Frankfurt

Seid bereit

Der Platz hinter dem Casino der Goethe-Universität am Campus Westend in Frankfurt wirkt fast noch jungfräulich. Im Schatten der umliegenden Gebäude breitet er sich aus, glatt, weiß, farblich angepasst an die Machtarchitektur des Poelzigbaus, in dem die IG-Farben ihren Sitz hatte. Aufgrund seines martialischen Aussehens wird er von den Studierenden nur »Exerzierplatz« genannt.

Appell Zwischen 400 und 500 Menschen haben sich am Sonntag in der Mitte dieses Platzes eingefunden. Kleine Feuerkelche erhellen das Szenario und grenzen gleichzeitig ein Rechteck ein, entlang dessen sich die Anwesenden in Gruppen aufstellen, sortiert nach ihren Herkunftsstädten. Ein bunter Haufen. Die Ältesten gehen allmählich auf die 70 zu, die Jüngsten kommen gerade in die Pubertät.

Rechts, am Rand des imaginären Rechtecks, wartet Micha Feldmann bis die Gruppen ihre Plätze eingenommen haben. Als alle bereit sind, gibt er seinen Befehl. Auf ein Wort hin verschränken die Anwesenden die Hände hinter dem Rücken und stehen in strammer Körperhaltung auf dem Platz. Ein weiteres Wort und alle stellen ein Bein aus. Ein Ritual, das sich während des etwa 30-minütigen Mifkads (hebräisch für Appell) noch einige Male wiederholen wird. Feldmann blickt über den Platz, sieht Männer in Anzügen, Frauen in Abendkleidern und jede Menge Jugendliche in blauen Jacken, dem Erkennungszeichen des Vereins, den er seinerzeit mitbegründet hat. »50 Jahre ZJD« prangt an einem Metallzaun im Hintergrund – 50 Jahre Zionistische Jugend Deutschlands.

Ordnung Schon am Nachmittag waren sie zusammengekommen: Im Sitz der ZJD, einer kleinen Gründerzeitvilla im Frankfurter Nordend, herrscht gegen 15 Uhr Gedränge. Nach Jahrgängen geordnet, haben sich etwa 200 ehemalige und aktive Mitglieder auf verschiedene Gruppenräume verteilt. Bei den Jahrgängen 1950 bis 1959 ist die Stimmung gelöst wie auf einer Klassenfahrt. Etwa 40 ehemalige ZJDler sitzen in dem viel zu kleinen Raum auf jedem freien Stück Boden. »Time of my life« lautet das Motto der Jubiläumsfeierlichkeiten. Und wer zuhört, wie unter lautem Kichern und Lachen Anekdote um Anekdote die Runde macht, erkennt schnell, dass für viele die Jahre im ZJD tatsächlich die beste Zeit ihres Lebens gewesen ist.

»Wer kennt noch den Flugzeugsketch vom Tubi?«, fragt einer, »den könnten wir doch machen.« Diskutiert wird das Abendprogramm. Der angesprochene Tubi Neustadt versucht, ein wenig Ordnung in die Diskussion zu bringen. Drei Minuten werden dieser »mittleren Generation« des ZJD, die in den 70er-Jahren aktiv war, am Abend zur Verfügung stehen. Drei Minuten für ein kleines Bühnenstück, das Auskunft über ihre Zeit im ZJD geben soll und über das, was aus den Träumen von damals geworden ist.

Alija »Wie viele hier leben denn heute tatsächlich in Israel?«, fragt Neustadt. Fünf Hände recken sich in die Höhe. »Und wie viele haben es versucht?« Die Zahl der Hände verdreifacht sich. Auch Neustadt könnte die Hand heben. Von 1972 bis 1980 gehörte er dem Snif – der Ortsgruppe Düsseldorf an. War zeitweise deren Leiter. Drei Smalim hat er in dieser Zeit gesammelt, kleine Anstecker, die der ZJD als eine Art Rangabzeichen vergibt. Das dritte Semel bedeutet zugleich die Verpflichtung zur Alija – zur Rückkehr nach Eretz Israel.

Neustadt hat es versucht. Zweieinhalb Jahre hat er in der israelischen Armee gedient, sechs Jahre in Israel gelebt. Dann kehrte er aus beruflichen Gründen nach Deutschland zurück, eine nicht verwirklichte Alija, wie sie viele hier mitgemacht haben. Auch das ist Thema des Abends. »Wenn wir schon nicht in Israel sind«, erklärt Neustadt, »sollten wir wenigstens etwas dazu sagen.«

50 Jahre nach seiner Gründung scheint sich für die ZJD die Frage zu stellen, was »zionistisch« noch bedeutet. Im Gründungsaufruf von 1959 hieß es noch klar: »Wie es für Deutsche nur ein Deutschland, für Russen nur ein Russland gibt, so sollte es für Juden auch nur eine Heimat geben.« Am Sonntag aber scheint Israel nur eine von vielen Heimaten zu sein. Die Aktiven kommen aus allen Teilen Deutschlands, die Ehemaligen aus Frankreich, Belgien, Kanada – einige auch aus Israel.

Nachwuchs Daniel Lewin, Mitglied im Elternvorstand und Teil des siebenköpfigen Organisationskomitees, kann nur schwer einschätzen, welche Rolle die Alija für die aktuelle Generation der ZJDler spielt. »Natürlich sind die Lebensbedingungen in Israel nicht immer so, wie sie sich Jugendliche ausmalen«, erklärt der 50-Jährige. »Dennoch, unsere Heimat bleibt Israel. Wir versuchen nach wie vor, den israelischen Staat zu unterstützen.« Auch der 16-jährige David Bruck vom Snif Berlin glaubt, dass die Bereitschaft zur Alija zurückgegangen ist. »Der ZJD ist heute eine Organisation, die darauf basiert, dass jüdische Jugendliche aus den verschiedenen Städten sich kennenlernen.« Dennoch spiele der Zionismus nach wie vor eine wichtige Rolle. »Das zeigt sich in der Liebe zu Israel.«

Hatikwa Auf dem »Exerzierplatz« nimmt Micha Feldmann weiter den Mifkad ab. Die einzelnen Snifs werden aufgerufen. Die Madrichim berichten, wie viele Mitglieder anwesend sind. Insgesamt werden 460 Gäste gezählt. »Unglaublich«, sagt Esther Heuberger vom Elternvorstand, »alle nur über das Internet mobilisiert.« In Micha Feldmanns Rücken ist derweil der Schriftzug »50 Jahre ZJD« in Flammen aufgegangen, entzündet durch mehrere Madrichim. Über dem Exerzierplatz weht die israelische Flagge, und die versammelten ZJDler stimmen die Hatikwa an. Zum Abschluss gibt es noch eine besondere Auszeichnung für die Anwesenden, einen speziellen Semel anlässlich des Jubiläums. Für manche ist es bereits der dritte.

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