Berlin

Das Schweigen brechen

Jocelyn B. Smith: »Traumatisches lässt sich nur im Dialog bewältigen.« Foto: oceanbar-records

Die Klänge des Orchesters sind verhallt. Gebannt richten sich die Blicke der Zuschauer im Haus der Kulturen der Welt gen Bühne. Mit aufrechtem Gang bahnt sich Jocelyn B. Smith den Weg durch Instrumente und Notenständer des Deutschen Symphonie Orchesters Berlin. Hinter den Musikern hat sich eine Gruppe von etwa 70 Mitwirkenden aufgebaut. Die schwarze Sängerin steuert einen alten Mann an und führt ihn behutsam zum Mikrofon. Mi‐
chael Schacht‐Dolgoruky ist unsicher auf den Beinen, doch an der Hand dieser Frau schafft er den Weg ins Rampenlicht. Sichtlich ergriffen lauscht der 90‐Jährige einem Gitarrensolo. Dann legt er eine Hand auf die Brust und erhebt seine zitternde Stimme. »Where can we go from this spirit?« Wohin führt uns dieser Weg?

Der Holocaust‐Überlebende singt mit zerbrechlicher Stimme und deutschem Akzent den Titelsong einer ungewöhnlichen Aufführung. Das Zeitzeugenkonzert am Mittwoch vergangener Woche ist der Höhepunkt eines Projekts, das Jocelyn B. Smith vor gut zwei Jahren ins Leben rief. Es geht um die Schrecken der deutschen Vergangenheit. »Traumatisches lässt sich nur im Dialog bewältigen«, sagt die Wahlberlinerin.

Sprachlosigkeit Vor 25 Jahren kam die gebürtige New Yorkerin nach Berlin. Im Gepäck trug sie ihre Erfahrungen aus einer warmherzigen Kultur, die sie aus den schwarzen Vororten gewohnt war. Bis heute kann sie nicht verstehen, dass es zwischen alten und jungen Deutschen kaum Austausch über die Tiefpunkte der Vergangenheit gibt. Diese Sprachlosigkeit befremdet sie. »Wir müssen endlich das Schweigen brechen«, fordert Smith und ergriff die Initiative.

Sie sammelte Geld und fand Mitstreiter. Die Berliner Zeitzeugenbörse vermittelte rund 30 Männer und Frauen, deren bewegte Biografien ein Spiegel der deutschen Geschichte sind: Juden, die dem Naziterror knapp entkommen und viele Jahre später in diese Stadt zurückgekehrt sind, oder Ostberliner, die am DDR‐Régime scheiterten. Über den Kreuzberger Chor Different Voices kamen Obdachlose und andere Berliner, die sich über das Singen näherkamen. Aus dem Kinderprojekt »We the Me in You« und von den Neuköllner Gropiuslerchen kamen Kinder und Jugendliche, die ihre große Zeit noch vor sich haben, zum Zeitzeugen‐Chor. Sie alle haben als Berliner eine gemeinsame Identität.

Emotionen Während der Aufführung wirft ein Projektor Zeitdokumente an die Wand. Die Zuschauer sehen Fotos von Berlin nach dem Krieg, vor dem Mauerfall und heute. Filmsequenzen von der KZ‐Gedenkstätte Ravensbrück wecken schmerzvolle Erinnerungen. Die Melodien, der gemeinsame Ge‐
sang und die Texte lösen Emotionen aus. Einige Stimmen des Chores werden bald für immer verstummen. Für Schacht‐Dolgoruky ist das Projekt die letzte Chance, mit seinem langen Leben und der Vergangenheit Frieden zu schließen.

Doch für Jocelyn B. Smith ist der Abend in Berlin erst der Auftakt. Schon bald will sie ihre Idee ins Ausland tragen – nach Polen oder Israel.

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