Hamburg

Vater erzählte nichts aus der Heimat

Jahrelang schafft es Hilde Rotenberg, Deutschland aus dem Wege zu gehen. Das ist für sie gar nicht so einfach: Ihr Mann arbeitet als Orchestermusiker, fliegt regelmäßig aus den Staaten rüber nach Europa, er hat dort seine Auftritte, und sie begleitet ihn oft und gerne. Nur nach Deutschland möchte sie keinen Schritt tun, schon gar nicht nach Hamburg – sie hat ihre einstige Heimatstadt nicht wieder besucht, seit sie nach dem gewaltsamen Tod ihres Vaters im KZ Sachsenhausen im Januar 1939 über London nach New York emigrierte, und das soll auch so bleiben.

Bis sie in den frühen 80er-Jahren doch mit nach Hamburg fährt und vom Hotel aus allein einen Ausflug in ihr einstiges Wohnviertel wagt. Doch sie findet sich nicht zurecht, sie findet keinen der ehemals vertrauten Orte wieder und offenbar will ihr keiner der Passanten, die sie fragend anspricht, helfen. Verstört kehrt sie bald zurück ins Hotel, erst dort findet sie wieder Ruhe.

Lebensgeschichten Die Geschichte von Hilde Rotenberg und die ihrer Eltern ist in dem neuen Sammelband Aus Hamburg in alle Welt – Lebensgeschichten jüdischer Verfolgter aus der »Werkstatt der Erinnerung« enthalten.

Der Band wagt eine vorsichtige Analyse sowie einen Rück-, aber auch Ausblick über das Besucherprogramm der Stadt Hamburg, mit dem diese ehemalige Hamburger Juden zu einem Besuch an die Elbe einlädt.

Eigentlich gibt es dieses Programm seit Anfang der 60er-Jahre – doch es dauerte nahezu 30 Jahre, bis aus dem bloßen Verschicken von Bildbänden und dem gelegentlichen Vermitteln von Konzert- oder Opernkarten an ehemalige Hamburger, die auf eigene Initiative die Hansestadt besuchten, ein reguläres Besuchsprogramm wurde.

Das klammert der Band leider aus – und konzentriert sich auf die Erfolgsmomente: etwa auf das Entstehen der »Werkstatt der Erinnerung«, eine Art Zeitzeugenarchiv, das in den vergangenen Jahren aufgrund der vielen Interviews entstand.

Doch was geschieht mit dem Besuchsprogramm, wo doch die Gruppe der einst Überlebenden Jahr für Jahr kleiner wird? Nachdem schon seit 2001 verstärkt ehemalige Zwangsarbeiter, die in Hamburg während der NS-Zeit schuften mussten, eingeladen wurden, begrüßt Hamburg mittlerweile die Angehörigen der zweiten und allmählich auch der dritten Generation der Ehemaligen.

Einladung Eine Entscheidung, die bei der Historikerin und Leiterin der Werkstatt der Erinnerung, Linde Apel, auf große Zustimmung stößt: »Ich finde es sehr beeindruckend, wie positiv die zweite Generation auf dieses Programm reagiert – jetzt wo sie explizit eingeladen wird.

Vorher waren sie nur als Begleitpersonen dabei. Es ging aber immer nur um die Erlebnisgeneration.« Und Apel erinnert sich daran, dass bei dem heute schon traditionellen Frühstück mit Vertretern des Senats, mit dem der Hamburgbesuch beginnt, die Vertreter der zweiten Generation lange nicht die Möglichkeit bekamen, sich persönlich vorzustellen und eigene Fragen und Wünsche anzubringen: »Dabei ist es ungeheuer wichtig, dass man auch ihnen einen Rahmen gibt, damit sie sich mit einer Heimat, die nicht ihre ist, beschäftigen können.«

So erging es etwa den Geschwistern Anthony und Lara von Hirschfeld, die nach dem Tod ihres Vaters, der als 19-Jähriger Hamburg im Winter 1936 verlassen musste und nach Südafrika ging. Als sie in die ihnen völlig fremde Stadt kamen, stellten die Geschwister erst fest, wie wenig ihnen ihr Vater über seine Lebensjahre in Hamburg erzählt hatte und wie sehr dieses Nichtwissen zugleich ihr eigenen Leben prägte und womöglich für eine ganz eigene Art der Entwurzelung sorgte.

