Frankfurt am Main

Unbürokratisch und unkompliziert

Vorbereitungen für die gemeinsame Schabbatfeier Foto: privat

Frankfurt am Main

Unbürokratisch und unkompliziert

Das Willkommenszentrum der Jüdischen Gemeinde steht allen Geflüchteten und Helfern offen

von Leon Stork  25.08.2022 11:12 Uhr

Es ist Freitagnachmittag, Kinder spielen unter der großen Kastanie im Hof des Willkommenszentrums der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main im Nordend. Währenddessen laufen in der Küche die Vorbereitungen für die gemeinsame Schabbatfeier bereits auf Hochtouren. Die Feier erinnere sie an das Gemeindezentrum in ihrer Heimat in Odessa, erzählt Nathalia, 54, die gemeinsam mit ihrem Sohn vor dem Krieg in der Ukraine fliehen musste.

Von Odessa aus führte ihr Weg zuerst nach Moldawien, in dem Glauben, der Krieg werde schnell beendet sein: »Ich war mir sicher, dass nach einer Woche die Mütter der russischen Soldaten auf die Straße gehen würden, mit der Forderung, den Krieg zu beenden. Nach einer Weile wurde mir jedoch klar, dass das nur mein Traum war. Deshalb sind wir in einen Bus gestiegen, der nach Deutschland fuhr, und sind schließlich in Frankfurt angekommen.«

Veranstaltungen Seit nunmehr April werden in den Räumen der ehemaligen Kindertagesstätte die verschiedensten Kurse und Aktivitäten für jüdische Geflüchtete aus der Ukraine angeboten.

»Ein Gemeindemitglied hat uns die Flächen bis Jahresende kostenfrei zur Verfügung gestellt, und so haben wir im April fast über Nacht in einer wirklich unkomplizierten, unbürokratischen Art und Weise ein Willkommenszentrum eröffnet, die Räume gestrichen und Möbel rübergebracht. Viele Gemeindemitglieder haben dabei geholfen und gespendet, das freut uns ganz besonders«, berichtet Benjamin Graumann, Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde.

»Viele Mitglieder haben dabei geholfen und gespendet.«

Benjamin Graumann, Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde

So unbürokratisch und unkompliziert wie die Eröffnung des Willkommenszentrums ist auch das Angebot. Ohne größere Hürden kann sich hier jeder so einbringen, wie er oder sie es möchte. Von Deutschkursen mit begleitender Kinderbetreuung über Sport-, Mal- und Tanzkurse sowohl für Kinder als auch Erwachsene reicht das Angebot bis hin zu Führungen in Frankfurter Museen oder gemeinsamen Ausflügen. Auch die gemeinsame Schabbatfeier findet heute bereits zum dritten Mal statt. Neben diesen wiederkehrenden Veranstaltungen gehören auch besondere Events, wie eine Aufführung des Frankfurter Puppentheaters oder der für Anfang September mit Essensständen und Kinderflohmarkt geplante Zimmes Markt, zum Programm des Willkommenszentrums.

Zurechtkommen »Pro Tag finden so etwa zwischen 40 und 50 Besucher den Weg zu uns, manchmal sind es aber auch mehr«, erzählt Yana Petrova, Leiterin des Willkommenszentrums.

Sie selbst ist vor etwas mehr als drei Jahren mit ihrem Mann und den beiden Kindern aus Charkiw im Osten der Ukraine nach Frankfurt gezogen, und zwar aus Angst vor einem bevorstehenden russischen Angriff.

Für die Menschen im Willkommenszentrum ist Petrova die wichtigste Ansprechpartnerin. Egal ob es um persönliche Probleme oder um das Zurechtkommen mit der deutschen Bürokratie geht, für alles hat sie ein offenes Ohr.

Es dürfte nicht zuletzt Petrovas Verdienst sein, dass trotz der schwierigen Umstände, unter denen die meisten Besucher des Willkommenszentrums leben, ein starkes Gemeinschaftsgefühl spürbar ist. Viele haben noch keine eigene Wohnung und sind in Hotels untergebracht. Auch die Anerkennung von in der Ukraine erworbenen Abschlüssen in Deutschland bereitet zahlreiche Probleme.

Gelegenheit Eine große Hilfe seien daher die im Willkommenszentrum angebotenen Deutschkurse, bemerkt eine ältere Teilnehmerin nach dem Ende des Deutschunterrichts. Es fühle sich »nicht wie eine Pflichtveranstaltung an«, fügt sie hinzu, und ein weiterer Teilnehmer ergänzt, wie dankbar sie darüber seien, nicht nur im Hotel bleiben zu müssen.

Man freue sich sehr über die Gelegenheit, an verschiedenen Aktivitäten teilnehmen zu können. Petrova erklärt, dass es gerade für die vielen Senioren nicht ganz einfach sei, sich in den von offiziellen Stellen angebotenen Sprach- und Integrationskursen zurechtzufinden, gerade hier helfe das Angebot des Willkommenszentrums ungemein.

