Integration

Verschenkte Kraft

Hightech: Jüdische Zuwanderer kamen als Wissenschaftler, Ärzte und Physiker, durften ihre Berufe aber nicht ausüben. Foto: Fotolia

Wer nach Deutschland einwandert und hofft, nach kurzer Eingewöhnungszeit die berufliche Karriere fortsetzen zu können, hat unter Umständen großes Pech gehabt. Studienabschlüsse und Berufserfahrung werden nicht anerkannt, wenn sie beispielsweise in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion erworben wurden. Das soll sich nun ändern: Die Bundesregierung plant ein neues Gesetz, das noch im Herbst verabschiedet werden soll. Profitieren könnten von dieser Regelung auch jüdische Zuwanderer aus der Ex-UdSSR, jedenfalls theoretisch. In den jüdischen Gemeinden sieht man den Gesetzesvorstoß allerdings nicht nur positiv.

umschulung Nun werde versucht, etwas gutzumachen, was seit 20 Jahren versäumt wurde, sagt Monika Bunk, stellvertretende Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Marburg. »Wir hatten viele Ärzte und Wissenschaftler, Physiker, Mathematiker aus der ehemaligen UdSSR, die nie einen Job bekommen haben«, berichtet sie. Natürlich sei es für diese Akademiker besonders schwierig, in einer Universitätsstadt zu leben und Wissenschaft hautnah mitzubekommen. Mittlerweile seien die meisten zu alt, um von den Änderungen zu profitieren – zumal sie notgedrungen nach andere Berufen ergriffen haben: »Ein Kinderarzt arbeitet heute als Physiotherapeut, aber selbst das ist ihm nur nach diversen Umschulungen gelungen.«

Grundsätzlich sei es natürlich eine gute Idee, die Berufsanerkennung zu vereinfachen, konstatiert Bunk. »Aber das Ganze ist nicht weitreichend genug, denn was das Handwerk betrifft, würde es auch nach der Gesetzesänderung weiter Probleme geben.« Und die seien beträchtlich: »Eines unserer Gemeindemitglieder war in seiner Heimat Friseur – nun sollte man ja denken, dass Haare überall gleich wachsen, aber nein, der Mann darf hier nicht arbeiten, weil er keinen deutschen Berufsabschluss hat.«

Die Auswirkungen dieser starren Handwerks-Regelungen könne man im Übrigen schon bei einem einfachen Einkaufsbummel durch eine x-beliebige deutsche Stadt sehen: »Haben Sie sich nie gewundert, warum es so viele türkische Änderungsschneidereien gibt? Das sind alles Leute, die in ihrer Heimat zwar Schneider gelernt haben und natürlich maßgefertigte Kleidung anfertigen könnten, aber hier dürfen sie nur ändern, also Knöpfe annähen und Nähte nachbessern.«

»Eine schöne Sache«, nennt Benzion Wieber, Geschäftsführer der Synagogen-Gemeinde Köln, den Vorschlag, die im Ausland erworbenen akademischen Abschlüsse zügiger anzuerkennen. »Aber nun bringt sie uns leider nichts mehr«, beklagt er. »In den letzten Jahren sind ja kaum noch Juden zugewandert.« Diejenigen, die vor 15, 20 Jahren ins Land kamen, seien natürlich sehr enttäuscht gewesen, als sie feststellten, dass es große Probleme bei der Anerkennung ihrer Ausbildung gab. »Deren Kinder machen nun tolle Examina, aber für die Eltern ist es zu spät, sie sind nun über 50 und haben sich längst mit den Gegebenheiten arrangiert.«

Esther Haß, seit 1982 im Vorstand der Jüdischen Gemeinde Kassel, hat die Zuwanderung und die vielen damit verbundenen Schwierigkeiten und Enttäuschungen hautnah miterlebt. Sie weiß, wie schwierig es für die häufig hochqualifizierten jüdischen Zuwanderer war, in Deutschland beruflich Fuß zu fassen. Jemand, der in der früheren Sowjetunion als Kardiologe oder Internist tätig war, durfte in hier nicht einmal als Krankenpfleger arbeiten, »weil die Examina fehlten«, erzählt Haß.

Berufserfahrung »Die Leute sind 20 Jahre älter geworden und haben auch nicht mehr die Berufserfahrung, sodass ihnen die geplante Erleichterung nichts bringen wird.« Unter den Zuwanderern, die nach Kassel kamen, waren, so schätzt Esther Haß, »zwischen 85 und 90 Prozent Akademiker, von denen etwa 55 Prozent bei Hartz IV gelandet sind«.

Die russischsprachigen Juden hätten immer betont, dass sie auch wegen der besseren Startchancen für ihre Kinder nach Deutschland gekommen sind, erzählt Haß. Gleichwohl sei die Verbitterung der Eltern groß, viele kämpften mit Depressionen. »Es ist ja auch nicht einzusehen, dass jemand, der zum Beispiel in Moskau als Deutschlehrerin gearbeitet hat, hier nun nicht Russischlehrerin sein kann, die hier händeringend gesucht wird.«

Es seien »so viele Fehler gemacht worden wie irgend möglich«, resümiert die 73-Jährige. »Wir als Gemeinde haben getan, was wir konnten, wir haben im sozialen Bereich mit Deutschkursen und bei Behördengängen unterstützt und die religiöse Integration bewerkstelligt. Dafür sorgen, dass die Menschen in ihren angestammten Berufen arbeiten und ihre Kenntnisse hier einbringen können, konnten wir nicht.«

Hilflosigkeit Es sei, fährt Haß fort, »doch eigentlich unmöglich, wie von Politiker-Seite mit den Leuten umgegangen wurde: Man hat sich mit der Zuwanderung von Juden gebrüstet, und als sie da waren, hat man wenig für sie getan.« Dazu komme: Wer jetzt dank der Gesetzesinitiative in seinem Beruf arbeiten könne, werde später benachteiligt: »Man kann sich ausrechnen, was jemand, der hier nur zehn, 15 Jahre versicherungspflichtig beschäftigt war, später im Alter erhalten wird. Dazu kommt: Die Jahre, in denen er in der UdSSR gearbeitet hat, werden nicht nur nicht anerkannt, die daraus resultierende Rente, würde gleich wieder von der Grundsicherung abgezogen.«

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