Partyklub.

Zum Thema UN-Diplomaten empfahl er zwar, sich an den Bundesaußenminister zu wenden, sagte aber zu, in den zu seiner Verantwortung gehörenden Gremien der Weltgesundheitsorganisation WHO auf ein israelfreundliches Abstimmungsverhalten hinzuwirken. Er freue sich, dass in Deutschland wieder ein reiches jüdisches Leben gedeihe, und kritisierte unverblümt den islamischen Antisemitismus.

EHRENGAST Damit warf er ein Thema in die Runde, das die Berliner Staatssekretärin für bürgerschaftliches Engagement, Sawsan Chebli, umgehend aufgriff. Sie bekannte sich dazu, dass der Antisemitismus in den eigenen Reihen sie als Muslimin »zutiefst beschäme«.

Allerdings stelle dieser im Gegensatz zu dem der Neonazis kein geschlossenes Weltbild dar, und so gebe es Hoffnung, ihn wirksam bekämpfen zu können. Die SPD-Politikerin verwies auf den geradezu programmatischen zweiten Teil des Abends, in welchem der israelische Komponist Idan Raichel in einem Ensemble muslimische und jüdische Musiker vereine.

»Niemand kann die Vergangenheit ändern, aber die Zukunft gestalten!«, zitierte Ehrengast Chemi Peres seinen Vater.

Ehrengast Chemi Peres nahm den Gedanken der deutschen Politikerin mit palästinensischen Wurzeln auf und zitierte das Vermächtnis seines Vaters, des einstigen israelischen Staatspräsidenten Schimon Peres: »Niemand kann die Vergangenheit ändern, aber die Zukunft gestalten!« Umrahmt wurden die Grußansprachen von der trotz ihrer Jugend bereits international gefeierten Geigerin

Migdal, die einen musikalischen Bogen von einem Brahms-Violinkonzert bis zur Instrumental-Version von »Yerushalajim shel zahav« gewählt hatte.

PARTYSTIMMUNG Als der israelische Superstar Idan Raichel zusammen mit 13 Musikern, Sängerinnen und einem Sänger die Bühne betrat, , kam es im Publikum schnell zu einer Verbrüderung von deutschen und in Berlin lebenden israelischen Zuschauern. Dies gelang mit seinen virtuos dargebotenen orientalischen Melodien, die in Pop-Harmonien auch für ein westliches Publikum genießbar sind.

Vor allem übertrug sich der schnelle Wechsel von temporeichen Nummern mit aufwendigen Bläsersätzen für Trompete, Posaune, Saxofon und Querflöte hin zu gefühlvollen Balladen, die nur mit Akustikgitarre und Oud begleitet wurden, direkt auf die Stimmung im Publikum.

Mal hielt es niemanden mehr auf den Stühlen, und das Kesselhaus der Kulturbrauerei am Prenzlauer Berg mutierte zu einem Tel Aviver Partyklub. Dann wieder lauschte man den solistischen Stimmen des Sängers und der Sängerinnen, die eben noch im mehrstimmigen Gesang als Quartett für Laune sorgten.

Das Leitthema des Abends, »Quo Vadis«, mag auf politischer Ebene noch offene Fragen haben – das multiethnische Idan Raichel Project hat darauf längst eine künstlerische Antwort gefunden.

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