Erfahrungen Doch auch für die jüngeren Besucher ist das Willkommenszentrum eine Anlaufstelle. Obwohl nicht viele Jugendliche in seinem Alter kommen, sei das Zentrum für ihn ein sehr wichtiger Ort geworden, so der 15-jährige Valerii: »Das Willkommenszentrum ist zum Teil meiner Familie in Deutschland geworden. Auch mit den Älteren kann ich hier Erfahrungen austauschen, das hilft.« Und der zwölfjährige Vova erzählt: »Als ich nach Deutschland gekommen bin, hatte ich nicht so viele Freunde, aber dann, als das Willkommenszentrum geöffnet hat, habe ich hier viele neue Menschen kennengelernt.«

Mittlerweile ist es Abend geworden, und der Beginn des Schabbats steht kurz bevor. In dem Raum, in dem sonst die Deutschkurse oder andere Aktivitäten stattfinden, ist bereits eine lange Tafel aufgebaut worden, bestückt mit Essen und koscherem Wein. Zur Vorspeise gibt es Olivje – eine Art Kartoffelsalat –, gekochte Rote Bete mit Preiselbeeren, Auberginen-Kaviar sowie gesalzenen Hering und Lachs.
Als Hauptgang gibt es Hähnchenkeulen mit Pilzen, zum Dessert Fruchtsorbet und Kuchen. Hinter dem Menü steckt Irina, 44, die »Hauptperson« des Abends, wie Petrova zu berichten weiß. Auch sie kommt aus Odessa, wo sie im Jüdischen Gemeindezentrum Migdal aktiv war.

Das Zentrum ist ein Stück Zuhause für die Menschen aus der Ukraine.
Das Gemeindeleben dort ist für Irina eine Art Vorbild für das Schabbatessen im Frankfurter Willkommenszentrum. »Wir alle haben hier neue Leute kennengelernt«, resümiert sie zufrieden. »Daraus sind Freundschaften entstanden. Generell herrscht ein großes Vertrauen untereinander.«

Miteinander Wie es nach dem Auslaufen der Zwischennutzung weitergeht, ist noch nicht geklärt. »Wir hoffen sehr, möglichst lange hier bleiben zu können«, bringt Daphna Baum die Stimmung auf den Punkt. »Auch würde es wirklich ungemein helfen, wenn die hier angebotenen Deutschkurse offiziell anerkannt werden«, so die Leiterin des jüngst eröffneten Familienzentrums der Jüdischen Gemeinde Frankfurt.
Das Willkommenszentrum soll ein »Zuhause weg von zu Hause« sein, fügt sie hinzu. Erlebt man das Miteinander dort, so steht außer Frage, dass sich alle über dieses Ziel einig sind.

9. Oktober 2019

Gedenken zum Jahrestag des Anschlags von Halle

Der antisemitische Anschlag von Halle jährt sich am Freitag zum siebenten Mal. Die jüdische Gemeinde, Kirchen, Stadt und zivilgesellschaftliche Gruppen planen Gedenkveranstaltungen auch an den Anschlagsorten

 08.10.2026

Frankfurt

Erst Rivalinnen, dann Freundinnen

Israelische Nachwuchsfußballerinnen aus sieben Jugenddörfern spielen gegen Makkabi

von Katja Sturm  08.10.2026

Münster

Rote Linien für die Roten

Bei einer Veranstaltung mit der Schoa-Überlebenden Eva Szepesi und Zentralratspräsident Josef Schuster verspricht Gregor Gysi, innerhalb der Linken klare Grenzen gegen Antisemitismus zu ziehen

von Stefan Laurin  08.10.2026

Tagung

Krisen der Gegenwart

Auf dem »Media TLV Summit« diskutierten Experten Fragen von Technologie und Krieg, Extremismus und Antisemitismus sowie die Rolle der Medien

von Luis Gruhler  07.10.2026

Programm

Musikalische Crossovers, Kontroverse, Krimi und Krav Maga: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 8. Oktober bis zum 14. Oktober

 07.10.2026

Solidarität

Das Leben wieder in den Griff bekommen

Angehörige der bei einem Raketenangriff in Majdal Shams getöteten Kinder besuchten die Kultusgemeinde München und Oberbayern

von Luis Gruhler  06.10.2026

Diskussion

»Wir wurden gehört«

Schüler und Studenten des Projekts »Meet a Jew« treffen CDU/CSU-Fraktionschef Thorsten Frei. Im Mittelpunkt stehen der 7. Oktober, persönliche Sorgen und Erfahrungen

von Christine Schmitt  06.10.2026

Porträt der Woche

»Ich bin einfach ich«

Persia Kantorovych hat eine jüdische Mutter und einen muslimischen Vater

von Annette Kanis  06.10.2026

Lesen

Die geblieben sind

Hanna Veiler beschreibt in »Jung, jüdisch, wütend« die Erfahrungen junger Jüdinnen und Juden mit Einsamkeit, Enttäuschung und Solidarität nach dem 7. Oktober. Ein Auszug

von Hanna Veiler  06.10.2026