Mitzvah Day

Tikkun Olam geht alle an

»In diesen Zeiten ist sozialer Zusammenhalt schwieriger und zugleich so viel wichtiger als sonst.« Als der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, im November 2020 über die Bedeutung des »Mitzvah Day« in Zeiten der Pandemie sprach, war das Alltagsleben von Kontaktbeschränkungen und Lockdowns geprägt.

Und um den Hygieneregeln Genüge zu tun, war aus dem Mitzvah Day in Deutschland der Mitzvah Monat geworden, in dem, so Josef Schuster, ein Beitrag dazu geleistet werde, sich »vor allem um die Menschen zu kümmern, die besonders unter der Pandemie leiden«.

Damals gab es noch keinen zugelassenen Impfstoff gegen das Coronavirus. Und obwohl heute gleich mehrere Vakzine angeboten werden, steigen die Infektionszahlen momentan wieder drastisch an.

RESONANZ Niemand konnte vor einigen Wochen mit Sicherheit vorhersagen, wie die Situation im November aussehen würde, gleichwohl findet Kultur- und Kommunikationsreferentin Hannah Dannel, beim Zentralrat für den Mitzvah Day zuständig, die Aufgabe in diesem Jahr »einfacher«. Und erklärt: »Im letzten Jahr hatte ich wie die meisten Menschen viel mehr Fragen als Antworten, man wusste ja auch noch nicht so viel über das Virus wie jetzt.«

»Der Wunsch, etwas für andere zu tun, ist durch die Pandemie noch stärker geworden.«

Hannah Dannel

2020 sei sie im Übrigen von der Resonanz »positiv überrascht gewesen«. Die Pandemie hatte die teilnehmenden Gruppen nämlich nicht davon abhalten können, den Wohltätigkeitstag stattfinden zu lassen, der auf zentralen jüdischen Werten wie Gemilut Chassidim (Mildtätigkeit), Zedek (Gerechtigkeit) und vor allem Tikkun Olam (Verbesserung der Welt) beruht. Die Welt hatte es schließlich dringend nötig, ein bisschen besser gemacht zu werden.

ALTERNATIVEN »Viele Gruppen konnten ihre eigentlichen Pläne zwar nicht umsetzen«, erinnert sich Hannah Dannel, »aber statt einfach enttäuscht zu resignieren und nichts zu tun, dachten sie sich kleine, feine Alternativen aus.«

Deutschlandweit machten sich beispielsweise Mitglieder der jüdischen Sportvereinigung Makkabi zum »Plogging« auf: Das Wort steht für Jogging und gleichzeitige Aufsammeln von Müll. Schüler der Lichtigfeld-Schule in Frankfurt am Main lasen Geschichten auf Deutsch und Russisch vor, die aufgenommenen Audiodateien schickten sie an Bewohner eines jüdischen Altersheims.

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Andere Gruppen spendeten Blut, veranstalteten Hofkonzerte, organisierten Lebensmittel für Bedürftige. Für den Mitzvah Day 2021, der am 21. November stattfinden wird, haben sich schon rund 50 Gruppen angemeldet. »Manche nehmen mit gleich mehreren Projekten teil«, erklärt Hannah Dannel, »der Wunsch, zusammenzukommen und gemeinsam etwas für andere Menschen zu tun«, sei durch die Pandemie »noch stärker« geworden.

POSTKARTEN-SET Mit dabei sein werden dieses Jahr auch die Familien des Mischpacha-Programms, mit dem der Zentralrat junge jüdische Familien bis zum dritten Lebensjahr des Kindes mit Spielsachen, Ratschlägen und Informationen über jüdische Traditionen unterstützt.

In diesem Jahr enthielt das Chanukka-Paket auch eine spielerische Heranführung an den Mitzvah Day, ein Postkarten-Set zum Selbstgestalten, mit dem die Familie anderen Menschen eine Freude machen kann. Der entsprechende Hashtag in den sozialen Medien lautet #jedemizwezählt: Jede gute Tat zählt.

Beim Zentralrat freut man sich über kreative Ideen, »der Mitzvah Day soll ja ganz ausdrücklich nicht so sein, dass wir vorgeben, was geschieht, sondern die Gruppen entscheiden, was sie für Menschen in ihrer Community tun wollen«, betont Zentralratsreferentin Hannah Dannel.

Nach Europa gebracht hatte die Idee des Mitzvah Day die britische Autorin und Aktivistin Laura Marks. Sie hatte während eines USA-Aufenthalts an der »Temple Israel of Hollywood«-Synagoge einen solchen Tag erlebt, der allerdings jeweils von jüdischen Gemeinden individuell begangen wurde. Zurück in London, wandelte sie dieses Konzept um und startete »Mitzvah Day International«.

Zu den diesjährigen Initiativen gehören Pflanzaktionen und Müllbeseitigung in Parks.

Im Jahr 2012 initiierte der Zentralrat der Juden in Deutschland diesen jüdischen Tag der guten Tag auch hierzulande – mit großem Erfolg, mittlerweile nehmen mehr als 2000 Freiwillige daran teil. Unter dem Motto »Grünes Licht für Mizwes« wird 2021 übrigens auch etwas für die Umwelt getan, passend zu den aktuellen Diskussionen über den Klimawandel.

Dazu gehören Pflanzaktionen, bei denen zum Beispiel örtlichen Grünflächenämtern oder Initiativen geholfen wird, das Reinigen von Parks und Wäldern von Müll, aber auch die Herstellung von Futter für die im Winter in Deutschland bleibenden Vögel.

ANREGUNGEN Und das Allerbeste: Anmeldungen konnten noch bis vor einigen Tagen entgegen genommen werden, und alle konnten sich registrieren – von jüdischen Gemeinden und Organisationen über christliche und muslimische Institutionen bis hin zu Schulen und Unternehmen. Die Verbesserung der Welt geht schließlich alle an.

Lauder Tichon

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