Frankfurt

Triumph des Überlebenden

Festakt in der Paulskirche mit Familienangehörigen, Freunden und Kollegen Foto: Rolf Oeser

Am 2. Juni hätte er seinen 94. Geburtstag gefeiert. Doch Marcel Reich-Ranicki starb am 18. September vergangenen Jahres. Gestern nun hat die Stadt Frankfurt nach langer, sorgfältiger Vorbereitung in einer Gedenkveranstaltung in der Paulskirche des Literaturkritikers der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gedacht.

Und obwohl alle – Familienangehörige, Freunde, Kollegen und die zahlreichen Frankfurter Bürger, die zu dieser Feier gekommen waren – das Gefühl einte, dass »er fehlt«, dass seine unverkennbare Stimme im Kulturbetrieb schmerzlich vermisst wird, gab es auch heitere Momente bei diesem Gedenken.

So erzählte etwa FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, ein langjähriger Freund des Verstorbenen, dass es mittlerweile Anstecknadeln und Stoffpuppen mit dem Konterfei Reich-Ranickis gebe sowie eine Tragetasche, aus der beim Öffnen der Satz »Das ist gute Literatur« in seiner einmaligen Diktion ertöne.

Popstar Dass Marcel Reich-Ranicki im Alter fast wie ein Popstar gehandelt wurde, habe ihm »sehr gefallen«, versicherte Schirrmacher, wie auch der Umstand, dass es ihm und seiner Frau Tosia vergönnt war, ein hohes Alter zu erreichen. Es sei »der Triumph der Überlebenden gegenüber ihren nationalsozialistischen Verfolgern« gewesen, so der FAZ-Herausgeber.

Die in den USA lebende Autorin und Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger kann auf eine mehr als 40 Jahre währende Verbindung zu Reich-Ranicki zurückblicken. Sie würdigte dessen Verdienste um das Wiederaufleben der deutschsprachigen Literaturkritik, der er die Leidenschaft zurückgegeben habe: »Reich-Ranicki hat die deutschjüdische Symbiose nie angestrebt, er hat sie nie geliebt, aber in der Kritik hat er sie neu geschaffen.«

Anthologie Rachel Salamander, seit Kurzem Leiterin des Literaturforums der FAZ, sprach von der großen Aufgabe, die ihr übertragen wurde. Sie führt die von Reich-Ranicki begründete »Frankfurter Anthologie« der Lyrik weiter.

Um aus seinem übermächtigen Schatten heraustreten zu können, versuche sie, Änderungen einzuführen, um dieser Tradition ihre eigene Handschrift zu geben. Doch gleichzeitig schaffe sie es noch nicht, auch nur ein einziges Blatt Papier in Reich-Ranickis Büro an einen anderen Platz zu legen.

Andrew Ranicki, der Sohn, der mit seiner Familie aus Edinburgh angereist war, dankte der Stadt Frankfurt und allen Rednern für dieses ebenso würdige wie liebevolle Gedenken an seinen Vater. Zuvor hatte ihm Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann versprochen, dass »die Stadt alles Menschenmögliche tun werde, damit diese große Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts niemals vergessen wird«.

Lesen Sie hier die Rede von Ruth Klüger www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/19322

Sachsen-Anhalt

Drohungen gegen jüdische Studenten nach Aktion vor Synagoge

Eine Menschenkette hinderte den AfD-Politiker Tillschneider an der Teilnahme an einer Gedenkfeier in Halle. Das hat Folgen für die Studierenden

 16.10.2026

Frankfurt/ Main

Einst Provisorium, heute selbstbewusst

Zum 75. Jubiläum beleuchtet ein Almanach die Geschichte der jüdischen Gemeinde nach der Schoa, ihre inneren Konflikte und ihren Weg zu einem festen Platz in der Stadtgesellschaft

von Leon Stork  15.10.2026

Dresden

Tora-Projekt wird verlängert

Mitten in Dresden wird derzeit in aller Öffentlichkeit eine Tora-Rolle geschrieben. Das Projekt soll jüdisches Leben sichtbar machen. Die Schreiberin sitzt in einem gläsernen Pavillon

 14.10.2026

Gedenken

Vier Stolpersteine erinnern in Erfurt an Familie Rosenblüth

Ein Poesiealbum bewahrte die Erinnerung an eine jüdische Mitschülerin über Generationen. Am 9. November werden in Erfurt vier Stolpersteine für Sara Rosenblüth und ihre drei Töchter verlegt

 14.10.2026

Sachsen-Anhalt

Eine Woche voller Eklats

Nach der Wahl des Landtagspräsidiums bröckelt die »Brandmauer« in der CDU weiter. Das Gedenken in Halle bot einen Vorgeschmack auf ein Land unter AfD-Regierung

von André Anchuelo  14.10.2026

Meilenstein

Endlich Batmizwa

Unsere Autorin hatte vor Kurzem ihren großen Tag. Wie sie sich darauf vorbereitet hat, was ihr Dvar Tora war und wie das Motto ihrer Party lautete, das hat sie uns erzählt

von Madeleine Prinz  13.10.2026

München

Einstimmige Zwiesprache

Kunstexperte Konrad Bernheimer stellte seine Familiengeschichte zwischen Südamerika und Deutschland in Briefen an den Vater vor

von Vivian Rosen  13.10.2026

9. November

Bautzen erinnert an Novemberpogrome 1938

Der Bautzener Kornmarkt war Schauplatz der Novemberpogrome von 1938. Eine temporäre Installation soll am authentischen Ort an NS-Opfer erinnern

 13.10.2026

Berlin

Guy Katz mit Margot-Friedländer-Preis ausgezeichnet

Geehrt wurden neben dem Hochschullehrer, eine Europaschule und ein Projekt des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend

 13.10.2026