Berlin

Verwirrung nach Abstimmung

Die Wahl zur Repräsentantenversammlung hatte am 20. Dezember 2015 stattgefunden. Foto: Marco Limberg

Für Verwirrung sorgt derzeit eine Mitteilung auf der Homepage der Jüdischen Gemeinde zu Berlin: Dort wird mittlerweile das »amtliche Endergebnis der Wahl zur 18. Repräsentantenversammlung« verkündet. Und das, obwohl das amtliche Ergebnis laut Vladislava Zdesenko, der neuen Vorsitzenden des Schiedsausschusses, keineswegs endgültig feststeht.

Die Wahl, aus der das Bündnis Koach mit seinem Spitzenkandidaten Gideon Joffe als Sieger hervorging, hatte am 20. Dezember 2015 stattgefunden. Doch Mitglieder des oppositionellen Bündnisses Emet haben die Wahl kurz danach angefochten – fristgerecht –, wie Emet-Spitzenkandidat Sergey Lagodinsky betont. Denn ihrer Meinung nach sei das Wahlverfahren »nicht koscher« gewesen.

einspruch Daher haben die Emet-Kandidaten Sigalit Meidler-Waks, Liliana Liebermann, Billy Rückert und Boris Moshkovits, die nach jetzigem Stand aufgrund fehlender Stimmen nicht in die Repräsentantenversammlung (RV) einziehen konnten, den Antrag zur Anfechtung gestellt – sowohl beim Schiedsausschuss der Jüdischen Gemeinde zu Berlin als auch beim Zentralrat der Juden in Deutschland.

Wahlleiter und Rechtsanwalt Jürgen Weyer schreibt hingegen auf der Gemeinde-Homepage: »Einsprüche nach der Wahlordnung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gegen die Gültigkeit der Wahl« habe »der Schiedsausschuss dem Wahlausschuss bis heute nicht bekannt gegeben.« Der Schiedsausschuss sei aber laut Wahlordnung »gezwungen gewesen, etwaige Einsprüche bis zum 4. Januar zu terminieren«. Das endgültige amtliche Endergebnis stehe damit fest.

lesebestätigung Das sei »eine Unwahrheit«, sagte Vladislava Zdesenko vom Schiedsausschuss der Jüdischen Gemeinde zu Berlin der Jüdischen Allgemeinen auf Nachfrage. Diese Behauptung entspreche »nicht den Tatsachen«, so die Rechtsanwältin. Sie habe am 4. Januar eine entsprechende Mitteilung per E-Mail an das Wahlbüro geschickt – und daraufhin auch »eine Lesebestätigung erhalten«.

Die Mitglieder des Schiedsausschusses hatten in den vergangenen Monaten viel zu tun. Misstrauensanträge, Einsprüche, Verhandlungen, Beweismaterial, Zeugenaussagen – mitunter bestärkten die zahlreichen komplizierten Streitpunkte in der Öffentlichkeit den Eindruck, die Fraktionen stünden sich unversöhnlich gegenüber.

So musste das ehrenamtliche Gemeinde-Gremium zuletzt auch etwa darüber entscheiden, ob die RV-Sitzung vom 30. November rechtsgültig gewesen ist – eine knifflige Angelegenheit.

folgenschwer Die letzte RV vor der Gemeindewahl war vom Präsidium einberufen worden, wurde aber kurzfristig abgesagt. Die RV-Vertreter der Opposition jedoch beschlossen, dennoch zu tagen. Mit der Nach-Nominierung von zwei Repräsentanten, die als Nachrücker seit Monaten auf der Liste standen, verfügten sie sogar über eine einfache Mehrheit.

Auf jener Sitzung wurden unter anderem zwei folgenschwere Beschlüsse gefällt: Der Wahlleiter, Jürgen Weyer, sollte von dieser Position abgesetzt werden, da er einige Koach-Kandidaten als Rechtsanwalt vertritt und somit aus Sicht der tagenden RV-Mitglieder als befangen gelte. Zudem hätte aufgrund von Weyers Absetzung die Wahl verschoben werden müssen.

