Cottbus

Traum vom eigenen Heim

In der Stadtmitte: Die Schlosskirche wäre ein ideales jüdisches Gemeindezentrum. Foto: dpa

Cottbus

Traum vom eigenen Heim

Gemeinde denkt über ehemalige Kirche als neues Gemeindezentrum nach

von Stefanie Hanus  12.07.2011 08:48 Uhr

Die Challot backt Galina Bibikova jeden Freitag nach einem Rezept aus ihrem Geburtsort Saratow für die jüdische Gemeinde Cottbus. Ab morgens um 11 Uhr steht die 43-Jährige in der Küche des Gemeindezentrums und bereitet den parve-Imbiss für rund 30 Personen zu, die den Schabbat-Beginn an der Spremberger Straße feiern. Der Gottesdienst findet eine Tür weiter den Gang hinunter statt: Auf zwei Mietshaus-Etagen verteilen sich Büros, die Küche und ein Gebetsraum.

Eine Synagoge gibt es in Cottbus nicht mehr, seit der 1902 eingeweihte Kuppelbau am 9. November 1938 in Brand gesetzt wurde. Als Gründungsjahr der ersten jüdischen Gemeinde gilt 1858. Bis zu den Nazipogromen lebten in der Stadt fast 500 Juden. Die Schoa überlebten in Cottbus zwölf Menschen: zwei, drei Ehepaare in interkonfessionellen Ehen und ihre Kinder.

Dort, wo das Gotteshaus einst seinen Platz hatte, steht heute ein Einkaufszentrum. »Pläne, eine neue Synagoge in Cottbus zu bauen, gab es schon lange«, erzählt Max Salomonik, der im Gemeindevorstand sitzt. Diese Pläne sind nun konkret geworden: Ende Juni ging die Gemeinde mit dem Wunsch an die Öffentlichkeit, einen Verein für den Neubau der Synagoge zu gründen und Geld zu sammeln.

Vorschlag Kurz darauf klingelte bei Max Salomonik das Telefon: »Die Superintendentin des evangelischen Kirchenkreises Cottbus hat uns den Vorschlag gemacht, die Schlosskirche zu kaufen und als Synagoge zu nutzen«, erzählt Salomonik. Das einstige hugenottische Gotteshaus wird seit 1974 von der Cottbuser Stadtmission als Begegnungsstätte genutzt. »Der Vorschlag ist gut, jetzt prüfen wir, ob er sich umsetzen lässt«, sagt Salomonik.

Vorteil sei, dass die hugenottische Architektur wenig christliche Symbolik aufweise, für eine Umwidmung somit geringerer Aufwand betrieben werden müsste. Zudem liegt die Schlosskirche nur gut 200 Meter vom Standort der einstigen Synagoge entfernt. Gegenüber dem ursprünglich geplanten Neubau dürfte der Erwerb der Kirche für die Gemeinde auch finanziell die günstigere Variante darstellen.

Lässt sich die Idee umsetzen, erhalten die Juden in Cottbus eine Präsenz im Stadtbild, die es in der Form seit 73 Jahren nicht mehr gab: Die Schlosskirche liegt direkt an der Haupteinkaufsstraße in der Fußgängerzone. Zum Gemeindezentrum führt dagegen ein Hofeingang, die Tür ist durch eine Sichtmauer verdeckt.

Unbekannt »Wir verstecken uns nicht, aber machen uns auch nicht so öffentlich«, sagt Max Salomonik. Selbst der in Städten wie Berlin und Düsseldorf obligatorische Polizist vor der Tür fehlt, lediglich eine Kamera ist auf den Eingang gerichtet. Auch wenn sich städtische Schulen zunehmend für den Kontakt mit der jüdischen Gemeinde interessierten, wüssten viele Cottbuser nicht einmal, dass es das Gemeindezentrum gibt, sagt Salomonik.

Sichtbar werden die jüdischen Cottbuser bei Anlässen wie dem jährlichen Multikulturellen Festival, wenn der Chor der Gemeinde jiddische Lieder präsentiert oder der Frauenverein israelische Tänze in folkloristischen Kostümen aufführt. Eine Rolle im Alltag spielt die Gemeinde für die rund 1.000 jüdischen Cottbuser: Ehrenamtliche unterrichten Hebräisch für Kinder oder geben Deutschkurse für Zuwanderer, helfen bei Amtsanträgen und Behördengängen. Der Frauenverein, den Yevgeniya Kotsan als Vorsitzende leitet, zählt mittlerweile rund 60 Mitglieder.

Kein Platz Mit Platz für rund 200 Gäste stünde der 1998 gegründeten Gemeinde, der zurzeit etwa 316 Mitglieder angehören, wären in der Schlosskirche Feste wie Chanukka möglich. »Bislang mussten wir einen geeigneten Raum außerhalb mieten, da im Saal des Gemeindezentrums nur rund 60 Personen fassen«, erklärt Max Salomonik. »Auch zu den Gottesdiensten möchten mehr Leute kommen, vor allem Ältere.« Barmizwa oder Batmizwa durfte die Cottbuser Gemeinde bislang noch nicht feiern, auch wenn es Anfragen gegeben habe. »Das ist derzeit nicht möglich«, sagt Salomonik.

Einen eigenen Rabbiner gibt es in Cottbus noch nicht. Der Ende vergangenen Jahres ernannte brandenburgische Landesrabbiner Shaul Nekrich ist auch für die Cottbuser Gemeinde zuständig. Den Schabbat-Gottesdienst halten dazu berechtigte Vorbeter der Gemeinde. Um die Kaschrut beim Einkaufen in den russischen Geschäften der Stadt und in der Küche zu befolgen, zieht Galina Bibikova die Koscher-Liste der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) zu Rate. »Vor allem die Älteren legen Wert darauf, auch wenn es für viele schwer ist, die Kaschrut zu Hause vollständig einzuhalten«, erzählt Bibikova.

Unabhängig davon, wann und wo in Cottbus künftig wieder eine Synagoge stehen wird, soll das Gemeindezentrum baulich aufgewertet werden: Es s gibt Pläne für einen Fahrstuhl und einen erweiterten Saal. »Die Stadt unterstützt uns«, sagt Max Salomonik. »Das war nicht immer so, Anfang 2000 hat niemand mit uns reden wollen.«

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