Linde Apel bewertet daher das Besuchsprogramm positiv: »Auch wenn es Hamburg darum geht, sich als moderne weltoffene Stadt zu präsentieren, die mit der Aufarbeitung ihrer dunklen Vergangenheit vorbildhaft umgeht, hat das Besuchsprogramm nicht nur den Effekt von Imagepflege: Es wird die Geschichte derer, die damals Hamburg verlassen mussten, anerkannt.«

Hilde Rotenberg ist übrigens noch ein zweites Mal nach Hamburg gekommen: Diesmal auf Einladung des Senats, und sie konnte nun begleitet werden, in aller Ruhe die Stätten ihrer Kindheit auffinden und traf eine alte Schulfreundin wieder. Mit ihr konnte sie wichtige Erinnerungen auffrischen. So wurde dieser Besuch bei allem Schmerz und aller Trauer, die er auslöste, ein kleiner Erfolg.

Aus Hamburg in alle Welt – Lebensgeschichten jüdischer Verfolgter‚ Werkstatt der Erinnerung, Hrsg.: Linde Apel, Klaus David, Stefanie Schüler-Springorum, Dölling und Galitz, München-Hamburg 2011, 256 Seiten, 19,90 €

Hilfe

Wärme schenken

Die Mitzwe Makers unterstützen mit der »Warmnachten«-Aktion obdachlose Menschen in der kalten Jahreszeit mit Sachspenden

von Esther Martel  04.02.2026

Podcast

Von Adelheid bis Henriette

Journalisten und Historiker gehen dem Leben jüdischer Frauen im 19. und 20. Jahrhundert nach

von Katrin Richter  04.02.2026

Umwidmung

Kein Zeitplan für Yad-Vashem-Straße in Berlin

Nach der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem soll ein Straßenabschnitt im Herzen von Berlin benannt werden. Bislang ist unklar, wann dies erfolgt

 03.02.2026

Tu Bischwat

Erste Blätter

Wie stellen sich jüdische Kinder das Neujahrsfest der Bäume vor? Wir haben einige Mädchen und Jungen gebeten, für uns zu malen

 02.02.2026

Berlin

Lehrerin und Heimatforscher mit Obermayer Awards ausgezeichnet

Seit dem Jahr 2000 verleiht die US-amerikanische Obermayer-Stiftung jährlich einen Geschichtspreis an Heimatforscher und Gedenk- und Aufarbeitungsprojekte in Deutschland. In diesem Jahr wurden vier Personen und eine Initiative geehrt

 01.02.2026

Porträt der Woche

Willkommen zu Hause

Laurette Dassui wuchs in Paris auf und entdeckte in Berlin ihr Jüdischsein neu

von Gerhard Haase-Hindenberg  01.02.2026

München

Wege aus dem Hass

Der amerikanisch-israelische Psychologe Dan Ariely und Guy Katz sprachen im »Prof-Talk« über Antisemitismus aus unterschiedlicher Perspektive

von Esther Martel  31.01.2026

Politik

Aus ihren Leben

Die Ausstellung »An eine Zukunft glauben ...« stellt jüdische Biografien der parlamentarischen Gründergeneration vor

von Katrin Richter  30.01.2026

München

Brandstifter von jüdischem Altenheim 1970 womöglich ermittelt  

56 Jahre nach einem Anschlag auf ein jüdisches Altenheim in München verdächtigen Ermittler nun einen schon verstorbenen Neonazi. Was sie auf dessen Spur führte

von Hannah Krewer  30.01.2026