Nathan Peter Levinson

Sein Wort hatte Gewicht

Rabbiner Nathan Peter Levinson (1921–2016) Foto: Margrit Schmidt

Nathan Peter Levinson

Sein Wort hatte Gewicht

Der frühere Landesrabbiner wäre im November 100 Jahre alt geworden

von Ralf Balke  02.12.2021 08:31 Uhr

Amerikanischer Militärrabbiner, Landesrabbiner von Berlin sowie von Baden, Hamburg und Schleswig-Holstein – das sind nur einige der vielen Stationen in dem bewegten Leben von Nathan Peter Levinson, der dieser Tage 100 Jahre alt geworden wäre. Grund genug für den Deutschen Koordinierungsrat (DKR), den Dachverband der rund 80 Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit (GCJZ), einen Blick zurück auf die Biografie jenes Mannes zu werfen, der im Dialog zwischen Juden und Christen im Deutschland der Nachkriegszeit eine Schlüsselrolle einnehmen sollte.

Dass dies keine Selbstverständlichkeit war, darauf verwies Rabbiner Andreas Nachama bereits zu Anfang des Zoom-Gesprächs mit Torsten Lattki, DRK-Studienleiter für den interreligiösen Dialog und gegen Antisemitismus, das anlässlich des 100. Geburtstags von Levinson stattfand. »Schließlich konnte er erst in sprichwörtlicher letzter Minute aus Deutschland fliehen und in die Vereinigten Staaten emigrieren.«

PIONIER In Cincinnati ließ sich der ehemalige Schüler von Leo Baeck dann am renommierten Hebrew Union College zum Rabbiner ausbilden und kehrte auf Wunsch der World Union for Progressive Judaism 1950 in seine Geburtsstadt Berlin zurück, wo er bis 1953 als Landesrabbiner wirken sollte. »Levinson kam aus der heilen Welt in Amerika in diese merkwürdige Welt der geteilten Stadt mit ihren Besonderheiten des Ost-West-Konflikts.«

Nach einigen Jahren als amerikanischer Militärrabbiner in Japan siedelte Levinson 1961 nach Heidelberg über, wurde Landesrabbiner von Baden, Hamburg und Schleswig-Holstein. »Damit begann seine wirkliche Tätigkeit im Nachkriegsdeutschland«, wie Rabbiner Andreas Nachama, der Levinson persönlich viele Jahre eng verbunden war, zu berichten weiß. »Und das nicht nur als rasender Rabbiner, der gerne mit schnellen Autos über die Autobahnen zwischen Konstanz und Hamburg durch die Republik brauste, um seine zahlreichen Gemeinden zu betreuen.«

»In diese Zeit fielen ebenfalls Levinsons Aktivitäten als Pionier des beginnenden jüdisch-christlichen Gesprächs nach der Schoa«, wie es Lattki auf den Punkt bringt. »Und zwar für nahezu 20 Jahre, die er als jüdischer Präsident des Deutschen Koordinierungsrats fungierte.«

VERDIENST Auch in dieser Funktion hatte Nathan Peter Levinson tief in die Gesellschaft hineingewirkt. »Denn sein Wort hatte stets Gewicht«, so Nachama. »Er war, wie es auch Zentralratspräsident Josef Schuster anlässlich des Todes von Levinson 2016 in seinem Nachruf ausdrückte, trotz der schrecklichen Erfahrungen in der Nazi­zeit jemand, der mit großer Offenheit einen Weg zwischen Juden und Christen angebahnt hatte. Genau das ist sein Verdienst.«

Levinson verkörperte eine Mischung aus höchster wissenschaftlicher Gelehrsamkeit, aufgeklärter Liberalität und jüdisch-traditionellem Wissen.

Levinson verkörperte eine Mischung aus höchster wissenschaftlicher Gelehrsamkeit, aufgeklärter Liberalität und jüdisch-traditionellem Wissen. Damit stand er stellvertretend für eine ganze Rabbinergeneration, die sich dem Geiste Leo Baecks verpflichtet fühlte.

Vor diesem Hintergrund war es ihm wichtig, Wege zu sondieren, wie Juden und Christen zusammenfinden können, beispielsweise in gemeinsamen Andachten. Auf diese Weise wollte er zeigen, welche Gemeinsamkeiten es zwischen beiden Religionen gibt, und wo man sich der Unterschiede auf jeden Fall bewusst sein sollte.

AGENT »Die Scheu vor dem anderen überwinden, und das weniger in der Theorie, sondern in der Praxis«, skizziert Andreas Nachama die Intentionen für Levinson nachhaltiges Engagement. »So sah auch sein Verständnis von der ganz konkreten Arbeit der Gesellschaften für christlich-jüdisch Zusammenarbeit aus. Gemeinsam sollte man sich gegen Antisemitismus und für mehr Bildung einsetzen.«

Als Vorsitzender der Rabbinerkonferenz setzte sich Levinson selbstverständlich auch mit anderen theologischen Fragen auseinander. »Und er hat immer für ein modernes Judentum geworben und bereits damals Frauen dazu ermuntert, Rabbinerin oder Kantorin zu werden«, berichtet Andreas Nachama. »Levinson war ein Agent für das jüdische Leben in Deutschland.«

Recklinghausen

Wie der Fußball Eddy rettete

Die Jüdische Gemeinde und Schulen der Region trugen den Emanuel-Schaffer-Cup aus – in Erinnerung an den legendären israelischen Trainer

von Martin Krauß  16.07.2026

Maccabiah

Momente, Medaillen, Menschen

Nach zwei Wochen ist das größte internationale Sportevent in Jerusalem erfolgreich zu Ende gegangen

von Katrin Richter  15.07.2026

Programm

100 Synagogen, zwei Chemnitzer und ein Eis am Stiel: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 16. Juli bis zum 23. Juli

 15.07.2026

Jahrhundertzeugin

Wie eine Sintiza die Nazizeit überlebte und ihre Heiterkeit rettete

Frieda Daniels ist Hochseilartistin. Sie floh als Sintiza vor der Vernichtung durch die Nationalsozialisten. Als 93-jährige Zeitzeugin war sie nun in Heidelberg zu Gast. Eine außergewöhnliche Lebensgeschichte

von Stefanie Ball  15.07.2026

Interview

Glaubwürdigkeit schaffen

Yuki Ronen Schmidt über die Arbeit von Miphgasch/Begegnung und die eigene Rolle in dem Bildungsarbeitsprojekt

von Pascal Beck  14.07.2026

Düsseldorf

Das Om im Schalom

Die Jüdische Volkshochschule bietet Kurse an, die Yoga und Judentum verbinden. Das Online-Angebot ist auch offen für andere Gemeinden und Interessenten

von Annette Kanis  13.07.2026

Porträt der Woche

Spezialist für Musicals

Adam Benzwi ist Amerikaner und entdeckte in Berlin die Schlager der 1920er-Jahre

von Gerhard Haase-Hindenberg  12.07.2026

Berlin

Türkisches Unternehmen »Medicana« neuer Träger vom Jüdischen Krankenhaus

Die 270-jährige Tradition des Hauses bleibe bewahrt – Kritik an der Übernahme kommt von Ver.di

 10.07.2026

Entscheidung

Halberstädter Museum für jüdische Kultur wird weiter gefördert

Im Jahr 2001 wurde das Berend Lehmann Museum für jüdische Geschichte und Kultur in Halberstadt gegründet. Zum Museum gehören die frühere Mikwe sowie die Synagoge im ehemaligen rabbinischen Lehrhaus, der Klaus. Sie bekommen weiterhin eine Förderung.

 09.07.2026