München

Verbriefte Geschichte

Bei der Vorstellung der Ergebnisse: Charlotte Knobloch, Klaus Ceynowa, Ellen Presser (v.l.) Foto: Miriam Maisel

Im Gemeindezentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG) ist der berühmteste Wissenschaftler der Welt in gewisser Weise ein Dauergast. Im Restaurant, das auch seinen Namen trägt, hängt ein Foto von Albert Einstein (1879–1955) für jeden Gast sofort sichtbar an der Wand. Der prominente Namensträger mit jüdischen Wurzeln, den die Nazis aus Deutschland trieben, ist der Gemeinde jetzt noch ein Stück nähergekommen.

»Schau mal, da steht ja A. Einstein darunter«: Dieser kurze Satz einer Mitarbeiterin, die Archivarbeiten erledigt hatte und ihr ein altes Schriftstück entgegenhielt, ließ bei Ellen Presser, der Leiterin der IKG‐Kulturabteilung, und wenig später auch bei Präsidentin Charlotte Knobloch das Herz schneller schlagen. Ein Brief von keinem Geringeren als Albert Einstein selbst? Danach sah es von Anfang an aus.

verifizierung Die präzise wissenschaftliche Analyse des Briefes nahm im Auftrag der IKG die Bayerische Staatsbibliothek vor, die auf dem Feld der Verifizierung von Dokumenten große Erfahrung besitzt. In der vergangenen Woche, rund ein Jahr nach dem Auftauchen des Schreibens, stellte der Generaldirektor der Bayerischen Staatsbibliothek, Klaus Ceynowa, das Ergebnis der Untersuchung vor: Der Brief ist authentisch, wurde von Albert Einstein selbst ge‐ und unterschrieben, aber er ist »nur« eine Kopie.

Die präzise wissenschaftliche Analyse nahm die Bayerische Staatsbibliothek vor.

Viele Fragen in Zusammenhang mit dem Einstein‐Brief konnten noch nicht beantwortet werden. Aber durch eine spezielle Licht‐Analyse fanden die Experten der Staatsbibliothek heraus, dass beim Kopieren nicht das damals übliche Kohle‐Pauspapier verwendet wurde, sondern die frühe Form einer Fotokopiermaschine, die in Kaufhäusern und großen Schreibwarenläden eingesetzt wurde.

Den Erklärungen Ceynowas zufolge sei bei dieser Art ein Abdruck durch Kopierpapier hergestellt worden, das mit besonderem Salz behandelt worden war. »Das war ein relativ großes Gerät, insofern wird man das damals nicht in Privatbesitz gehabt haben«, meinte er. Stand Einstein womöglich selbst neben der Kopiermaschine in einem Kaufhaus? Der Brief stammt aus dem Jahr 1932.

berlin Damals lebte Einstein, der bis zu seinem 15. Lebensjahr mit seinen Eltern in München wohnte, in Berlin. »Wir wissen nicht, wer die Kopie wann angefertigt hat«, sagte der Generaldirektor der Staatsbibliothek im IKG‐Gemeindezentrum. Es könnte Einstein selbst gewesen sein.

Ellen Presser will zuerst klären, ob der Star‐Physiker und Nobelpreisträger dazu neigte, Kopien anzufertigen. Aber genauso wäre es möglich, dass Julius Hirsch das Duplikat des Einstein‐Schreibens herstellte. Dem Kölner Wissenschaftskollegen, der kurz nach der Machtergreifung der Nazis (1933) ebenfalls in die USA floh, hatte Einstein in dem Brief vom 30. Oktober 1932 zu dessen 50. Geburtstag gratuliert.

Ungeklärt ist bislang, welche Wege der Brief zurücklegte, ehe er im Archiv der IKG landete.

Ein weiteres Rätsel, das die Experten der Bayerischen Staatsbibliothek lösen konnten, sind die fast geheimnisvoll wirkenden Schriftzüge, die auf dem Brief sehr schwach zu erkennen und mit bloßem Auge nicht lesbar sind. Dabei handelt es sich nach Angaben von Staatsbibliotheks‐Chef Ceynowa um einen weiteren Gratulationsbrief an Hirsch, den Einsteins zweite Ehefrau Elsa geschrieben habe. »Wahrscheinlich«, sagte Ceynowa, »lag er eine Zeit lang auf dem anderen Brief und ist dann erst wieder im Rahmen des Kopiervorgangs sichtbar geworden.«

konvolut Unbeantwortet – vielleicht für immer – ist auch die Frage, welche Wege der Einstein‐Brief zurücklegte, ehe er im Archiv der Israelitischen Kultusgemeinde landete. Ellen Presser konnte nur noch feststellen, dass der Brief zu einem Konvolut gehörte, das ursprünglich aus einem Nachlass stammen dürfte und bei der IKG abgegeben wurde. Von wem es stammte, ließ sich bisher nicht feststellen, aber Ellen Presser will nichts unversucht lassen, um das Geheimnis vielleicht doch noch zu lüften.

»Für die jüdische Gemeinde und damit auch für mich«, sagt die Leiterin der IKG‐Kulturabteilung, »ist es wie ein verspätetes Echo aus einer vergangenen Zeit. Das ist das Aufregendste daran, weil wir so wenige authentische Artefakte haben. Es ist alles in alle Winde zerstreut oder vernichtet worden.«

IKG‐Präsidentin Charlotte Knobloch, die die Spurensuche mit großem Interesse mitverfolgt, denkt darüber nach, die Kopie der Staatsbibliothek als Leihgabe zur Verfügung zu stellen – auch aus konservatorischen Gründen. »Das ist ein Papier, das sich langsam auflöst. Da gehören Fachleute dazu, es zu erhalten«, gibt sie zu bedenken. Inzwischen steht fest, dass auch das Originalschreiben Einsteins an seinen Wissenschaftskollegen Hirsch erhalten geblieben ist. Es liegt im Leo‐Baeck‐Institut in New York.

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