Hugo Heymann

»Sein Schicksal ist exemplarisch«

Herr Reitzenstein, während Ihrer Recherche zu der SS-Einrichtung »Ahnenerbe« stießen Sie 2014 auf Hugo Heymann, den jüdischen Vorbesitzer der heutigen Dienstvilla des Bundespräsidenten in Berlin-Dahlem. Im Juni enthüllten Bundesprä­sident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau dort eine Gedenkstele. Der würdige Abschluss einer lange vergessenen Geschichte, in die im August 2017 – vor genau einem Jahr – Bewegung kam?
Unbedingt. In meinem Austausch mit dem Bundespräsidenten wurde sehr deutlich, dass ihn das Schicksal von Hugo Heymann berührt. Es ist ihm wirklich wichtig. Das war für mich im Gespräch ebenso greifbar wie die Tatsache, dass es nicht ein tagespolitischer Punkt für ihn war, der bewältigt werden musste, sondern er auch Wert auf langfristige und nachhaltige Erinnerung an dieses in vielerlei Hinsicht exemplarische Schicksal der Familie Heymann legt. Aus diesem Grunde wird das Bundespräsidialamt bald auch eine umfangreiche Broschüre zum Leben und Schicksal der Familie Heymann herausgeben.

Bis das Bundespräsidialamt nach Ihrer Veröffentlichung auf Sie zukam, hat es allerdings eine Weile gedauert.
Da mag 2014 etwas schiefgelaufen sein. Aber seit August 2017 hat sich viel Grundlegendes bewegt. Nachdem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier über die Vorgeschichte der Villa während der NS-Zeit informiert wurde, gab er im August vergangenen Jahres bekannt, das Haus erst dann beziehen zu wollen, wenn dessen Geschichte aufgearbeitet ist und des jüdischen Vorbesitzers in angemessener Form gedacht wird. Diese Versprechen hat er eingelöst. Es hat mich sehr beeindruckt, mit welcher Empathie der von ihm beauftragte Spitzenbeamte sich diesem Thema gewidmet hat und bis heute widmet.

Mit den Recherchen zu Ihrem Buch haben Sie den Stein ins Rollen gebracht. Wie haben Sie Hugo Heymann entdeckt?

In meinem Buch »Himmlers Forscher« stand nicht Hugo Heymann im Mittelpunkt, sondern das aus dem SS-Ahnenerbe hervorgegangene »Institut für wehrwissenschaftliche Zweckforschung der Waffen-SS«. Es steuerte entsetzliche Medizinverbrechen an unzähligen Opfern von jener Liegenschaft aus, die die heutige Dienstvilla des Bundespräsidenten umschließt und deren Voreigentümer der Chef der Mendelssohn-Bank, Rudolf Löb, war. Bei den Recherchen damals fiel mir auf, dass das »Ahnenerbe« sehr viele hochwertige Immobilien an sich gebracht hatte, darunter fast ein komplettes Straßenkarree in Dahlem. Davon ausgenommen war die Villa des Verlegers Waldemar Gerber. Ich fragte mich, ob Gerber wohl auch ein Ariseur war, und stieß auf die Voreigentümer, die Familie Heymann, sowie auf die Veräußerungsumstände und den Restitutionsprozess nach dem Krieg – beides war skandalös. Hugo Heymann war ein Aspekt, der plötzlich im Raum stand.

Weshalb hat Sie das Schicksal von Hugo Heymann so beschäftigt?
Ich halte es für wichtig, dass es dem NS-Regime in letzter Konsequenz nicht gelingt, im Jahr 2018 so viele Aspekte aus dem Leben Hugo Heymanns weiter im Dunkeln zu lassen. Ich wollte auf sein Schicksal aufmerksam machen – gerade, weil es so exemplarisch ist.

Was ist wichtig an Hugo Heymann?
Die Zeit zwischen 1932 und 1935 spielt bislang weder in der Forschung noch im öffentlichen Bewusstsein eine wesentliche Rolle. So gab es Menschen, die vor 1933 oder vor Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze 1935 auswandern wollten oder ausgewandert sind, weil sie sich bedroht fühlten und ihr Eigentum zu Schleuderpreisen veräußern mussten – Hugo Heymann ist ein Beispiel dafür. Selbst 2018 gab es Stimmen, die sagten, es habe sich nicht um eine typische Arisierung gehandelt, da die gesetzlichen Rahmenbedingungen erst später entstanden seien. Hugo Heymann oder anderen dürfte es wohl egal gewesen sein, wann das NS-Regime Unrechtsgesetze erlassen hat. Der Verfolgungsdruck hat Vermögensverluste verursacht.

Diese Lücke sollte geschlossen werden?
Ja, denn es ist im öffentlichen Bewusstsein wenig darüber bekannt, dass viele Juden Deutschland vor 1933 verlassen haben – aus Sorge, aus Furcht davor, was kommt. Die Anzahl der Fälle von körperlicher Gewalt bereits vor dem 30. Januar 1933 war signifikant. In diese häufig nicht im Fokus stehende Lücke zwischen aufkommender körperlicher Bedrohung vor der Machtübernahme und dem Erlass beispielsweise der Nürnberger Gesetze fällt auch das Schicksal von Hugo Heymann.

