Charlottenburg

»Unsere Identität stärken«

Isidoro Abramowicz (l.), Sängerin Solomia Lukyanets (M.) und Klavierlehrerin Natalia Gutman (r.) mit jungen Sängerinnen bei der Chorprobe im Kidduschraum der Synagoge Pestalozzistraße Foto: Uwe Steinert

Herr Abramowicz, Sie haben in Berlin einen jüdischen Kinder- und Jugendchor gegründet. Er ist ein Gemeinschaftsprojekt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, des Jugendzentrums Olam und der Synagoge Pestalozzistraße. Was hat Sie motiviert, den Gemeindechor auf die Beine zu stellen?
Für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist Musik wichtig. Zum Beispiel für die Sprache. Aber die Sänger und Sängerinnen sollen natürlich auch mit unserer Tradition verbunden werden. Und da denke ich, dass es eine wunderbare Sache ist, einen Chor der Jüdischen Gemeinde zu haben, der möglichst viele Kinder und Jugendliche mit einbindet und der unsere Traditionen auch repräsentiert. Mit das Wichtigste ist dabei, dass wir mit der Musik zusammenwachsen.

Mit welchen Liedern sind Sie selbst groß geworden?
Überwiegend mit hebräischen. Zu Hause hatten wir in meiner Kindheit Vinyl-Platten von israelischen und chassidischen Festivals. Als meine Eltern das Haus verließen, um zur Arbeit zu gehen, habe ich die Platten ohne Erlaubnis aufgelegt, denn es war eine teure Anlage, und ich durfte sie nicht anschalten. Aber als Kind liebte ich die Musik so sehr, dass ich sie einfach hören musste.

Wie sind Sie dann später zum Gesang gekommen? Dank der Platten, oder waren Sie selbst auch in einem Chor?
Als Kind habe ich viel musiziert, immerhin spielte ich Gitarre und Akkordeon. In der Schule haben wir gesungen. Aber erst als junger Erwachsener habe ich im Chor angefangen. Schnell merkte ich, dass ich besser werden wollte, und nahm Gesangsunterricht. Da wurde mir klar, dass Musik mich immer begleiten wird.

Welche Literatur wird in dem neuen Gemeindechor angestimmt?
Es können hebräische, jiddische und liturgische Stücke sein. Es gibt vorhandene Werke, aber dann wollen wir auch Komponisten beauftragen, neue zu schreiben. Also: Lieder für uns. Die Proben finden derzeit montags und donnerstags in der Synagoge Pestalozzistraße statt. Alle Kinder im Alter von acht bis 16 Jahren sind eingeladen, bei uns mitzumachen.

Werden auch Popsongs gesungen?
Ja, klar. Wir sind für alle Zeiten und Genres offen. Wir wollen nur, dass wir die Identität nicht verlieren. Das liegt uns am Herzen. Es können Werke sein, die mit den Sprachen zu tun haben, also beispielsweise Jiddisch oder Hebräisch. Aber auch Ladino. Bei unserem bislang für Dezember geplanten Konzert – falls die Corona-Lage es zulässt – werden wir auf Deutsch, Jiddisch, Hebräisch und Ladino singen. Die Lieder sind ein- bis dreistimmig.

Wie laufen die Proben bislang ab?
Wir fangen mit Einsingen an, dazu gehört auch etwas Gymnastik, um die Muskeln aufzuwärmen.

Unter welchen Bedingungen darf ein Chor angesichts der derzeitigen Pandemie-Lage zusammenkommen und singen?
Wir sind froh, dass die Proben derzeit noch möglich sind. Hinzu kommt: Ein Teil der Kinder ist bereits geimpft. Sie werden zudem in der Schule dreimal pro Woche getestet. Wir gehen natürlich mit größtmöglicher Vorsicht und im Einklang mit den Regeln des Berliner Senats an die Proben und das geplante Konzert heran. Das heißt: Abstand, Maske und geltende Hygienebestimmungen. Wie es mit der Pandemie weitergeht, wissen wir alle nicht. Wir hoffen, dass wir die Proben fortsetzen können, denn das Singen und die Gemeinschaft tun allen gut.

Es gibt Erwachsene, die von sich behaupten, dass sie nicht singen können. Kann man es lernen?
Singen ist eine Frage des Trainings. Für Erwachsene, die noch nie oder wenig gesungen haben, kann es durchaus schwierig sein, aber auch sie können sich wirklich entwickeln. Es gibt Kinder, die von sich sagen, dass sie die Melodie nicht halten können oder die Töne unsauber intonieren. Das kommt mitunter daher, dass deren Musiklehrer oder Musiklehrerin das behauptet hat. Das finde ich schade, denn es gibt keine Kinder, die nicht singen können. Es gibt nur einige, die mehr daran arbeiten müssen.

Wie steuern Sie dagegen? Was wollen Sie den Kindern vermitteln – außer der Musik?
Was wir versuchen, ist, allen Kindern eine Möglichkeit zu geben, sich zu entwickeln und ihr Potenzial zu entfalten – nicht nur musikalisch, auch, was das Selbstwertgefühl angeht. Und da machen wir auch eine gezielte Arbeit mit denjenigen, die mehr Bedarf haben. Jeder kann kommen.

Wer unterstützt Sie bei den Proben?
Ich habe einen Pianisten und eine Sängerin an meiner Seite. Wir arbeiten mit viel Spaß, wollen aber auch ein hohes Niveau erreichen.

Welches Feedback haben Sie bisher bekommen als Chorleiter? Fühlen sich die Kinder und Jugendlichen nach dem Singen besser?
Das hoffe ich sehr! Die Kinder sind jedenfalls mit einem großen Lächeln nach Hause gegangen und haben uns ein gutes Feedback gegeben. Und: Sie kamen wieder – das ist das beste Zeichen.

Wann ist das erste Konzert des neuen Kinder- und Jugendchores?
Unser erstes Konzert geben wir anlässlich von Chanukka an diesem Donnerstag um 18 Uhr in der Synagoge Pestalozzistraße. Es ist eine Kooperation zwischen der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, dem Jugendzentrum Olam und der Synagoge Pestalozzistraße. Unsere Kinder werden zusammen mit einem Kinderchor aus Polen auftreten, dem Don Dir Don unter der Leitung meines Kollegen Dariusz Dyczewski. An der Orgel begleitet uns Jakub Stefek, am Klavier Monika Walczukiewicz und Natalia Gutman. Das wird etwas ganz Besonderes sein – gerade in diesen Zeiten. Wir wollen den Menschen mit dem Chanukka-Konzert ein wenig Freude und Hoffnung geben.

Mit dem Kantor und Musikdirektor der Synagoge Pestalozzistraße und Leiter der Kantorenausbildung am Abraham Geiger Kolleg in Potsdam sprach Christine Schmitt.

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