Nachruf

Unternehmungslustig und zugewandt

Senek Rosenblum sel. A. (1935–2022) Foto: privat

Jeder einzelne Schoa-Überlebende hat eine dramatische Geschichte. Doch nicht jeder konnte darüber sprechen oder sie gar aufschreiben. Senek Rosenblum konnte es, und so wird sein Memoir Der Junge im Schrank. Eine Kindheit im Krieg ein dauerhaftes Zeugnis bleiben, wie ein kaum Siebenjähriger im Winter 1942 ins Warschauer Ghetto geriet und diese Todesfalle dank seines Vaters wieder verließ.

Der Junge hatte viele Namen: Aus Senon (Jiddisch: Selig) wurde in Polnisch Senek und nach der Auswanderung nach Amerika kurz Zac. Auch über die Nachkriegszeit in Deutschland und in den Vereinigten Staaten hatte Rosenblum viel zu erzählen. Die Veröffentlichung dieses Teils seines Lebens sollte jedoch ein unerfüllter Wunsch bleiben.

flucht Geboren wurde Senek Rosenblum am 23. Dezember 1935 in Žychlin nördlich von Lodz. Als sein Vater nach dem Krieg mit ihm dorthin zurückkehrte, mussten sie feststellen, dass sie als Einzige von rund 1500 Juden des Ortes überlebt hatten. Für den tatkräftigen Vater, der im Ghetto als Schmuggler an der Mauer gearbeitet und durch seine Kontakte zur polnischen Seite die lebensrettende Flucht aus der Todesfalle des Ghettos eingefädelt hatte, gab es keinen Grund zu bleiben. Er ging nach Westen, und so kam Senek Rosenblum mit zehn Jahren in München an.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er lediglich zwei Monate Schulunterricht gehabt, dafür aber Erinnerungen an eine Odyssee durch Polen, den Verlust seiner Mutter, das Leid im Warschauer Ghetto und monatelanges Ausharren in der Obhut bezahlter polnischer Helfer – dem Hunger, der Bombardierung und Denunziantentum ausgeliefert, bis sein Vater wieder auftauchte.

Zu seinen besonderen Fähigkeiten zählte er selbst sein gutes Gedächtnis und seine Sprachbegabung.

Rosenblum, ein schmaler, flinker Mann, konnte sehr lebendig erzählen. Zu seinen besonderen Fähigkeiten zählte er selbst sein gutes Gedächtnis und seine Sprachbegabung. Das eine war für ihn oft schwer erträglich, denn seine Erinnerungen an »ein Leid, das ein kleines Kind gar nicht deuten kann«, blieben allgegenwärtig.

versteck Für jemanden, der zu lange versteckt in einem Schrank hatte ausharren müssen, war es schier unmöglich, ruhig im neu gegründeten »Hebräischen Gymnasium« zu sitzen. Lieber spielte er in Milbertshofen, wo damals keine anderen jüdischen Familien wohnten, Fußball mit deutschen Gleichaltrigen. So kam zu Polnisch, Jiddisch und Schul-Hebräisch Straßen-Bayerisch hinzu.

Noch keine 20 Jahre alt, zog es Rosenblum zu Verwandten nach New York. Englisch beherrschte er dank seiner Kontakte zu GIs und dem Militärrabbiner in München. Auf die Frage, was er machen wolle, meinte er: »Ich kann gut Witze erzählen«, darauf sein Onkel: »Witze erzählt jeder Zweite in New York.«

Also arbeitete Senek, den man nun Zac rief, als Chauffeur und Bauarbeiter, bis er zum Militär musste und 1956 nach dem Ungarn-Aufstand nach Deutschland, und zwar nach Regensburg, geschickt wurde. 1959 kehrte er wegen des erkrankten Vaters endgültig zurück.

Finanzielle Rettung bot ein Vertrag als Profifußballer beim Verein 1860 München mit einem Monatsgehalt von 150 D-Mark. Später reüssierte er im Beruf des Vaters, als Kaufmann. Seiner Familie und seinen Freunden wird Senek Rosenblum, der am 4. Dezember in München verstarb, als der unternehmungslustige und zugewandte Mensch in Erinnerung bleiben, der er viele Jahrzehnte lang gewesen war.

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