Meinung

Verpflichtung zur Heilung

Marian Offman Foto: Marina Maisel

Seit eineinhalb Jahren hält uns die Pandemie in Atem. Das Virus hat bisher weltweit mehr als vier Millionen Menschenleben gefordert. Mit unglaublicher Geschwindigkeit ist es der Wissenschaft gelungen, hochwirksame Impfstoffe zu entwickeln, sodass bereits im Dezember vergangenen Jahres mit der Impfung gegen das Coronavirus begonnen werden konnte.

Die Impfquote in Deutschland liegt aktuell bei rund 60 Prozent. Für eine Herden­immunität sind allerdings 75 Prozent nötig. Die Quote ist so niedrig, weil viele Menschen impfmüde oder grundsätzliche Gegner des Impfens sind. An Impfstoff mangelt es nicht. Im Gegenteil: Die Vakzine müssen massenweise vernichtet werden, weil in den Impfzentren gähnende Leere herrscht.

bedrohung Was für ein Wahnsinn angesichts der weltweiten Bedrohung! Unlängst bedeutete mir eine Person, die ich seit langer Zeit kenne, die Politik würde mit der dritten Impfung den Tod der über 80-Jährigen erzwingen wollen, um eine drohende Überalterung unserer Gesellschaft zu verhindern. Solche Verschwörungstheorien, die im rechten Umfeld der »Querdenker« entstehen und verbreitet werden, sollen uns im Kampf gegen die Pandemie behindern, indem sie die vermeintlichen Schwächen unserer Demokratie aufzeigen.

Dieser Grundsatz der Tora könnte fast eine Impfverpflichtung implizieren.

Interessant ist an dieser Stelle die jüdische Sicht auf das Thema Impfen. Im Judentum gilt seit Jahrtausenden die Verpflichtung des Menschen zur Heilung seiner selbst und anderer. Aus diesem Grundsatz der Tora leitet sich ab, dass man nicht untätig zusehen darf, wie ein anderer oder sein Kind untergeht. Diese Vorschrift könnte fast eine Impfverpflichtung implizieren. In jüdischen Gemeinden heute wird dies abgemildert mit dem Hinweis, dass die Mitglieder dem Rat der Rabbiner und Ärzte folgen sollten.

israel In Israel schlug sich die große Mehrheit der Rabbiner auf die Seite der Impfbefürworter. Auch deshalb erreichte das kleine Land sehr schnell eine hohe Impfquote. Den Religionsgemeinschaften kommt bei der Bekämpfung der Pandemie eine wichtige Rolle zu. Der Erhalt des Lebens ist ein wichtiges Postulat aus dem Tanach, das Juden, Christen und Muslime gleichermaßen betrifft.

Warum kann nicht jeder Gottesdienstbesuch mit einem Impfangebot verknüpft werden? Caritas und Diakonie haben den Zugang zu Familien in prekären Situationen. Ist es nicht Gebot in dieser schweren Zeit, diese Menschen aufzusuchen? Der erfolgreiche Kampf gegen die Pandemie dient dem Erhalt unserer Demokratien und unserer Freiheit.

Der Autor ist Vorstandsmitglied der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

 28.06.2026

Erinnerung

Kunst mit Haltung

Das musikalisch-szenische Projekt »Und dennoch morgen« der Europäischen Janusz Korczak Akademie feierte im Gasteig Premiere

von Ellen Presser  28.06.2026

Israeltag

Wenn Freunde feiern

Rund 2000 Münchnerinnen und Münchner kamen auf dem Odeonsplatz zusammen, um ihre Solidarität mit dem jüdischen Staat zu demonstrieren

von Ellen Presser  27.06.2026

Porträt der Woche

Einfach sie selbst

Hannah Kruse ist Lehrerin, engagiert sich politisch und lebt seit ihrer Transition als Frau

von Alicia Rust  27.06.2026

Glosse

Danke, Felix!

Acht Jahre lang hat Felix Klein die wohl anstrengendste Religionsgemeinschaft dieser Welt ertragen. Nun scheidet er aus dem Amt. Eine etwas andere Würdigung

von Leeor Engländer  27.06.2026

Pädagogik

Neues Onlinespiel soll gegen Antisemitismus im Netz helfen

In sozialen Medien wird Judenhass verbreitet und auch der Holocaust falsch dargestellt. Damit junge Menschen solche Inhalte besser erkennen, können Lehrkräfte ein neues Onlinespiel nutzen

von Alexander Riedel  26.06.2026

Köln

»Russisch gehört zum Familienleben«

Hana Fischer bietet in der Kulturakademie Sprachkurse für Kinder an. Ein Gespräch über spielerisches Lernen, Vokabeln und das beliebte Bingo-Alphabet

von Christine Schmitt  26.06.2026

Dresden/Gohrisch

Sächsische Schostakowitsch Tage eröffnet

Das Festival widmet sich bis Sonntag jüdischen Einflüssen auf das Werk des russischen Komponisten

 26.06.2026

Chabad

Jüdische Gemeinde verschiebt Fest wegen Hitze

Neuer Termin nun Ende August

 25.06.2026