Sie wollten auch an Hugo Heymann und seine Frau Maria erinnern und haben 2014 Stolpersteine vor der Villa gestiftet, deren Verlegung aber erst drei Jahre später an anderem Ort stattfand.
Kriterium der Stolpersteininitiative ist, dass die Steine am letzten frei gewählten Wohnort verlegt werden sollen. Für mich war daher klar: Wer sich schon 1932 entschließt, Deutschland zu verlassen, weil er sich vom aufkommenden Nationalsozialismus bedroht fühlt, wird planvoll vorgehen. So ist es schlüssig, dass Hugo Heymann die Liegenschaften, die am schwersten verkäuflich waren, zuerst auf den Markt brachte und dann noch in Deutschland bleiben musste, um nach Verkauf seiner Fabrik und seiner Zinshäuser Dinge wie »Reichsfluchtsteuer« und eine »Dego«-Abgabe zu zahlen, bevor er ausreisen durfte. Diese Abgabe stieg bis 1939 auf 96 Prozent jenes Vermögens, das ausreisende Juden mitnehmen wollten – ein schamloses Ausplünderungsinstrument. Für mich war die Villa der letzte Wohnsitz, an dem die Familie freiwillig lebte – alles andere waren Stationen auf einer versuchten Ausreise. Ich halte die Stolpersteininitiative für eines der beeindruckendsten Elemente der Erinnerungskultur, weil sie an so vielen Orten die von der NS-Gewaltherrschaft gerissenen Lücken nahebringt. Wenn andere die Berkaer Straße für den letzten frei gewählten Wohnort der Heymanns halten, ist das in Ordnung. Wissenschaft lebt ja von unterschiedlichen Meinungen. Wichtig ist allein, dass die Steine verlegt wurden und an Familie Heymann erinnern.

Stolpersteine sollen stellvertretend für ein komplettes Leben stehen ...
... einen Beruf, Familie, Lebensfreude. Gerade Biografien unbekannter Opfer können da einen bewussten Kontrapunkt zu heutigen medialen Debatten setzen. Schließlich hat mich die Entwicklung der Debatte um Hugo Heymann dazu gebracht, mich weiter mit ihm zu befassen. Es sind inzwischen weitere interessante Aspekte aufgetaucht.

Welche sind das?
Historiker lernen weder Immobilienbewertung, Gesellschafts- noch Bilanzrecht; ebenso wenig wie die Auswertung medizinischer Befunde. Wenn man das Schicksal von Hugo Heymann bewerten will, bedarf es aber beispielsweise Untersuchungen der Todesumstände, der Befunde, der Klärung der Frage, ob er aus wirtschaftlicher Not verkauft hat – was der Notar nach dem Krieg ausdrücklich verneinte. Deswegen ist der Fall Hugo Heymann einer, der die Chance bietet, transdisziplinär zu arbeiten, um die objektiven Fakten besser zu beurteilen.

Die Gedenkstele in Dahlem enthält bereits viele Informationen, das Bundespräsidialamt plant eine Broschüre. Ist die Geschichte von Hugo Heymann damit zu Ende erforscht??
Keineswegs. Es sollte weiter gesucht werden. Hugo Heymann könnte Ausgangspunkt für weitere ertragreiche Forschungsarbeiten sein. Es wäre sinnvoll – etwa für eine Masterarbeit oder ein Forschungsprojekt –, in die Quellen zu gehen und damit zugleich in der medialen Debatte das öffentliche Bewusstsein für Schicksale wie das von Hugo Heymann zu schärfen.

Wo könnten solche Arbeiten ansetzen?
Es gibt etwa den Hinweis, dass Hugo Heymann 1932 eine komplette Fabrikeinrichtung zur Produktion künstlicher Perlen aus Fischsilber an sein Auswanderungsziel Stavanger in Norwegen verschifft hat. Zu jener Zeit dürfte ein Visumsantrag notwendig gewesen sein. Auch andere behördliche Korrespondenz ist möglicherweise in Norwegen noch auffindbar – da gilt es nachzuhaken. Denn vertiefende Recherchen dürften wesentlich dazu beitragen, die Gedanken und Beweggründe von Hugo Heymann zu verstehen. Man kann beispielsweise auch der Rolle von Georg Lehmann nachgehen.

Wer war das?

Lehmann, einer von zwei jüdischen Notaren dieses Namens in Berlin, beriet Waldemar Gerber und wirkte gleichzeitig als Notar beim Villenverkauf. Das wirft ebenso Fragen auf wie seine Rolle nach dem Krieg, als er – nach Argentinien emigriert – für die deutsche Botschaft Kontakt zu geflüchteten deutschen Juden hielt und sich widersprüchlich über seine Rolle beim Villenverkauf äußerte. Ich bin sicher, dass es noch viele weitere Fundstellen gibt, mit deren Hilfe sich das Leben und Schicksal von Hugo Heymann besser ergründen lässt.

Welche Schlüsse lässt Hugo Heymanns Schicksal bezüglich der Debatte zu, ob dieses Gedenken gerechtfertigt ist?

Wer sich auch nur einen Tag in das Leben von Hugo Heymann nach dem Auszug aus der Villa versetzt, vermag dessen fortschreitende Entrechtung und Ausgrenzung zu spüren. Das ist ein Ansatz, bei dem manche medial beklagte Ungerechtigkeit unserer Zeit plötzlich banal erscheint. Die Beschäftigung mit Hugo Heymann kann eine Tür öffnen für eine weitere Form von Erinnerungskultur, die in Zeiten medialer Gerechtigkeitsdebatten und moralischem Narzissmus Augen öffnet für dramatische Schicksale von Stützen der Gesellschaft, die schon vor 1933 durch menschenfeindliche Politik aus ihrem Leben gerissen wurden.

Mit dem forensischen Historiker der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf sprach Katharina Schmidt-Hirschfelder.


Das Buch »Himmlers Forscher – Wehrwissenschaft und Medizinverbrechen im ›Ahnenerbe‹der SS« erscheint im Herbst 2018 in 2., erweiterter, Auflage im Verlag Ferdinand Schöningh.


www.himmlers-forscher.de
www.julienreitzenstein.de

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