Das amtierende Präsidium hatte daraufhin in einer Presseerklärung auf der Gemeinde-Webseite mitgeteilt, dass diese RV nicht rechtsgültig gewesen sei. Daraufhin reichten die Repräsentanten Micha Guttmann, Michael Joachim und Jewgenij Gamal einen Antrag beim Schiedsausschuss ein.

urteil Der Schiedsausschuss kam jedoch zu einem anderen Urteil als das Präsidium: Er ist der Meinung, dass die RV durchaus »rechtlich wirksam sein könnte«, wie der Jurist Gert Rosenthal auf Nachfrage der Jüdischen Allgemeinen mitteilte.

Allerdings ist Gert Rosenthal, bis kurz vor der Wahl Vorsitzender des Schiedsausschusses, mittlerweile von seiner Funktion zurückgetreten. Somit ist fraglich, ob das Gremium überhaupt handlungsfähig ist. »Die Wahlanfechtung müsste deshalb beim Zentralrat entschieden werden«, meint Rosenthal.

»Der Schiedsausschuss sollte sich zuerst mit der Gültigkeit der RV beschäftigen«, schlägt Micha Guttmann vor. »Denn wenn sie wirklich rechtmäßig gewesen sein sollte – wovon wir ausgehen –, dann wären auch ihre Beschlüsse rechtmäßig. Damit wäre klar, dass die Wahl hingegen rechtswidrig war.« Er habe bisher vom Ausschuss noch keine Nachricht erhalten, kündigt aber an, in den nächsten Tagen selbst nachzufragen.

Ob also das amtliche Ergebnis der Gemeindewahl tatsächlich endgültig ist –wie von Jürgen Weyer offiziell erklärt –, bleibt weiterhin abzuwarten.

Denn mittlerweile hat Vladislava Zdesenko den Wahlleiter aufgefordert, seine »falsche Darstellung unverzüglich binnen 24 Stunden zu korrigieren und den Ablauf richtigzustellen«. Das Schreiben hat Emet am Freitag auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht. cs/ja

Interview

»Kiddusch mit Empanadas«

Daniela Rusowsky über die lateinamerikanische Gemeinschaft in Berlin, Melodien aus der Heimat und die Bedeutung von Kabbalat Schabbat

von Mascha Malburg  26.07.2026

München

Diplomatie und Freundschaft

Anlässlich seines 15-jährigen Bestehens lud das israelische Generalkonsulat zu einem Festakt in den Kaisersaal der Residenz

von Luis Gruhler  26.07.2026

Porträt der Woche

Eine Stimme für Israelis

Eliran Hirsh möchte mit seinen Podcasts Landsleute weltweit vernetzen

von Lorenz Hartwig  26.07.2026

Berlin

Rabbinerkonferenz: Berliner Führerbunker jüdischer Gemeinde geben

Was wird aus dem alten Führerbunker in Berlin? Derzeit streiten Senat, Stadtplaner und Denkmalschützer um den richtigen Umgang mit der Ruine. Die Europäische Rabbinerkonferenz schaltet sich nun mit einem Vorschlag ein

 26.07.2026

Bayern

»Es ist Zeit, den Hass zu beenden«

Eine Mahnwache der Deutsch-Israelischen Gesellschaft zeigte Solidarität mit dem Opfer des israelfeindlichen Verbrechens in der Region Würzburg

von Stefan W. Römmelt  25.07.2026

Alija

Darum bleibe ich

Der 7. Oktober hat unsere Autorin zu einem anderen Menschen gemacht. Und beinahe wäre sie nach Israel ausgewandert. Vieles aber hält sie hier – aus gutem Grund

von Barbara Bišický-Ehrlich  23.07.2026

Programm

Marathon-Mann, Swingende Hermline und ein festliches Triple in Karlsruhe: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 23. Juli bis zum 30. Juli

 22.07.2026

Projekt

Ein Denkmal für gefallene Soldaten und ermordete Juden

Ein Dorf will mit einer Gedenkstätte an die Opfer der NS-Zeit erinnern. Das geplante gemeinsame Gedenken an gefallene Soldaten und ermordete Juden ruft ein unterschiedliches Echo hervor

von Jens Bayer-Grimm  21.07.2026

Berlin

Jüdisch, Queer, Selbstbewusst

Der »Pride-Shabbat« des Vereins Keshet Deutschland zeigt auch in diesem Jahr wieder, dass jüdisches und queeres Leben zusammengehören

von Leon Stork  20.07.2026