Berlin

Trauer um Inge Deutschkron

Inge Deutschkron sel. A. (1922–2022) Foto: Chris Hartung

Berlin

Trauer um Inge Deutschkron

Die Holocaust-Überlebende starb am Mittwoch im Alter von 99 Jahren

 09.03.2022 20:23 Uhr Aktualisiert

Die Holocaust-Überlebende Inge Deutschkron ist tot. Die Berliner Ehrenbürgerin starb am Mittwoch im Alter von 99 Jahren in Berlin, wie das Abgeordnetenhaus mitteilte.

Deutschkron war eine der bekanntesten Zeitzeuginnen und schrieb in ihrer gefeierten Autobiografie Ich trug den gelben Stern, wie sie den Terror der Nationalsozialisten überlebte.

JOURNALISTIN Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wohnte Deutschkron bis Mitte der 50er-Jahre in England, kehrte anschließend nach Deutschland zurück und arbeitete als Journalistin in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn – und berichtete für die israelische Zeitung »Maariw« unter anderem 1963 vom Frankfurter Auschwitz-Prozess.

1972 verließ sie aus Protest gegen anti-israelische Tendenzen abermals Deutschland. Erst 1988 kehrte die im brandenburgischen Finsterwalde geborene Deutschkron wieder nach Berlin zurück.

Das Internationale Auschwitz Komitee würdigte Inge Deutschkron als eine »Autorität der Menschlichkeit und der Erinnerung«.

Ungeachtet ihres Alters besuchte Deutschkron als Zeitzeugin unzählige Schulen und ermöglichte Begegnungen zwischen Holocaust-Überlebenden und Berliner Schülerinnen und Schülern. Zudem gründete sie den Förderverein »Blindes Vertrauen« und rief im Rahmen ihrer Stiftung zu Courage auf. 2013 hielt sie im Bundestag beim Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus eine bewegende Rede.

Reaktionen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erinnerte an dieses Ereignis: Ihre Rede »hat mich und viele andere Menschen tief berührt«, schrieb er in einer Mitteilung am Mittwoch. »Inge Deutschkron hat sich um unser Land, um ihr Land verdient gemacht. Wir werden sie niemals vergessen.«

Er würdigte ihren Einsatz dafür, dass »wir die richtigen Lehren aus den Verbrechen während des Nationalsozialismus ziehen«: »Trotz allem, was ihr von Deutschen angetan wurde, hat Inge Deutschkron sich nicht von Deutschland abgewandt.«

»Inge Deutschkron hinterlässt uns als ihr Vermächtnis die historische, gesellschaftliche und politische Pflicht, niemals zu vergessen, was ihr, ihrer Familie und Millionen europäischer Jüdinnen und Juden angetan wurde«, erklärte Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD). Das Internationale Auschwitz Komitee würdigte die Autorin als eine »Autorität der Menschlichkeit und der Erinnerung«.

Ihre Fähigkeit und ihr Wille, immer wieder ihre Geschichte und die Geschichte der Verfolgung so vieler jüdischer Menschen in der Nazizeit zu erzählen und an die zu erinnern, die diesen Menschen in ihrer Not geholfen hatten, beeindruckte Generationen von jungen Menschen zutiefst», betonte Christoph Heubner, Exekutiv Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees.

ZEITZEUGIN Deutschkron sei eine nachdrückliche Verteidigerin demokratischer Werte gewesen, sagte der Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses, Dennis Buchner (SPD). «Als Person war sie eine Inspiration und ging offen auf die Menschen, insbesondere auf Schülerinnen und Schüler zu», so Buchner.

Mit Deutschkron habe die Stadt eine bedeutende jüdische Zeitzeugin des nationalsozialistischen Terrors verloren. Sie habe immer wieder die Kraft aufgebracht, «ihre Geschichte zu erzählen und uns mit dieser wachzurütteln». Buchner betonte: «Wer Inge Deutschkron persönlich begegnen durfte, wird das nie vergessen. Wir trauern um eine starke Berlinerin.» dpa/epd/kna

Lesen Sie mehr in der kommenden Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen.

Meinung

»Boykottlisten« gegen »Zionisten«? Die 30er-Jahre lassen grüßen

Streit um eine Palästina-Halskette: Was wirklich im Berliner Café »The Barn« passierte, was das Café »Acid« damit zu tun hat und welche Rolle die Lokalpresse spielt

von Ayala Goldmann  08.05.2026

Andenken

Vier Schulen und mehrere Plätze nach Margot Friedländer benannt

Vor einem Jahr - am 9. Mai - starb die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer mit 103 Jahren. Für viele war sie ein Vorbild. Inzwischen tragen immer mehr Schulen, Straßen und Plätze ihren Namen. Eine Übersicht

von Karin Wollschläger  08.05.2026

Meinung

LMU München: Ein Abschiedsbrief an meine geliebte Alma Mater

Ein Liebesbrief aus Enttäuschung an eine Universität, die sich selbst zu verlieren droht

von Guy Katz  08.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 18 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Andenken

Berlin hat jetzt einen Margot-Friedländer-Platz

Bei der Einweihungszeremonie sagt Cornelia Seibeld (CDU), die Präsidentin des Abgeordnetenhauses, die »Herzkammer der Demokratie« habe nun eine neue Adresse

 07.05.2026

Deutschland

»Die Jüdische Allgemeine gehört einfach dazu«

Seit drei Generationen ist die Jüdische Allgemeine ein Kompass für die jüdische Welt. Prominente Leserinnen und Leser erzählen, warum ihnen die Zeitung wichtig ist

 07.05.2026

Jubiläum

Starke Stimme

Vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. Mehr denn je braucht es eine präsente und selbstbewusste jüdische Zeitung in Deutschland

von Philipp Peyman Engel  07.05.2026

Programm

Urbane Ästhetik, cineastische Architektur und späte Aufklärung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 7. Mai bis zum 14. Mai

 06.05.2026

Kino

Am Puls der Zeit

Gegen Polarisierung und Boykott: Das Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg will den Blick weiten

von Ayala Goldmann  06.05.2026