Lesung

Stammvater des jiddischen Romans

Erzählte jede Menge Geschichten hinter der Geschichte: Übersetzerin Susanne Klingenstein Foto: Marina Maisel

Als Stammväter der jiddischen Literatur gelten drei Schriftsteller: Mendele Moj­cher Sforim (eigentlich Scholem Jankew Abramowitsch), Jitzhak Lejb(usch) Peretz und Schalom Alejchem (eigentlich Schalom Rabinowitsch), der Abramowitsch den Titel »Sejde«, Großvater der jiddischen Literatur, verpasste und damit in diesem Trio zum »Enkel« avancierte. Von »Mendele, dem Buchhändler«, ein Pseudonym, das sich Abramowitsch volksnah selbst aussuchte, war vor langer Zeit bereits manches auf Deutsch erschienen.

Die Reisen Benjamins des Dritten, laut Klappentext »sein berühmtester Roman«, unter dem Echtnamen zu veröffentlichen und ihn damit quasi zur Entdeckung eines Unbekannten unter »den großen Autoren der europäischen Literatur« zu machen, ist etwas verwirrend.

Denn Mendele Moj­cher Sforim war schon vorher ein Klassiker; sein Namensträger ein aus ärmlichen Verhältnissen stammender, religiös gebildeter, pädagogisch fortschrittlich denkender und in der europäischen Literatur bewanderter, Hebräisch wie Jiddisch Schreibender. Seine Texte behandeln stets die bitteren Lebensumstände der jüdischen Bevölkerung und die Auswirkungen der Judenfeindlichkeit im zaristischen Russland.

Neuübersetzung Der Hanser-Verlag war gut beraten, für die Neuübersetzung von »Benjamins Reisen« die in Boston lebende Literaturwissenschaftlerin Susanne Klingenstein zu verpflichten. Sie veröffentlichte 2014 ein Standardwerk mit dem Titel Mendele der Buchhändler. Leben und Werk des Sholem Yankev Abramovitsh und war damit gut gerüstet, nicht nur die Reisen Benjamins des Dritten zu übersetzen, sondern auch spannende Anmerkungen zu biblischen und gesellschaftskritischen Anspielungen, zur Übersetzung und Entstehungsgeschichte dieses Romans zu liefern.

Klingensteins Auftritt im Jüdischen Museum wurde mit Spannung erwartet.

Insofern wurde Klingensteins Auftritt im Jüdischen Museum München, zu dem die Literaturhandlung, der Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur und das Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde im Dezember gemeinsam einluden – München steht im Ruf, ein Zentrum der jiddischsprachigen Community zu sein –, mit Spannung erwartet.

Und die Herausgeberin und Übersetzerin Susanne Klingenstein, die von Rachel Salamander vorgestellt wurde, sprühte tatsächlich vor Informationen und Geschichten hinter der Geschichte. In Abramowitschs fünftem Roman geht es um Benjamin und seinen Gefährten Senderl, nicht von ungefähr an Don Quijote und Sancho Pansa erinnernd, die der Enge ihres Dorfes entfliehen und damit von einem Schlamassel in den nächsten geraten.

Scholem J. Abramowitsch: »Die Reisen Benjamins des Dritten«. Carl Hanser, München 2019, 287 S., 28 €. Susanne Klingenstein: »Mendele der Buchhändler. Leben und Werk des Sholem Yankev Abramovitsh«. Harrassowitz, Wiesbaden 2014, 495 S., 29,80 €

Interview

»Alija machen ist wie vom Zehnmeterturm springen«

Sie haben Deutschland verlassen und sich für ein Leben in Israel entschieden. Was hat sie dazu bewogen? Ein Gespräch mit vier »Olim« über Zionismus, einen rastlosen Alltag und die Zukunft des Judentums in der Diaspora

von Joshua Schultheis  19.02.2026

Programm

Lesung, Erkundung, Abrechnung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 19. Februar bis zum 25. Februar

 19.02.2026

Jewrovision

Unterwegs zum Wettbewerb

Die Lieder stehen fest, die Proben laufen – Hunderte Kinder und Jugendliche in ganz Deutschland fiebern dem Mini-Machane und der Show Mitte Mai schon jetzt entgegen

von Christine Schmitt  19.02.2026

Ukraine-Hilfe

Viele Aufgaben – wenig Geld

Aufwendige Prüfverfahren, zahlreiche Überstunden und unsichere Finanzierung – die Israelitische Gemeinde nimmt auch vier Jahre nach Beginn des Krieges weiterhin Geflüchtete auf

von Anja Bochtler  19.02.2026

Potsdam

Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg und Levinson Stiftung vereinbaren enge Zusammenarbeit

Die Vereinbarung gilt als wichtiger Schritt, um akademische Forschung und rabbinische Ausbildung enger miteinander zu verzahnen und jüdisches Leben in Deutschland langfristig zu stärken

 18.02.2026

Brandenburg

Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde kritisiert Ministerium

Seit vielen Jahren versucht eine streng orthodoxe jüdische Gemeinde in Brandenburg, höhere staatliche Zuschüsse zu bekommen. Dafür werden auch immer wieder die Gerichte eingeschaltet

 18.02.2026

Jugendkongress

400 junge Juden treffen sich in Hamburg

»Strong. Jewish. Here.« - unter diesem Motto kommen rund 400 jüdische junge Erwachsene in Hamburg zu einem bundesweiten Kongress zusammen. Das Treffen soll ein besonderes Signal in politisch angespannten Zeiten sein

von Michael Althaus  18.02.2026

Dresden

Workshops für Polizisten

Der Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden und das Sächsische Innenministerium unterzeichneten einen Kooperationsvertrag

von Helmut Kuhn  17.02.2026

Thüringen

Landesgemeinde dringt auf Ehrung von Klaus Trostorff

Klaus Trostorff war Buchenwald-Häftling und leitete später die Mahn- und Gedenkstätte der DDR. Die Jüdische Landesgemeinde will ihm in Erfurt eine Straße widmen

 17.02.2026