Berlin

Sie setzen alle matt

Übung macht den Deutschen Meister: Einmal pro Woche wird in der Oranienburger Straße trainiert. Foto: Gregor Zielke

Das macht den vier Jugendlichen so schnell keiner nach. Dem schweren Start folgte der Mattangriff, dann eine grandiose Aufholjagd ab der dritten Runde und schließlich das alles entscheidende Duell im Finale. Für Leonid, Raphael, Elina und Sergii vom Berliner Schachverein TuS Makkabi Berlin war der Kampf um den deutschen Meistertitel eine Zitterpartie. Am Ende hat es gereicht. Mit einem Punkt Vorsprung gewannen die Berliner Schach-Makkabäer vor dem Hamburger SK die Deutsche Vereins-meisterschaft Ende vor wenigen Tagen in Magdeburg. Damit konnte die Jugendmannschaft ihren Titel vom vergangenen Jahr erfolgreich verteidigen.

Einen besseren Abschluss des alten Jahres konnte sich Trainer Grigori Gorodezki nicht wünschen. »Als wir 2009 zum ersten Mal den Titel geholt haben, war das schon ein Riesenerfolg. Und die Bestätigung dafür, dass sich das harte Training gelohnt hat«, schwärmt Gorodezki. Der Erfolg scheint ihm recht zu geben. Denn dass sich die Jugendmannschaft der unter 14-Jährigen auch 2010 gegen die insgesamt 20 besten Schachvereine aus ganz Deutschland durchgesetzt hat, ist auch das Verdienst der ehrenamtlichen Arbeit von Grigori Gorodezki. Innerhalb weniger Jahre haben er und sein Co-Trainer Marcos Kiesekamp das Makkabi-Team als besten Berliner Schachverein auch deutschlandweit und international etabliert.

Training Einmal in der Woche treffen sich die Schachtalente in ihrem Vereinslokal auf dem Hinterhof des Centrum Judaicum in der Oranienburger Straße, das ihnen die Jüdische Gemeinde zur Verfügung gestellt hat. Das grelle Licht und die akkurat aufgestellten Tische mit den vielen Schachbrettern und Computern verleihen dem kleinen schlichten Raum eine mathematische Strenge. Doch der Eindruck täuscht. Lebhafte Diskussionen, leidenschaftliche Blitzpartien, das Klicken der Schachuhren – keine Frage, hier ist Schach ebenso emotional wie überlegt, Kunst und Sport zugleich.

Von der fürsorglichen Hand zeugen auch die Fotos der Siegerehrungen an der Wand, allesamt liebevoll gerahmt. Gegenüber der Bilderwand stehen unzählige Pokale auf Bücherregalen. Die sorgfältig darin angelehnten Bücher mit Titeln wie Lehrbuch der Schachtechnik oder Schacheröffnungen liest heute jedoch keiner mehr. Stattdessen bereiten sich die Schachschüler per Mausklick auf die Turniere vor.

Das war zu Gorodezkis Zeiten noch anders. Der 54-Jährige, der 1992 als jüdischer »Kontingentflüchtling« aus Riga nach Berlin kam, hat schon als kleiner Junge Schach gespielt und dicke Wälzer zur Schachtheorie regelrecht verschlungen. »In Russland gehört Schach zur Kultur«, erzählt der Trainer, den alle nur liebevoll »Grischa« nennen. Ein Erbe, das er seinen Kindern auch in der neuen Heimat mit auf den Weg geben wollte. Als seine Tochter in die erste Klasse der Jüdischen Grundschule kam, stellte Gorodezki mit Erstaunen fest, dass Schach nicht angeboten wurde. Für den Schachüberzeugten undenkbar. Also kramte er kurzerhand seine alten Schachbretter aus Riga hervor und bot nachmittags Schachkurse für die Schüler an. Der Bedarf war groß. Hatten doch die Kurse nicht nur einen sportlichen, sondern auch einen sozial-integrativen Aspekt. Ein Grund, weshalb Gorodezki 1998 schließlich die Schachsektion von Makkabi gründete und ein Jahr später den jungen Marcos Kiesekamp als Einzeltrainer ins Boot holte.

Taktik »Schach macht Kinder stark«, davon ist Gorodezki überzeugt. Er fördert nicht nur Konzentration und Logik, sondern auch klares Denken in Stresssituationen. »Als meine Tochter ihre Abiturprüfungen schrieb, konnte sie gezielt Fehler korrigieren – so wie bei einer Schachpartie«, erzählt Gorodezki. Schach sei für ihn so etwas wie »Leben im Kleinformat«. Jeder Zug will wohlüberlegt sein, ebenso wie jeder Schritt im richtigen Leben. Und manchmal ist eben auch Spontaneität gefragt, wenn man mit Taktik nicht mehr weiterkommt.

Während Grischa Gorodezki über die Kunst des Schachspielens philosophiert, analysiert Co-Trainer Marcos Kiesekamp am Nachbartisch mit seinen Schülern Leonid Sawlin und Sergii Polatzkyi mögliche Strategien für das bevorstehende Turnier. Für den Bolivianer, der als Nachfahre deutsch-jüdischer Emigranten als Kind nach Berlin kam und an der Heinz-Galinski-Schule mittwochs einen Schachkurs anbietet, ist der Meistertitel noch aus einem anderen Grund ein Anreiz.

»Meine Eltern haben es sich nicht vorstellen können, dass in Deutschland jüdisches Leben wieder möglich sein könnte. Da ist es ein besonderes Gefühl, als jüdischer Verein deutscher Meister zu sein«, sagt er nachdenklich. »Schach soll vor allem Spaß machen«, betont Kiesekamp. Aber auch zum selbständigen Nachdenken anregen. Dass er ihre Ideen ernst nimmt, wissen seine Schüler zu schätzen. So wie Leonid Sawlin.

Talent Schach gehört für Leonid zum Alltag, seit er denken kann. Mit drei Jahren stellte er seine ersten Schachfiguren auf, mit fünf fing er an zu spielen und mit zehn fachsimpelte er bereits mit seinem Trainer über Rochade und Deckung des Bauern. Schachbesessen ist die ganze Familie, Vater, Mutter, Großvater. Doch Leonid spielt auch gern Fußball und Klavier. Er ist ehrgeizig, will eines Tages Schachgroßmeister werden, so wie sein Idol Magnus Carlsen aus Norwegen, der mit 20 Jahren derzeit auf Platz zwei der Weltrangliste des Internationalen Schachverbandes rangiert. Leonid hat alle Voraussetzungen dazu. Zum zweiten Mal in Folge Deutscher Meister – das kann sich sehen lassen.

Doch Wettkämpfe, Reisen, Computer, all das kostet Geld. Bislang hält sich Makkabi Schach mit Mitgliedsbeiträgen und Spenden über Wasser. Daher ist der jüdische Traditionsverein mehr denn je auf private Sponsoren angewiesen, um sein breites Angebot für alle aufrechterhalten zu können. Dann kommt der nächste Großmeister vielleicht eines Tages aus Berlin.

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